Nº 267

Kann Design Leben retten?

Tackling the Refugee Crisis

Was kann Design für Flüchtlinge tun? Können Kreativität und Lösungsansätze von Designern Menschen helfen, die sich in solch einer schwierigen Situation befinden? Im Februar 2016 wurde die „What Design Can Do Challenge“ vor dem Hintergrund ausgelobt, dass Design einen besonderen Mehrwert liefern kann, wenn es darum geht, hochkomplexe Probleme, sogenannte Wicked Problems1, anzugehen. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Herausforderungen, die infolge unvorhersehbarer Wechselbeziehungen und Unbekannten mittels einfacher Modelle oder traditioneller, fortlaufender Methoden nur schwer oder gar nicht gelöst werden können. Diese wachsende Problematik lässt sich auch an der Zunahme von Disziplinen wie Service Design, Social Design oder Design Thinking beobachten.




Die Komplexität der Flüchtlingskrise

 

Bei der Flüchtlingskrise handelt es sich definitiv um solch ein komplexes Problem. Zunächst ist da die enorme Anzahl an Menschen, die beteiligt sind (im Jahr 2015 wurden nach UNHCR-Angaben weltweit fast 60 Millionen Menschen gezwungenermaßen vertrieben). Des Weiteren stehen sich zwei Gruppen gegenüber, einerseits eine erstaunliche Anzahl von Freiwilligen- und Bürgerinitiativen, andererseits diejenigen, die sich um die Auswirkungen einer massenhaften Immigration sorgen. Weiterhin bringt die Krise ernsthafte ökonomische Folgen mit sich, um nur einige der zahlreichen Facetten zu nennen. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Solidarität zu bekunden und der Bestätigung öffentlicher, ausländerfeindlicher Ressentiments, ringen Regierungen um Antworten. An dieser Stelle kommt eine der größten Stärken des Designs zum Tragen: die Fähigkeit, den Dialog und die Co-Kreation zwischen den verschiedenen Interessenvertretern zu fördern.





 

Fünf Briefings für die Inspiration

 

Der Wettbewerb strebt danach, Designer und Kreative aus der ganzen Welt zu motivieren, mutige und innovative Ideen zu präsentieren, um Flüchtlingen und Stadtgesellschaften zu helfen, sich anzunähern. Der erste Schritt dafür war die Förderung eines besseren Verständnisses für die dringlichsten Problemstellungen. Wie wird man den Unterschieden zwischen den einzelnen Flüchtlingen gerecht, ihren persönlichen Erfahrungen und Geschichten? Und wie kommuniziert man das auf eine Art und Weise, die Designer inspiriert und motiviert?




Bevor der Wettbewerb starten konnte, wurde viel Energie in die Formulierung des Briefings und der dazugehörigen Datenpakete investiert. Wir bedienten uns dabei einem umfassenden Bottom-up-Ansatz, der die (Neu-)Definition und Positionierung des Problems zulässt und neue Lösungsansätze möglich macht. Dabei spielte, wie in den meisten Designforschungsprojekten, Empathie eine zentrale Rolle, sowohl in Bezug auf die Flüchtlinge, als auch gegenüber anderen Interessenvertretern. Indem wir persönliche Geschichten und Anekdoten sammelten, gelang es uns, ein tiefergehendes Verständnis dafür zu entwickeln, was Flüchtlingen wichtig ist, aber auch, was die Interessen und Bedürfnisse anderer Beteiligter – direkt oder indirekt – betrifft.





 

Dabei wurde schnell deutlich, dass mehr als ein Briefing nötig war; die Wahl einer einzelnen Problemstellung als die wichtigste, wäre dem Ausmaß und der Komplexität der Gesamtthematik nicht gerecht geworden. Wir haben uns außerdem entschieden, uns auf Geflüchtete zu konzentrieren, die in Städten leben, da mehr als die Hälfte der 20 Millionen Flüchtlinge in urbanen Gebieten angesiedelt sind, wobei ein weiterer Anstieg dieser Zahl zu erwarten ist. Nach mehrfachen Iterationen wurden fünf finale Briefings formuliert. Für jedes entstand daraufhin ein einseitiges Dokument, das den Kontext des Problems und die daraus entstehenden Möglichkeiten aus der Designperspektive zusammenfasst. Ergänzt wurden diese Dokumente durch eine Auswahl aussagekräftiger Zitate und Geschichten von Flüchtlingen, Bürgern, Sozialarbeitern, politischen Entscheidungsträgern und anderen Beteiligten, die während der Recherchearbeit zusammengetragen worden waren. Designer, die sich entschlossen hatten, am Wettbewerb teilzunehmen, konnten dann ein Briefing und ein Datenpaket auswählen, sich intensiv damit beschäftigen, um Inspiration zu finden oder es als Ausgangspunkt für ihre eigene, weiterführende Recherche verwenden.





 

Von der Idee zur Wirkung

 

Die Reaktionen auf den Wettbewerb waren überwältigend; 631 Einreichungen aus 70 verschiedenen Ländern waren ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die kreative Community sich veranlasst fühlte, aktiv zu werden. Die Ideen der unterschiedlichen Designdisziplinen waren dabei vielfältig. Die besten Ideen zielen jedoch nicht nur auf eine Verbesserung der Lebensumstände von Flüchtlingen ab, sondern beziehen bereits existierende Strukturen und Akteure mit ein, sind auf verschiedene Nutzungssituationen anwendbar und berücksichtigen zudem mögliche Einschränkungen. Der Schlüssel war es, Win-win-Situationen für die Flüchtlinge, die Gemeinden und andere beteiligte Akteure zu identifizieren.

Aber damit sind wir noch lange nicht am Ziel. Damit ein Entwurf tatsächlich Wirkung zeigen kann, muss eine Idee über die Konzeptphase hinausgehen. Aus diesem Grund endet der Wettbewerb auch nicht an dieser Stelle. Es ist notwendig, dass die Designer während der Umsetzung involviert bleiben: um Prototypen zu bauen, zu iterieren und Akteure zu finden, die dabei helfen, die Lösungsansätze weiterzutragen. Aus den 631 Einreichungen wurden fünf Finalisten ausgewählt: Projekte, die sich der oben beschriebenen Herangehensweise bedienen, machen den Unterschied aus und

sind zudem skalier- und realisierbar. Die Teams mussten außerdem Energie und ein gewisses Engagement aufbringen, um ihre Ideen auf das nächste Level zu heben. Denn am Ende ist es dieses Engagement, das notwendig ist, um mit einer Idee auch tatsächlich Wirkung zu erzielen.





 

1 Horst Wilhelm Jakob Rittel, Melvin M. Webber, Dilemmas in a General Theory of Planning, Policy Sciences, volume 4, issue 2, June 1973, S. 155–169.

 

Marie de Vos arbeitet seit 2010 in der niederländischen Dependance von STBY in Amsterdam. Sie hat für zahlreiche Kunden Designforschungsprojekte entworfen und ausgeführt – in der Industrie und im öffentlichen Bereich. 2012 hat de Vos das niederländische Service Design Network mitgegründet, das sich mit der strategischen Ausrichtung und Entwicklung des Service Designs in den Niederlanden beschäftigt. Sie hat einen Master in Media Technology der Universität in Leiden. Während der „What Design Can Do Challenge“, die von de Vos koordiniert wurde, agierte STBY als Forschungspartner.

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