Nº 284
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Glänzende Aussichten

Text: Anton Rahlwes

Das Glatte steht für Reinheit und Perfektion, Kontrolle bis ins letzte Atom. Im ewigen Bestreben, alles kontrollieren zu wollen, glättet der Mensch so viele Oberflächen wie möglich.

Wiesen werden zu manikürtem Rasen, Pfade werden zu Straßen, komprimierter Kohlenstoff wird zu funkelnden Diamanten und raues Fell zu schimmerndem Alcantara. Die Digitalisierung befeuert dieses Bestreben und ermöglicht darüber hinaus die trügerisch leichte Kontrolle von Oberflächen. So kommt es, dass der schöne Schein immer mehr Einzug in unseren Alltag hält.

 

Acne Studios

acnestudios.com

 

 

Die Kollektionen des schwedischen Modehauses Acne Studios können in Fragen der Materialität, Farbgebung und auch im Umgang mit Geschlechterrollen getrost als Indikator für kommende Trends gehandelt werden. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in den Kollektionen für das Jahr 2020 eine Vielzahl ultra gelackter Teile findet. Das Bedürfnis, sich in hochglänzende Materialien zu hüllen, stellt per se kein Novum dar. Angesichts der Verschmutzung unserer Umwelt und der Meere durch Kunststoffabfälle offenbart dieser Trend jedoch das zwiespältige Verlangen des Menschen, sein eigenes Aussehen einem Werkstoff anzupassen, der inzwischen einer kollektiven moralischen Verachtung ausgesetzt ist: Plastiktüte? Nein, danke. Aussehen wie eine? Sehr gerne.



 

Audrey Large

instagram.com/audreylrg

 

 

„Die Funktion als letztes Bollwerk gegen die totale Abstraktion des Objekts“, so beschreibt die französische Designerin Audrey Large die vasenartigen Skulpturen ihrer Serie „Implicit Surfaces“. Die Objekte sind hybride Grenzgänger zwischen realer und digitaler Welt. Sie entstehen zunächst mit Hilfe eines Grafiktabletts und werden von Hand direkt in die dritte Dimension gezeichnet. Dies befreit Large von den Gesetzen der Gravitation und ermöglicht ein freies, intuitives Entwerfen. Die tatsächliche Beschaffenheit der Oberflächen offenbart sich erst, wenn das Objekt dank 3-D-Druck in die physische Realität gelangt. So entstehen Artefakte, die sowohl Merkmale spontanen Zeichnens, als auch die codierte Ästhetik des Digitalen aufweisen.



 

Omega Centauri

instagram.com/omega.c

 

 

Adrian Steckeweh, auch bekannt als Omega Centauri, ist ein Architekt mit Faible für Facefilter. Er experimentiert mit gerenderten Formen und Oberflächen, die sich teilweise, wie lebendige Organismen anmutend, auf die Gesichter der Nutzer legen. Gläserne Tentakel oder wippende Spiegelflächen spielen dabei bewusst mit dem Widerspruch von Realität und Fiktion. Die glänzenden Oberflächen seien in der Wirklichkeit schwer umzusetzen, so Steckeweh. Als computergenerierte Bilder (CGI) oder Computergrafik (CG) seien die Möglichkeiten jedoch unbegrenzt und es ließen sich Materialien jenseits der Realität entwickeln. Die Selbstentfremdung im virtuellen Raum ist dieser Tage weit verbreitet und ist vielleicht ein erster Schritt in eine neue post-physische Welt.



 

Gonzalez und Haase AAS

gonzalezhaase.com

 

 

Das Berliner Architekturbüro Gonzalez und Haase AAS genießt derzeit viel Aufmerksamkeit. Ob in Mailand (Spazio Maiocchi), bei ihrem Nachbarn Andreas Murkudis in Berlin, in Lissabon für das Luxuslabel Tem-plate oder global für Balenciaga und Weekday: das Büro, geleitet von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez, gestaltet Stores und Verkaufsflächen, die die Wahrnehmung des stationären Einkaufens im 21. Jahrhundert prägen. Wir haben Judith Haase drei Fragen zu Hochglanz-Oberflächen gestellt.

 

Ist „glossy“ das neue Schwarz?

Wir richten uns nach keinem Trend. Wir arbeiten grundsätzlich mit Gegensätzen. Wobei die Oberflächenbeschaffenheit bei uns durch das Material selbst kommt. Zum Beispiel, wenn wir spiegelnde Oberflächen einsetzen, setzen wir auch matte, raue Oberflächen in unmittelbarer Nähe ein: von haptisch interessanten Oberflächen zu fast hygienisch strukturlosen Flächen. Durch die Gegensätze entsteht ein interessantes Spiel mit dem umgebenden Raum und seinen Besuchern. Die Auseinandersetzung mit Räumen ist immer auch eine Auseinandersetzung mit Oberflächen.

 

Welche Oberflächen sprechen Euch an?

Uns sprechen Materialien an. Das ausgesuchte Material gibt die Oberfläche und Farbe vor. Ausgangspunkt für die Materialwahl ist der existierende Raum und seine Lichtverhältnisse, seine Öffnungen zum natürlichen Licht. Wir arbeiten mit lichtreflektierenden Oberflächen oder mit nicht reflektierenden, stumpfen Oberflächen. Licht, natürlich und künstlich, ist bei unseren Projekten und der Materialwahl ein entscheidendes Element.

 

Inwiefern beeinflussen in der Digitalität entstandene Ästhetiktrends die Gestaltung von realen, physischen Räumen oder Objekten?

Uns beeinflussen viele neue Techniken, die durch die Digitalisierung und industrielle Entwicklung permanent entstehen. Wir haben ein Team, das ständig nach neuen Techniken und Materialien recherchiert. Wir arbeiten in unseren Entwürfen mit Materialstärken, Materialzusammensetzungen und Materialverbindungen und versuchen dabei, an die Grenzen des Materials zu gehen. Die Details, die wir dazu entwickeln, zeigen ohne zu kaschieren unmittelbar das Material selbst. Im Entwurfsdetail sind unsere Handschrift beziehungsweise unsere ästhetischen Vorlieben ablesbar.



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