1. März 2018

Dossiers

Interview mit Jan Teunen:
„Officina Humana“

Text: Stephan Ott

Das Büro ist der Ort, an dem Menschen, zumindest in der industrialisierten Welt, neben dem Zuhause die meiste Zeit verbringen. Da liegt es nahe, dem Wohlbefinden an diesem Ort eine höhere Aufmerksamkeit zu widmen, als wir dies gemeinhin tun. Dass bei der Beschäftigung mit der Konzeption und Gestaltung von Büros durchaus noch Nachholbedarf besteht, zeigt die aktuelle, bei AV Edition erschienene Publikation „Officina Humana“. Wir haben mit Jan Teunen, einem der drei Autoren von „Officina Humana“ gesprochen.



 

In Ihrem Buch haben Sie sich sehr intensiv und umfassend mit Geschichte, Typologie(n), Wesen sowie der Zukunft des Büros auseinandergesetzt. Was ist der Hintergrund dafür?

 

Die Inhalte des Buches „Officina Humana“ habe ich gemeinsam mit dem Innovationsspezialisten Andreas Kulick und dem Philosophen Christoph Quarch erarbeitet.

Initialzündung war der Gedanke, dass die Büroarbeit in der modernen fortgeschrittenen Welt zur eigentlichen gesellschaftlichen Tätigkeit geworden ist. Wir betrachten das Büro als das Steuerungsinstrument, das großen Einfluss auf Veränderungen in der Welt hat. Das Büro ist das Mastertool des Wirtschaftens und dieses Mastertool wird in den meisten Fällen sträflich vernachlässigt. Die meisten Büros werden von der wirtschaftlichen Rationalität dominiert. So geprägte Raumkulturen sind Teil von Unternehmenskulturen, die nicht zulassen, dass die Emotionen der Menschen, die darin arbeiten, sich stabilisieren können.

Die Menschen werden in diesem Umfeld krank, weil die kulturelle Umgebung nicht antwortet. Sie fallen auf Emotionen wie Angst, Wut und Trauer zurück. Das ist ein Drama. Dabei wurde das Büro explizit erfunden, um das Kostbare zu schützen. Mit unserem Buch wollen wir dazu anregen, eine Drehung zu diesem Ursprung vorzunehmen. Letztere ist notwendig, weil die Post-Digitalisierung längst in den Büroräumen angekommen ist. Viele Routinearbeiten werden von intelligenten Maschinen übernommen und was für Menschen zu tun übrig bleibt, ist die gewollte Co-Kreativität. Diese benötigt ein spezielles Umfeld, damit sie gelingt. Die Büros müssen zu Gewächshäusern werden für Kreativität, sie müssen geflutet werden mit Schönheit. Wie man das schafft, das haben wir drei Autoren in dem Buch versucht zu kommunizieren.

 

  

Was unterscheidet Ihr Buch von Bürobau-Atlanten und Planungshilfen?

 

In der Regel geht es in diesen Büchern um die Qualität, die eine funktionale Beziehung zum Raum ermöglicht. Unser Buch behandelt vor allem die Qualität, die eine poetische Beziehung betrifft.

Unser Buch ist im Dialog mit Führungskräften des Arbeiter Samariter Bundes Hessen (ASB) entstanden. Dieser Wohlfahrtsverband hat eine wunderbare Mission: „Wir helfen schnell und ohne Umwege allen, die unsere Unterstützung benötigen.“ Erkannt hat der ASB, dass es in vielen Büros eine große Not gibt. Diese Not lässt sich nur lindern, wenn man die informierte Unwissenheit in Bezug auf die Qualität von Arbeitsräumen zu Wissen und Bewusstsein transformiert.

Der ASB hat sich dazu entschlossen, kleine und mittelgroße Unternehmen zu beraten, wie aus bloßen Büroräumen Lebensräume für Potenzialentfaltung werden können. Führungskräfte in Unternehmen, die dieses Beratungsangebot beanspruchen wollen, sollten sich mit dem Officina Humana-Berater auf Augenhöhe begegnen.

Deswegen hat man beschlossen, über das „Officina Humana“-Buch Raumwissen aufzubereiten und zu teilen, sodass beim Gegenüber ein Bewusstsein für Raumqualität entsteht, damit das Differenzierungsvermögen vergrößert wird und eine Hierarchie der Unterscheidungskriterien entsteht. Eine gute Grundlage für das Miteinander.

 

  

Welches sind denn die Zielgruppen des Buches? Praktiker wie Planer, Architekten und Berater oder eher kulturwissenschaftlich Interessierte?

 

Als wichtigste Zielgruppe sehen wir die Führungspersönlichkeiten, die in kleinen und mittelgroßen Unternehmen Verantwortung tragen. Sie müssen Voraussetzungen dafür schaffen, dass ihre Mitarbeiter sich selbst motivieren können und ihre Potenziale zur Entfaltung bringen. Natürlich wollen wir auch anderen Menschen, die sich mit dem Thema Arbeitsraum auseinandersetzen, inspirieren.

Das Büro steckt in einem Dilemma fest. Das heißt, es kann nicht einfach so weitergemacht werden wie bisher und es gibt auch kein Zurück über den Weg, den man gekommen ist. Aus einem Dilemma muss man heraus durch Transformation. Es muss eine neue Kombination herbeigeführt werden und wer das erfolgreich machen will, braucht ein langes Gedächtnis. Dieses Gedächtnis wollen wir mit unserem Buch auffrischen, ohne belehrend zu sein. Eine große Inspiration dabei war folgender Gedanke von David Couzens Hoy: „Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen, aber man kann die Teile nur verstehen, wenn man einen gewissen Begriff vom Ganzen hat.“



 

Die Bedeutung des Homeoffice ist schon seit geraumer Zeit sehr groß. Diesen Bürotyp behandeln Sie auch in Ihrem Buch, er nimmt aber keinen exponierten Stellenwert ein. Was ist der Grund dafür?

 

Über das Homeoffice ließe sich sehr viel sagen und schreiben, aber dort liegt der Hase nicht im Pfeffer. In den eigenen vier Wänden fühlen sich die meisten Menschen geborgen. Sie haben dort Umstände geschaffen, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen. Sie spüren dort in der Regel Verbundenheit und fühlen sich frei. Weil das so ist, haben wir uns auf die Arbeitsräume in Unternehmen konzentriert und diese Konzentration macht meines Erachtens auch viel Sinn.

 

 

Sehen Sie in der privaten Einrichtung von Büroräumen eher eine Chance, etwa für das Wohlbefinden, oder überwiegen die Nachteile, wie ergonomische Ignoranz zum Beispiel?

 

Der Mensch hat einen Körper und diesem Körper tut es gut, wenn Arbeitsplätze ergonomisch gestaltet sind. Der Mensch hat einen Geist, und dieser bedarf Schönheit. Das heißt: gute Materialien, wohltuende Proportionen, Texturen, Farben und einiges mehr. Der Mensch hat auch eine Seele und dieses nichtorganische Organ, das zur Aufgabe hat, die Verbindung mit dem Höheren aufrecht zu erhalten, braucht Nahrung. Diese Nahrung heißt Spirit und ist konzentriert in der Religion und in der Kunst vorhanden. Deswegen ist es wichtig, dass im Arbeitsraum auch Kunst ist, als eine Art von Tankstelle für die Seele.

Im Idealfall wird diesen drei Dingen in allen Büroräumen, egal, ob es eine Garage, ein Atelier, ein Privatraum oder ein sonstiger Raum ist, Aufmerksamkeit gewidmet. Dort, wo es Defizite gibt, sollte Abhilfe geschaffen werden.

 

 

Was war die Motivation für die aufwendige Aufmachung und Gestaltung des Buches?

 

Die Tatsache, dass Qualität motiviert. Viel schöner und passender zum Namen Ihrer Zeitschrift hat das mein Freund, der Philosoph Hajo Eickhoff, einmal formuliert: „Qualität und gute Form sollten eine große Verpflichtung für jeden sein, sie haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung und auf das Wohlbefinden des Menschen. Die gute Qualität wirkt über die Sinnesorgane positiv auf unser Gemüt und ist verantwortlich für das, was wir Lebenssinn nennen, das uns anspornende Prinzip.“

Durch die Gallup-Studien wissen wir, dass es in den Büros um die Motivation und um das anspornende Prinzip nicht zum Besten bestellt ist. Die Tatsache, dass 70 Prozent aller abhängig Beschäftigten Dienst nach Vorschrift machen und 15 Prozent bereits innerlich gekündigt haben, unterstreicht, dass ein Mehr an Qualität im Umfeld des Menschen zu einem Mehr an Motivation wird.

 

 

Ihr Buch heißt nach einer von Ihnen entwickelten Beratungsmethode Officina Humana. Was verbirgt sich hinter dieser Methode?

 

Hinter der Methode verbirgt sich ein Vor-, ein Nach- und ein Zuendedenken. Das Buch ist Teil der Methode. Das Büro ist ein kulturelles Phänomen und um kulturelle Phänomene zu verstehen, braucht es der Information.

Zurück zur Methode, die Officina Humana-Methode folgt fünf Schritten:

Schritt eins ist die Anamnese, es ist ein Dialog mit dem Kunden über die Ist-Situation, über die Hintergründe und die Ursachen. Im Mittelpunkt steht dabei das Gespräch über die Philosophie, die Werte und die Haltung eines Unternehmens, aber auch über das Ambiente, in dem gearbeitet wird und über die Zukunftsvision des Unternehmens.

Der zweite Schritt ist eine Diagnose, die zweierlei analysiert. Erstens die Qualität im Umfeld und zweitens die Qualität im Umgang.

Danach gibt es den dritten Schritt – die Medikation. Es werden Konzepte für eine optimierte Umfeldgestaltung und für die Verbesserung des Umgangs miteinander entwickelt. Dazu gehören Regelwerke, die nicht dazu da sind, eine zwangsneurotische Ordnung herbeizuführen, sondern die nur ein Ziel haben: das Gelingen der Arbeitsgemeinschaft.

Das vierte Angebot ist ein Therapieangebot. Dazu gehören unter anderem Unternehmenskultur-Workshops und Vorträge zum Thema Unternehmenskultur.

Als fünftes werden Check-Ups angeboten – ein ständiges Monitoring. Die Natur hat Selbstheilungskräfte. Die hat die Kultur nicht. Deswegen muss sie täglich erneuert werden und dabei unterstützt Officina Humana seine Klienten.

 

 

Auftraggeber beziehungsweise Herausgeber des Buches ist Ihr Kunde, der hessische Landesverband des Arbeiter Samariter Bundes. Aus Ihrer Sicht: Können Publikationen dieses Aufwandes und dieser Relevanz heutzutage nur noch mit Unterstützung der Wirtschaft entstehen? Auch wenn der ASB ein Verein ist, so ist er doch auch ein wirtschaftliches Unternehmen.

 

Selbstverständlich braucht es für die Realisierung anspruchsvoller Bücher Geld. Dieses Geld für gute Bücher bekommt man dort, wo das Bewusstsein vorhanden ist, dass Geld kein Mittel ist, sondern eine Energie, die dazu da ist, die Welt auf die neue Kreation vorzubereiten. Die Geldquellen sind nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern auch Privatleute und Stiftungen. Ich freue mich ausdrücklich darüber, dass der Wohlfahrtsverband ASB Hessen Geld für ein Buch ausgibt, das als Werkzeug gedacht ist, Gesellschaft zu gestalten. Ein Buch, das zur ASB-Mission passt, zu helfen, zu dienen, Bedeutung zu kreieren und einen Unterschied zu machen.

 

 

Und wenn dem so ist, wie bewahren Sie als Autor Ihre Unabhängigkeit?

 

Sehr selten kommt es vor, dass ein Auftraggeber mich nicht lebendig macht und in dessen Firma ich mir infolge wie ein Fremdkörper vorkomme. Das ist in den letzten 20 Jahren zweimal geschehen. Einmal mit einem Unternehmer, der mitten in einem Wald Sinnloses herstellt und einmal mit einem Unternehmer, der es mit prekären Arbeitsverhältnissen zu tun hat und von mir einen Ethikkongress konzipiert haben wollte. Von solchen Auftraggebern verabschiede ich mich dann. Das geht dann immer auch einher mit Verlustängsten, aber es tröstet mich dann folgender weiser Satz des Dalai Lamas: „Etwas nicht bekommen, was man gerne hätte, ist manchmal ein großes Geschenk.“ In der Regel wird das Geschenk bald danach ausgeliefert.

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