Interview mit Thea Herold:
Schlafakademie Berlin

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Thea Herold arbeitet in Berlin als Autorin und Schlafforscherin. Sie gründete 2011 zusammen mit der Diplompsychologin Sandra Zimmermann das Experten-Netzwerk Schlafakademie Berlin. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sowie der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker und widmet sich seit über zwanzig Jahren chronobiologischen Fragestellungen im interdisziplinären Kontext. 2006 schrieb sie zusammen mit dem Schlafmediziner Ingo Fietze das Buch „Der Schlafquotient“ (Hoffmann und Campe, Hamburg). Das folgende Interview ergänzt den Artikel „Schlaf Bedürfnisse Wecken – Good Night?“ in form 271.




Wie hat sich die Relevanz des Themas Schlaf in den letzten Jahren verändert?

 

Gar nicht – wenn Sie von der Relevanz des Schlafens sprechen. So banal es klingt: Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts müssen so wie die Generationen vor uns eine beträchtliche Zeit des Lebens schlafen. Nacht für Nacht. Und wenn wir ein Drittel unserer Lebenszeit für den Schlaf einplanen müssen, dann sollte man ihn schon als relevant bezeichnen.

Oder zielt Ihre Frage auf die zunehmende Medienpräsenz – dann ja! „Schlaf“ macht immer öfter Schlagzeilen. Leider sind die meisten davon negativ geprägt und schlagen Alarm. Für die Schlafgesundheit selbst ist das selten gut.

 

 

Schlafen wir nur nachts? Was kann der Schlaf am Tag? Ist er mit Tabus belegt?

 

Die beste Zeit, um zu schlafen, ist immer noch nachts. Dafür sorgen unsere biologischen Rhythmen und die sogenannte Schlaf-Wach-Regulation, die uns im Laufe von 24 Stunden abends müde werden lässt, nachts in den Schlaf schickt, sodass wir morgens wieder munter sind und erfrischt für den neuen Tag.

Leistungsknicks durchleben wir jedoch öfter. Es gibt sie ganz regelmäßig und über den Tag verteilt. Das Mittagstief – semicircadian nennt sich der dafür verantwortliche Rhythmus – kann von uns gut für ein kleines Nickerchen genutzt werden. Und viele von uns machen es auch, am Wochenende, an freien Tagen, im Urlaub.

Schlafen am Tage und der Schlaf in der Öffentlichkeit aber wird hierzulande immer noch und bis heute sehr ambivalent bewertet. Obwohl uns Schichtarbeit und das Leben in einer 24-Stunden-sieben-Tage-dauerwach-Gesellschaft oft gar keine andere Wahl lassen. Wer nachts wach ist, der muss einfach am Tage schlafen.




Wie könnte Design, vor allem in Form von Artefakten und Gegenständen, zu besserem Schlaf verhelfen?

 

Das ist schwierig. Wir wissen es ja irgendwie alle: der Schlaf ist einer der größten Schätze des Lebens, ein Reservoir für unsere Gesundheit, eine Quelle für Kreativität… aber man sieht ihn nicht. Deshalb nehmen wir ihn oft erst dann ernst, wenn er uns fehlt. Es ist mir bis heute ein Rätsel, warum die Deutschen laut Statistik 1,7 Milliarden Euro für Matratzen ausgeben, aber es daran fehlen lassen, was man nur bei sich selbst „designen“ kann. Mehr Achtsamkeit, Geborgenheit, einfach, sich darauf einzulassen, dass wir schlafen, nicht nur weil wir müssen, sondern auch weil wir es wollen und dürfen!

 

 

Wie meinen Sie das?

 

Wir schlafen zu verschieden und haben ganz stark differenzierte Schlafeigenheiten. Es ist eben auch ein Lernweg, bis wir herausfinden, was unserem persönlichen Schlaf gut tut, was in schlafsensiblen Zeiten hilft, was beim Miteinander-Schlafen gefällt – in jeder Hinsicht. Oder beim Entdecken, welcher Chrono-Typ wir sind.

Auch der Zeitgeist spielt eine Rolle. So, wie in der Mode, ist auch beim Betten- und Matratzenmarkt manches mal mehr und mal weniger aktuell modern und angesagt. Aber deshalb passt es noch lange nicht zu jedem.

Die Labels der Betten allein steigern noch lange nicht die Schlafqualität. Aus meiner praktischen Arbeit kenne ich leider öfter den umgekehrten Effekt, Bemerkungen wie: Nun habe man schon so viel Geld für die beste Matratze, das teuerste Bett, die wunderbarste Nachtwäsche ausgegeben, aber der Schlaf kommt dennoch nicht, nicht so, wie erhofft…




Was würden Sie sich von Designern wünschen?

 

Gutes Design hat seit jeher aktuelle Entwicklungen verstärkt. Ich würde mir wünschen: Helfen Sie uns mehr beim Erhalten von öffentlichen Räumen für Ruhe- und Rückzug! Ich meine damit ja nicht, die „Sleep Boxes“, diese smarten Konservenräume in Flughäfen oder Shoppingmalls. Sie dienen ohnehin öfter als mobiles Büro als dafür, um unterwegs den Jetlag auszuschlafen.

Dass wir schlafen müssen, wenn wir müde sind, das ist ja eine ziemlich robuste Tatsache. Wir sehen es oft im Zug, im Flieger, in Parks auf Bänken, manchmal in öffentlichen Bibliotheken oder im Museum. Das ist doch der beste Beweis, dass wir für den normalen Schlaf gar kein IT-Bett brauchen, keinen interoperablen Hightechort mit smarten Schnittstellen… Aber es wird Möbel der Zukunft für unsere urbanen Pausen-Orte geben, die auch den Schlaf unterstützen. Davon bin ich fest überzeugt.

 

 

Wie bewerten Sie den derzeitigen Diskurs rund um den Schlaf? Welche Entwicklungen halten Sie für positiv und welche für problematisch?

 

Zum einen sind aktuelle „Schlaf-Debatten“ oft noch viel zu zahlenorientiert. Wie lange, wie schlecht, wie gestört schlafen wir? Von der sich verändernden Wertvorstellung der Themen Erholung, Schlaf und Pause beginnen wir ja erst zu reden. Aber die moderne Schlafforschung war noch nie eine „Tonnenideologie“, sondern von Anfang an interdisziplinär und ein wissenschaftliches Querschnittsfach.

Zum anderen spielt das Thema Schlaf zunehmend auch im digitalen Alltag eine Rolle. Wir werden spielerisch zu Experten für den eigenen Schlaf und glauben ihn zu kennen, weil er „messbarer“ gemacht wird. Aber fragen Sie mal bei jungen Eltern, ob das bei den ersten Monaten mit dem neuen Familienmitglied hilft.

Ich weiß nicht, ob wir dem Schlaf ständig „in die Bücher“ sehen sollten mit Hilfe von Schlaf-Apps auf Hightech-Nachtlagern oder mit smarten Schlafanzügen. Ob wir damit unseren persönlichen Schlafquotienten anheben? Sehr fraglich. Das Kostbarste beim Schlafen ist am Ende der Nacht ja nicht das Prestige-Bett, das wir uns leisten, sondern die Zeit, die wir ihm einräumen können. Denn bei aller Kenntnis, die wir heute von ihm haben: Noch immer ist und bleibt Schlaf eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur.













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Dossier
Smart Technology, Medizinisches Design
Jahr
2017
Disziplin
Produktdesign, Industriedesign, Interaktionsdesign
Ausgabe
form 271
Links
schlafakademie-berlin.de

Mehr zum Thema Schlaf und Design erfahren Sie in form 271. Diese Ausgabe könne Sie in unserem Shop bestellen.

Text: Carl Friedrich Then