1. März 2020

News

Die Neue Heimat (1950 – 1982)

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

13. März – 2. August 2020

dam-online.de

 

„Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ nennt sich etwas rätselhaft die zuvor in München und Hamburg gezeigte Schau, denn was die Neue Heimat an Siedlungen, aber auch großen Einzelbauten wie Großkliniken und Kongresszentren realisierte, war nicht im Nirgendwo angesiedelt, sondern in der ganzen alten Bundesrepublik. Ob Neue Stadt Wulfen oder Neuperlach, die Neue Heimat war dabei.



 

Der Name des gewerkschaftseigenen Konzerns war zumindest in den ersten zwei Jahrzehnten seines Entstehens auch Programm, galt es doch, nicht nur den Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, wie es in der Bundesrepublik restaurativ hieß, zu bewältigen, sondern vielen aus ihrer alten Heimat Geflüchteten und Ausgesiedelten tatsächlich nicht nur ein Dach über dem Kopf zu geben, sondern mit Infrastrukturen tatsächlich neue Heimat zu geben, also ein Umfeld zu schaffen, das ernst machte mit den Forderungen der klassischen Moderne von Licht, Luft, Sonne und Hygiene bis zur die Trennung der Funktionen berücksichtigenden Verkehrsplanung. Denn die Neue Heimat machte ernst mit dem Aufbau, nicht mit dem Wiederaufbau, nach dem, den Juristen Fritz Bauer paraphrasierend, die deutschen Städte so wieder aufgebaut wurden, wie es die Kanalisation verlangte. Darüber hinaus stand sie in einer Traditionslinie seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die von den Großsiedlungen der Weimarer Republik vor allem in Berlin, Hamburg und Frankfurt über die Wohnbauprogramme des schwedischen Wohlfahrtsstaates unter sozialdemokratischer Führung im Schweden der 1930er und 1940er Jahre bis zu den britischen New Towns nach 1945 reicht. Dazu kam die Auseinandersetzung mit Stadtraumvorstellungen wie Walter Schwagenscheidts Raumstadt und die Nutzung  entwickelter Bautechniken; Gemeinschaften sollten entstehen, die vom fragwürdigen Milljöh [Schreibweise bitte beibehalten] der Mietskasernen ebenso weit entfernt waren wie von der großmaßstäblichen Zersiedelung etwa im amerikanischen Levitttown.

Auch wenn etwa eigenständige Möbelkollektionen für die Siedlungen, wie sie etwa das Neue Frankfurt entwickelt hatte, fehlten – die sich etablierende soziale Marktwirtschaft setzte hier Grenzen –, so kann die Durchsetzung der Einbauküche, die seinerzeit auch als Schwedenküche bezeichnet wurde, doch als Designleistung der Neuen Heimat gewürdigt werden. Anderes, wie die Raumstadt, wurde zwar planerisch aufgenommen, architektonisch aber banalisiert. Bereits Mitte der 1960er Jahre gerieten die Großprojekte der Neuen Heimat dann in die Kritik, von der Unwirtlichkeit unserer Städte bis zur Gemordeten Stadt, um zwei Buchttitel zu erwähnen, war es nur noch ein kleiner Schritt. Der Grafiker Helmut Lortz, dessen Gebrauchsgrafik ab April dieses Jahres in Darmstadt gewürdigt wird, stellte etwa eine Gründerzeitstraße in Wuppertal einem Luftbild der Neuen Vahr in Bremen, einem Vorzeigeprojekt der Neuen Heimat, auf einem Umschlag der Buchreihe Bauwelt-Fundamente gegenüber. Wie denn auch heute einer jüngeren Generation die Neue Vahr dank eines Belletristiktitels als Modellfall von Langeweile gilt. Möglicherweise haben solche kritischen Einwände ihren Grund in der Dominanz der Planung gegenüber der Architektur; solche Bedenken werden in Statements mannigfaltiger Provenienz in Filmbeiträgen der Schau, die mit historischen Fotografien und Modellen reich bestückt ist, formuliert. Das Ende der Neuen Heimat 1982 ließ schließlich den sozialen Wohnungsbau in Deutschland enorm einbrechen und führte noch durch die bislang letzte sozialdemokratische Regierung zu Privatisierungen von Siedlungen, mit den heute in vielen Großstädten bekannten Folgen für den Miet- und Wohnungsmarkt.

Das Rhein-Main-Gebiet verfügt mit der Nordweststadt in Frankfurt und der Siedlung Darmstadt Kranichstein über zwei bedeutende, von der Neuen Heimat bestimmte Siedlungen. Zu ihnen werden im Begleitprogramm der Ausstellung Exkursionen, Vorträge und Filme angeboten, ein Angebot, das sicherlich zur differenzierten Sicht auf die Arbeit der Neuen Heimat beitragen kann.

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