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Discrimination Follows Design Design Follows Discrimination

Text: Anja Neidhardt und Lisa Baumgarten

Sowohl im Feminismus als auch im Design steht das Machen im Mittelpunkt. Es geht jedoch um mehr als reine Repräsentation, blaue und rosa Verpackungen, Rollenbilder oder einen weiblichen Rachefeldzug. Es geht um eine gerechtere Welt für alle – nicht um die Umkehrung der Machtverhältnisse. Design macht unsere Welt und reproduziert dabei diskriminierende Strukturen, deshalb muss es sich grundlegend verändern.



 

Das Aufkommen der Designdisziplin ist eng mit der industriellen Warenproduktion im 19. Jahrhundert, dem Kapitalismus und dem Wertesystem der Moderne verknüpft. All diese Entwicklungen sind innerhalb patriarchaler Strukturen entstanden. Kolonialismus und damit verbundener Rassismus sind bedeutende Bestandteile dieser Entwicklungen.

Design ist eingebunden in die Erschaffung unserer Welt. Gleichzeitig hat unsere Umgebung einen großen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir gestalten. Standards der Massenproduktion und des Industriedesigns basieren größtenteils auf einem jungen, gesunden, heteronormativen, männlichen Körper. Je mehr unser Körper von diesem Standard abweicht, desto schwieriger ist es, durch die gestaltete Umgebung zu navigieren. Die Definition guter Gestaltung (zusammengefasst in Prinzipien wie: Form folgt Funktion, weniger ist mehr), die in einem westlichen, weißen, männerdominierten Kontext entstanden ist, wird bis heute noch häufig als objektiv angesehen. Der Glaube, sie sei eine universell anwendbare Gestaltungsformel, hält sich hartnäckig – nicht nur in trendigen Lifestyle-Magazinen, sondern auch unter Designer*innen, in ernst zu nehmenden Fachpublikationen und in Hochschulen und Universitäten.

Solange wir diesen Annahmen unhinterfragt folgen, werden wir Kompliz*innen in der Reproduktion von Strukturen, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Klasse, Behinderung oder Alter diskriminieren oder privilegieren. Wir dürfen nicht länger die Augen davor verschließen, dass Design in ein Machtgefüge eingebunden ist. Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Verfechterin feministischer und antirassistischer Ansätze bell hooks nennt diese Dynamik „imperialist white supremacist capitalist patriarchy“.

Die Erkenntnis, dass es weder eine neutrale Wissensbildung noch eine wertfreie Designpraxis gibt, ist bei weitem keine Neuheit und geht unter anderem auf feministische Wissenschaftler*innen der 1970er-Jahre zurück. Sie haben immer wieder betont, dass es nicht um die Frage geht, wie wir ohne Werte gestalten können, sondern welchen Werten wir folgen. Die Autorinnen dieses Textes definieren Feminismus mit bell hooks als eine sozialpolitische Bewegung, die das Ziel hat, „Sexismus, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden“. Feminismus existiert „nicht nur als Antwort auf, sondern auch in der Form von gelebten Erfahrungen realer Menschen“, erklärt Mimi Marinucci. Frauen sind keine homogene Gruppe und erfahren nicht dieselben Formen der Unterdrückung. Daher muss Feminismus intersektional sein, muss also die komplexen Verknüpfungen von Sexismus, Rassismus und Klassismus und die damit einhergehenden Unterschiede von Lebensrealitäten anerkennen. Feminismus fühlt sich demokratischen Werten wie Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit verpflichtet. Diese in die Praxis umzusetzen, bedeutet zwangsläufig auch, sich kritisch mit der Gestaltungsdisziplin auseinanderzusetzen und sie zu verändern. Feminismus ist daher kein Thema, das sich in einem einzelnen Projekt abhandeln lässt, sondern eine Perspektive und Herangehensweise, die sich durch alle Aspekte des Lebens und der Arbeit ziehen. Es gibt verschiedene Feminismen, verschiedene Ansätze und Schwerpunkte. Auch wenn die Repräsentation von marginalisierten Gruppen essenziell ist, müssen wir dennoch weiterdenken als nur an eine Annäherung an den weißen, männlichen Standard.

 

“Feminismus ist in vielerlei Hinsicht eine Bewegung. Wir sind bewegt, Feminist*innen zu werden. Vielleicht werden wir durch etwas bewegt: einen Gerechtigkeitssinn, dafür, dass irgendetwas nicht stimmt […] Eine feministische Bewegung ist eine kollektive politische Bewegung. Viele Feminismen bedeutet viele Bewegungen. Ein Kollektiv ist etwas, das nicht stillsteht, sondern durch Bewegung hervorgebracht wird und Bewegung hervorbringt.” – Sara Ahmed

 

Nehmen wir als Beispiel die Designausbildung: Wie und von wem Wissen über Gestaltung gebildet wird, hat einen entscheidenden Einfluss auf die Konstruktion und die Anerkennung unserer Wirklichkeit. Und wie dieses Wissen dann gelehrt wird, hat nicht nur Auswirkungen auf uns im Hier und Jetzt, sondern auch auf zukünftige Generationen. Ein radikaler, struktureller Ansatz, wie ihn eine intersektional-feministische Perspektive formuliert, bedeutet sowohl große Veränderungen von Außen als auch kleine von Innen – und die Chance eine gerechtere Designdisziplin und dadurch eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.

Konkret heißt das, zu erkennen, dass Theorie und Praxis untrennbar miteinander verknüpft sind, genauso wie Form, Funktion und Inhalt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für eine Lehre auf Augenhöhe unter Einbeziehung der Studierenden und deren Lebensrealitäten in den Unterricht. Das kann durch eine offene Kommunikation der eigenen Agenda, der Ziele des Kurses und der Erwartungen aller Involvierten umgesetzt werden. Das Sprechen über Hierarchien und wie mit ihnen umzugehen ist, hilft ebenso wie die gemeinsame Gestaltung des physischen Raums dabei, Orte zu schaffen, an denen mit- und voneinander gelernt werden kann. Um eine respektvolle Gesprächskultur zu ermöglichen und die Anwesenheit aller anzuerkennen, können etwa beim Kennenlernen die Pronomen aller Beteiligten erfragt – und gleichzeitig die Motivation hinter dieser Praxis besprochen werden. Bedürfnisse und Fähigkeiten sind sehr unterschiedlich. Darauf einzugehen und alternierende Formate mit anschließenden Feedbackrunden anzubieten, gibt den Studierenden die Möglichkeit, sich selbst und andere besser zu verstehen und auch bessere Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft zu treffen. Für Lehrende ist es wichtig, die eigene Position in den Hierarchien unserer Gesellschaft zu reflektieren und bei Bedarf mit Expert*innen zusammenzuarbeiten: Welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung, welchen finanziellen Hintergrund habe ich? Bin ich mit meiner beruflichen wie auch persönlichen Erfahrung in der Lage, bestimmte Themen angemessen und respektvoll zu behandeln? Gibt es andere Personen, die qualifizierter sind?

Ebenso wichtig ist es, Inhalte kritisch zu hinterfragen: Wie definieren wir Design und welche Prozesse und Personen werden durch diese Definition ein beziehungsweise ausgeschlossen? Was können wir von den Geschichten hinter den Dingen lernen? Wie ist der Designkanon entstanden? Weshalb brauchen wir überhaupt Stardesigner*innen, unabhängig von ihrer Identität? Warum propagieren wir weiterhin das Einzelkämpfer*innentum und ignorieren, dass Gestaltungsprozesse im Grunde immer kollaborativ sind? Wer entwickelt Gestaltungstools und auf Basis welcher Vorannahmen?

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortlichkeit muss Bestandteil der Designausbildung sein. Reflektiertes Entscheiden und Handeln setzt einen bewussten Umgang mit Normen, dem Kanon und Tools voraus – nur so können mögliche negative Auswirkungen erkannt und verhindert werden.



 

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

 

Anoushka Khandwala, What does it mean to decolonize design?, in AIGA Eye on Design Magazine, 2019. Online verfügbar unter https://eyeondesign. aiga.org/what-does-it-mean-to-decolonize-design (zuletzt geprüft am 18. März 2020).

 

Ece Canli, Luiza Prado, Design and Intersectionality. Material Production of Gender, Race, Class – and Beyond, Symposium Intersectional Perspectives on Design, Politics and Power at the School of Arts and Communication, Malmö University, 14. und 15. November 2016.

 

Sasha Costanza-Chock, Design Justice: Towards an Intersectional Feminist Framework for Design Theory and Practice, in Proceedings of the Design Research Society, 2018. Online verfügbar unter https://ssrn.com/abstract=3189696 (zuletzt geprüft am 18. März 2020).

 

Ramon Tejada (Hrsg.), Decolonising Design Reader. Online verfügbar unter https://docs.google.com/document/d/1Hbymt6a3zz044xF_LCqGfTmXJip3cetj5sHlxZEjtJ4/edit (zuletzt geprüft am 18. März 2020).

 

Dori Tunstall, Decolonising Design, Berkeley Talks (12), 2019. Online verfügbar unter https://news.berkeley.edu/2019/01/25/berkeley-talks-doritunstall/ (zuletzt geprüft am 18. März 2020).

 

Danah Abdulla, Ahmed Ansari, Ece Canli, Mahmoud Keshavarz, Matthew Kiem, Pedro Oliveira, Luiza Prado, Pedro Schultz, The Decolonising Design Manifesto, in Journal of Futures Studies, Jahrgang 23, Ausgabe 3, 2016. Online verfügbar unter https://www.researchgate.net/publication/329375428_The_Decolonising_Design_Manifesto (zuletzt geprüft am 18. März 2020).

 

Modes of Criticism 4, Radical Pedagogy. Eindhoven: Onomatopee, 2019.

 

 

LISA BAUMGARTEN und ANJA NEIDHARDT gründeten 2019 die Plattform Teaching Design, die sich aus intersektional-feministischer und dekolonialer Perspektive mit Designlehre auseinandersetzt. Lisa Baumgarten arbeitet als freischaffende Gestalterin und forscht zu Designgeschichte und -pädagogik. Sie unterrichtet Design und Designwissenschaften an deutschen Gestaltungs- und Kunsthochschulen. Anja Neidhardt promoviert am Umeå Institute of Design über feministische Taktiken als Werkzeug, um das Design neu zu gestalten. Sie schreibt für verschiedene internationale Magazine. Gemeinsam mit Maya Ober leitet sie die Plattform Depatriarchise Design.



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