Nº 280
Editorial:

Grenzen

Text: Stephan Ott

Design

Er sei über jeden Ausländer froh, der straffällig werde, so Horst Seehofer in einer Bierzeltrede Anfang August 2018 im bayerischen Töging, denn derjenige könne dann leicht abgeschoben werden. Für den Bundesinnenminister, noch dazu Mitglied einer sich christlich und sozial nennenden Partei, ist eine solche Aussage ein Skandal. Nicht nur, weil sie ein verachtendes Menschenbild offenbart, sondern auch, weil sie diejenigen verhöhnt, die sich tagtäglich für die dringend notwendige, soziale Weiterentwicklung einer globalen Gesellschaft einsetzen. Wie soll beispielsweise ein Lehrer unter diesen Umständen seinen Schülern glaubhaft die Grundlagen eines demokratischen Rechtsstaates erklären können?

Seehofers Äußerung ist eines von (zu) vielen Beispielen, die Anlass geben, zu widersprechen und sich zu wehren; darauf hinzuweisen, dass es keine angeborenen, käuflichen oder sonstigen Vorrechte von Menschen gibt, weder gegenüber vereinsamten Menschen oder gegenüber Menschen mit Behinderung, noch gegenüber Menschen, die ob ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung einer vermeintlichen Norm nicht entsprechen. Respekt und menschlicher Umgang sind keine Almosen, die eine sich als Elite gerierende Gruppe nach ihrem Belieben zu verteilen gedenkt.

 

Kontext

Ganz im Gegenteil müssen wir uns fragen, ob nicht alle Lebewesen wie auch Artefakte jeglicher Art Ansprüche nach Vorbild der UN-Menschenrechtscharta genießen sollten, um das Problem des global bestehenden, gesellschaftlichen Ungleichgewichts beheben zu können. Hier mögen für den ein oder anderen Grenzen – unser Schwerpunkt – gedanklich überschritten werden, aber das ist dringend notwendig, gerade in Zeiten, in denen Unternehmen und Staaten im Begriff sind, die Welt mithilfe von virtuellen Grenzen allein zu ihrem Vorteil neu zu ordnen. Grenzen sind, so eine Erkenntnis unserer Beschäftigung mit dem Thema, nicht nur hinderlich, sondern auch hilfreich, und sei es nur, um den entscheidenden Unterschied zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung zu verstehen. Nicht zuletzt nämlich sind Grenzen weiterhin wichtige Orientierungshilfen, ohne die wir in unserer zunehmend algorithmischen Welt den Überblick verlieren würden.

 

 

Situation

Die Migration sei die Mutter aller Probleme – so eine weitere unhaltbare Äußerung des Bundesinnenministers, unter anderem all die kolonialen Großväter unterschlagend, mit deren politischem, ökonomischem und ökologischem Erbe wir uns heute noch auseinanderzusetzen haben. Es geht darum, dieser Art von Deutungshoheit Grenzen zu setzen und gleichzeitig Perspektiven zu öffnen. Ansonsten stünde es schlecht um unsere Entwicklungsfähigkeit. Wir täten uns schwer, Dinge neu einzuordnen, sie weiterzuentwickeln oder neu zu bewerten.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen klare Gedanken und einen langen Atem gegen die ideologischen Nebelkerzen, die täglich gezündet werden.

 

Stephan Ott, Chefredakteur

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