20. Juni 2018

News

Nachruf Hermann Glaser
(1928–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

Angesichts der aktuellen Nachrichten verliert man manchmal aus dem Blick, dass Politik sich nicht nur mit großen und nicht ganz so großen Raketenmännern, Abgasskandalen und Handelsbeschränkungen, Grenzsicherung, Migration und lautem Gepöbel beschäftigt, sondern jenseits der jeweils aktuellen Aufmerksamkeitskonkurrenzen vor allem an Langfristigem, über Legislaturperioden Hinausgehendem arbeitet.



 

Dies gilt insbesondere für Bereiche, die nicht schnelle Erfolge versprechen, wie die Kulturpolitik. Diese hat in kurzer Zeit nun zwei weit über das Regionale hinausgehende Verluste zu beklagen, erst kürzlich den früheren Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, einen filmaffinen Generalisten, dem unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Kunstgeschichtler Heinrich Klotz und Politikern mit verschiedenen Parteibüchern das Frankfurter Museumsufer zu verdanken ist, und nun den jahrzehntelang von Nürnberg aus in die Bundesrepublik wirkenden Hermann Glaser.

Hoffmann wie Glaser wuchsen in der Zeit der NS-Diktatur auf und nahmen den zweiten Weltkrieg bewusst wahr, beide wandten sich der Sozialdemokratie zu, beiden ging es inhaltlich darum, Kultur nicht als elitär zu begreifen, ohne freilich in bloß Populäres abzugleiten. Glaser gelang dies in Nürnberg, einer Stadt, deren zwölfjährige Zusatzbezeichnung „Stadt der Reichsparteitage“ als Hypothek schwer lastete. Dabei kam ihm der Optimismus zugute, der nach der Desillusionierung die Flakhelfergeneration in den ersten Nachkriegsjahren prägte, oder, wie Glaser es selbst einmal in einem Buchtitel 1989 postulierte: „So viel Anfang war nie“.



 

Im Zentrum Frankens begründete er als Kulturdezernent (1964–1990) 1965 die Nürnberger Gespräche, deren Themen wie „Opposition in der Bundesrepublik“ (1968) dem Vortrag ebenso Gewicht einräumte wie der Diskussion, Auseinandersetzung statt akademischer Feier. Mit seinen Publikationen etwa zum deutschen Gartenzwerg (1973) gehörte er zu den Pionieren einer Kulturgeschichte, die im Abseitigen das Charakteristische erkannte. Glasers Interdisziplinarität, sein Vernetzen der Themen bedurfte neben breiten Interessen und enzyklopädischem Wissen eines Hilfsmittels, dass außer ihm nur wenige wie der Schriftsteller Arno Schmidt und der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg so zu nutzen wussten: dem Kartei- oder Zettelkasten. Er war sein materiell gewordenes Gedächtnis, das etwa die Dichte und den Faktenreichtum der „Kleinen Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945–1989“ ermöglichte, dem durch Bundesmittel weit verbreiteten publizistischen Hauptwerk Glasers, deren knappe Aussagen hier an einem Zitat zu Sitzmöbeln der 1950er-Jahre verdeutlicht werden sollen: „Modernität forderte nicht nur abstrahierendes Sublimierungs-, sondern auch gutes Sitzvermögen, denn die Kunststoffschalen [zum Beispiel Eames], tuchbespannten Stahlrohrschleifen [Hardoy-Chair], Sessel in Swing-Form (zum ‚gelockerten Sitzen und Plaudern‘) [Mauser-Libelle] und knirschenden Korbgeflechtstühle [zum Beispiel von Hirche oder Witzemann] waren keineswegs immer bequem. Verkauft wurden vorwiegend schrägbeinige Möbel.“

Das selbstverständliche Verknüpfen der materiellen mit der geistigen Kultur prädestinierte Glaser dazu, nicht nur Mitglied im Deutschen Werkbund zu sein, sondern als dessen Vorsitzender eine Sisyphos-Arbeit weiterzuführen. Zusammen mit Regine Halter und Bernd Meurer gehörte er zu den Gründern des „Laboratorium der Zivilisation“, das als Fortsetzung der Werkbund-Gespräche den Werkstattcharakter kultureller Aktivität, das Machen im Sinne von Otl Aicher oder Richard Buckminster Fuller betonen wollte. Dieser Ansatz ist zwar gescheitert, aber Glaser hat deshalb nicht resigniert. Dem „unvollendeten Projekt der Moderne“ (Jürgen Habermas) blieb er lebenslang verbunden.

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