Nº 253
Discussion on Swiss design. Renate Menzi, Simon Husslein, Jörg Boner

Das Museum für Gestaltung Zürich bereitet derzeit die Ausstellung „100 Jahre Schweizer Design“ vor, mit der im September 2014 das neue Schaudepot im Toni-Areal eröffnet wird. Wir sprachen mit Renate Menzi, der Kuratorin der Ausstellung, sowie mit den Produktdesignern Jörg Boner und Simon Husslein über das Spezifische am Schweizer Design – über dessen Stärken und Schwächen, seine Protagonisten und Ikonen, über Vergangenheit und Perspektiven.

Frau Menzi, wie definieren Sie Schweizer Design?

Renate Menzi: Ich erinnere mich an ein Interview mit Jörg Boner, in dem er gesagt hat, Schweizer Design habe etwas „Uhrmacherliches“. Da ist schon etwas dran. Es ist von der Feinmechanik geprägt, zum Beispiel von den kleinen Scharnieren an den Klappmöbeln. Oder die Stahlrohrmöbel. Da kommen die Schweizer, historisch gesehen, zwar etwas verzögert, aber dafür sind sie raffinierter und feiner, haben weniger Biegungen, sind reduzierter, und von der Verarbeitung her haben die Produkte von jeher einen hohen Qualitätsstandard.

Möbel, vor allem Stühle werden in Ihrer Ausstellung eine bedeutende Rolle spielen. Ist die Schweizer Designkultur vorrangig vom Möbelhandwerk geprägt?

Renate Menzi: Wir haben auch ein Kapitel mit Industriedesign, aber die Möbel, speziell die Stühle, sind einfach sehr sprechend. Es sind Statements, daran kann man sehr gut den Stand der technischen Möglichkeiten und der Gestalter als Autoren ablesen. Bei einem Haartrockner kann das auch interessant sein, aber die Differenzen werden immer kleiner bei dieser Art von Massenproduktion. Im alltäglichen Raum sind aus unserer Sicht die Möbel und die Haushaltsgegenstände relevant.


Jenseits der historischen Betrachtung, gibt es heutzutage auch noch das typische Schweizer Design?

Simon Husslein: Ich tue mich generell etwas schwer mit dieser nationalen Schubladisierung. Die Designsprache in der Schweiz ist sehr vielfältig. Und: Sie hängt meiner Meinung nach mehr von ähnlichen Motivationen der gestaltenden Persönlichkeiten ab als von einer formalen Überschrift. Was ich aber auch feststelle, ist, dass die Wertschätzung für das Raffinierte, Penible oder Akkurate in der Schweiz eher spürbar ist als in anderen Ländern, in denen ich das in dieser Prägnanz und Selbstverständlichkeit nicht angetroffen habe.
Jörg Boner: Ich würde diese Beobachtung grundsätzlich teilen, aber noch etwas hinzufügen. Es gibt, wenn man von Schweizer Design spricht, einen riesigen Unterschied zwischen der frankofonen Welt auf der einen und der germanischen oder alemannischen Welt auf der anderen Seite. Die Grenzlinie verläuft wahrscheinlich quer durch die Schweiz. In der frankofonen Welt gibt es eine viel stärkere Gewichtung der Zeichnung, der Linie, der Linienführung, und in der deutsch-schweizerischen-österreichischen Welt kommt das Technische viel stärker zur Geltung. Es braucht erst einmal die Erfindung, die Idee der Konstruktion, um überhaupt die Erlaubnis zu haben, etwas zu machen. Im Französischen, vielleicht ist es auch das Lateinische, da kann es – zum Beispiel – durchaus die Linie sein, die Grund genug ist, etwas anzugehen. Ob das funktional etwas Neues ist, spielt überhaupt keine Rolle. Seitdem ich an der ÉCAL [École cantonale d’art de Lausanne] unterrichte, ist mir das klar geworden: Es gibt die gleiche Sorgfalt, die wir einer technischen Lösung entgegenbringen, gegenüber einer Linienführung oder Farbigkeit. Das hat mit Verspieltheit gar nicht so viel zu tun, es ist die gleiche Art von Präzision, aber die bildet sich anders ab.
Renate Menzi: Das ist erstaunlich, es scheint, dass es einer Legitimation für die Form bedarf, es kann nicht ein Gestus einfach um der Form willen sein. Angenommen, es gäbe eine natioale Identität des Designs über die letzten 100 Jahre, dann sehe ich das Verbindende vor allem in der jeweiligen Zeit. Die Unterschiede zwischen den Jahrzehnten sind viel größer als die Unterschiede zwischen den Regionen. Das Formenvokabular ist in den 1950er Jahren typisch 1950er und in den 1960er Jahren typisch 1960er, und doch ist es immer die Gute Form. Um 1968 hört das auf und die Schweizer Designer versuchen auszubrechen aus diesem Korsett, machen Möbel, die – wie der Stuhl-Stuhl von Susi und Ueli Berger – scheinbar auf die Funktion pfeifen und das nimmt man dann als unschweizerisch wahr.

Nun gibt es aber viele Produkte, deren Form sich bis heute nicht verändert hat, das Schweizer Messer etwa …

Jörg Boner: Dazu gibt es ein sehr schönes Beispiel, das noch einmal den Unterschied wischen dem Frankofonen und dem Deutschen, vom dem ich eben sprach, deutlich macht. In Frankreich ist das Taschenmesser das Opinel. Das ist formal viel schöner als das Schweizer Sackmesser, technisch viel einfacher, aber es funktioniert. Das Schweizer Sackmesser funktioniert natürlich perfekt, es ist aber so was von langweilig – diese Form mit den zwei Halbkreisen, na ja. Das Opinel – hinten mit dieser Anschrägung, der Form des Griffes – hat viel mehr formale Zuwendung gekriegt.


Wenn es also das eine Schweizer Design nicht gibt, sondern sich zeitlich und regional differenziert und sich höchstens eine Gemeinsamkeit in der, wie Simon sagt, Wertschätzung für das, was gut ist, zeigt. Gibt es dann vielleicht umgekehrt betrachtet etwas, was dem Design in der Schweiz fehlt?

Jörg Boner: Also, wenn wir zum Beispiel Dänemark oder überhaupt die skandinavischen Länder anschauen, die haben ein ganz ähnliche gestalterische DNA wie wir, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass die formalen Qualitäten dort viel breiter in der Bevölkerung abgestützt sind als hier bei uns. Die haben Louis Poulsen-Leuchten zu Hause, die sind grundsätzlich designaffin, da ist das Design breiter aufgestellt. Hier gibt es einen Konsens über Qualität und gute Ausführung, aber auf formal Gutes wird nicht wahnsinnig viel Wert gelegt in der breiten Bevölkerung.
Simon Husslein: Das sehe ich auch so. Die Schönheit der Dinge kommt nicht an erster Stelle. Im Fokus stehen das Ingenieurhafte und das Funktionale.
Jörg Boner: Es gibt für mich eine interessante Bewegung derzeit. Man könnte ja behaupten, die Postmoderne ist jetzt richtig tot, die Italiener hören auf, stark zu sein, das hat inhaltliche und ökonomische Gründe, und jetzt übernimmt Skandinavien den Ball. Wenn wir bei den Möbeln bleiben, dann spielt Skandinavien mit genau den gleichen Tricks, die wir auch kennen und ausspielen könnten, aber sie tun es. Wenn man sich beispielsweise den Businessplan von Muuto anschaut, das ist verrückt, dass der dänische Staat (Nordic Venture Network) da indirekt Venture Capital investiert. Dänemark hat begriffen, dass man als Land auch so nach außen treten kann. Das findet hier zwar auch statt, es gibt auch hier viele Gelder, aber das meiste geht in die Bereiche Innovation, Patente, Wissenschaft. Was das Design betrifft, schlafen wir hier weiter.

Ja, aber es gibt doch designorientierte Unternehmen. Die Zurückhaltung kann doch nicht an deren Desinteresse liegen?

Jörg Boner: Die haben keine Kraft. In der Schweiz ist alles von der Produktionsmöglichkeit größerer KMU-Betriebe geprägt. Wir haben keine Brauns, keine Autoindustrie, wir haben auch die Produkte nicht. Wenn wir uns die potenziellen Ausstellungsexponate anschauen, da fehlen die ganz großen Kollektionen über eine große Zeitspanne, verschiedene Produkte aus einem Hause. Wir sind keine Industrienation.

Ist das auch Deine Erfahrung, Simon?

Simon Husslein: Viele Schweizer Firmen können es sich nicht leisten, ausreichend in Design zu investieren. Früher haben sich die designaffinen Schweizer Hersteller noch gemeinsam auf Messen wie der imm in Köln gezeigt, heute scheinen sie leider immer weniger präsent. Vor allem vermisst man sie in Mailand. Viele Österreicher hingegen sieht man dort, weil ihnen das Wirtschaftsministerium eine Plattform bietet – die Firmen präsentieren sich wiederholt im Rahmen einer gemeinsamen Ausstellung und machen das Spektrum der österreichischen Kreativität und Produktion so sicht- und spürbar.

Das spricht für politischen Willen. Fehlt der in der Schweiz?

Jörg Boner: Den gibt es hier auch, aber der geht, wie ich am Anfang gesagt habe, in die Innovation, in die technische Forschung. Da nimmt uns die ETH ein bisschen Geld weg. In der Frage der Gestaltung hat dieses Land nicht begriffen, dass man darüber eine gewisse Stärke aufbauen kann, dass man das exportieren könnte und dass das Rückschlüsse auf das Land zulassen würde. Das wissen die Holländer, selbst die Briten oder eben die Dänen ganz genau.

Trotzdem spielt in der Schweiz Design doch eine große Rolle. Oder seht Ihr das nicht so?

Jörg Boner: Ich würde sagen, Grafik und Typografie spielen hier eine Rolle. Produktdesign spielt hier keine Rolle.

Kein Widerspruch?

Simon Husslein: Ich stimme Jörg zu. Für die meisten Schweizer spielt gutes Design im Sinne dieser Diskussion kaum eine Rolle.
Renate Menzi: Es ist die Frage für wen. Was meinen wir mit Design? Meinen wir eine Produktkultur über alles hinweg oder meinen wir die etwas elitäre Gruppe von Designern, die sich auf einer internationalen Ebene bewegen, mit Entwürfen, die wahrgenommen und die besprochen werden. Es kommt auch immer darauf an, von welcher Zeit wir sprechen. Wenn wir den Lichtschalter von Feller nehmen, der leider nicht mehr hergestellt wird. Bei dem handelt es sich um einen Werksentwurf, und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben für mich vor allem die Werksentwürfe eine Qualität, die die Schweiz charakterisiert. Der Schalter ist funktional, aber der entscheidende Unterschied liegt in der Form. Es ist für mich kein Zufall, dass Max Bill ihn für die Ausstellung „Die Gute Form“ 1949 ausgewählt und ihn damit aus der Anonymität herausgeholt hat. „Die Gute Form“ ging wirklich darum, zu zeigen, dass die Schönheit auch eine Funktion ist. Für diese Diskussion gibt es aus meiner Sicht heutzutage keinen Ort. Es gibt keine Designkritik. Es gibt die Auswahl, von einem Museum wie dem unsrigen, wir stellen das aus und das nicht. Oder es gibt eine Stilbeilage in einer Tageszeitung, in der man vor allem Kaufempfehlungen findet, verpackt als Designbesprechungen.
Jörg Boner: Ich mag diesen Lichtschalter auch sehr gerne, und er ist vielleicht auch ein Gegenbeispiel zu dem, was ich vorher gesagt habe, hinsichtlich der fehlenden Form oder der fehlenden Zeichnung. Aber es bleibt eben innerhalb der Schweiz im Gegensatz zur Typografie, da gab es neben vielen anderen Beispielen immerhin das New York Times Magazine, das bis 2012 in Schweizer Typografie gesetzt wurde. Es gibt im typografischen Bereich ganz viel Exportmaterial, da kennt man die Schweiz auch, aber im Produktbereich bleibt es im Heimmarkt.

Ist das wirklich so? Es gibt doch Unternehmen, die exportieren.

Renate Menzi: Verglichen damit, dass wir so ein kleines Land sind, gibt es schon ein paar Produkte, die auch global erfolgreich sind.
Jörg Boner: Aber nimm die Freitag-Taschen. Die sind ein Autorenresultat, und die Autoren haben die Firma gebaut, die vorher nicht existiert hat. Das ist gut, aber es ist ein großer Unterschied zu Braun. Wenn man dagegen ein Unternehmen wie ABB (früher Brown Boweri) betrachtet, die im Prinzip Designer verpflichten könnten, da behaupte ich, dass die technologisch der technisch so gut und innovativ (gewesen) sind, dass sie keine Designer brauchen, um erfolgreich zu sein. Man sagt ja etwas polemisch über die italienische Wirtschaft, dass sie seit dem Zweiten Weltkrieg nichts Neues erfunden, sondern sich nur mit Design über die letzten 60 Jahre gerettet habe. Ich glaube, unsere Wirtschaft, die technische Produktion, hat über die letzten 60 Jahre ohne Design funktioniert.
Simon Husslein: Hier sehe ich eine große Chance für die Designhochschulen in der Schweiz, genau das mit zu verändern. Wozu benötige ich eine Hardcore Industrial-Design-Ausbildung, wenn es den Bedarf für diese Designer lokal fast nicht gibt? Der Fokus auf der Industrie in dieser Form hat doch im mitteleuropäischen Kontext nur für bestimmte Länder eine Berechtigung. Und in der Schweiz eher nicht. Anders sehe ich eine ÉCAL, die sehr autorentypologisch funktioniert. Natürlich haben gewisse Werte aus dem klassischen Industrial Design auch hier noch ihre Berechtigung. Aber ich würde mir wünschen, dass sich in den Schulen kritisch denkende Persönlichkeiten entwickeln, die neben einem hohen Maß an Fachwissen vor allem unterscheiden können, was im Design Relevanz hat und was nicht.
Jörg Boner: Und das, was ich über Italien gesagt habe, stimmt ja nur halb. Design hat ja dort nicht nur fehlende Innovationskraft im technischen Bereich wettgemacht, sondern es hat auch begonnen, eine neue Rolle zu spielen. Ich glaube nicht, dass Design dort Produkte verschönert hat, sondern es hat Produkte auch viel wichtiger, relevanter gemacht.
Simon Husslein: Das ist absolut richtig. Die Italiener haben sich mit Typologien auseinandergesetzt und Archetypen geschaffen. Sie haben zum Teil auch ganz neue Rituale geschaffen. Viele Klassiker, die wir heute als solche bezeichnen, haben diese Art von Durchsetzungskraft gehabt – manchmal auch durch irre Zufälle –, aber oft bilden sie eine gewisse Grundsätzlichkeit innerhalb eines Genres ab. Und das ist nicht selten einem Designer zu verdanken, der damals vielleicht noch gar nicht Designer genannt wurde.
Renate Menzi: Unsere Ausstellung will daran erinnern, dass es das auch in der Schweizer Designgeschichte gab. Es gab Exportschlager und es gab Produkte wie den Rey-Stuhl, den wir natürlich nicht mehr sehen können, weil wir den in Altersheimen und Mehrzweckhallen zur Genüge gesehen haben. Aber das ist ein genialer Stuhl, der sehr industriell gedacht ist. Uns geht es darum, dass man diese Dinge wieder einmal anschaut und auch wieder das Vertrauen in die Designleistung gewinnt.


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