30. Mai 2018

News

Märklin Moderne

Text: Jörg Stürzebecher

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

– 9. September 2018

dam-online.de

 

„Märklin Moderne. Vom Bau zum Bausatz und zurück“ Vorstadtsiedlungen mit für sich stehenden, umzäunten Einzelhäusern mit Kellern, in denen Kabelbinder, Lötkolben und Kneifzangen auf ihren Einsatz warten; betäubender Geruch von gerade noch eingesetzten Chemikalien, stufenlos regulierbare Schwachstromapparaturen, das ganze unter Kontrolle von altersindifferenten, untersetzten Männern mit schütterem Haarwuchs, deren Kunstfaserpullover in der Art von Polstern des öffentlichen Nahverkehrs gemustert sind, auf dass kein Fleck besonders auffalle.



 

So kann man sich Tatorte vorstellen, an denen einer der neben dem Briefmarkensammeln wohl unerotischsten Freizeitbeschäftigungen nachgegangen wird: dem Werkeln und Fahren mit der Modelleisenbahn. Hier entscheidet der Trafo, wer wie weit kommt, und ein Entrinnen aus dem Oval gibt es nicht, höchstens in die Abgründe der dunklen Schattenbahnhöfe. Da werden Modelle „gesupert“, also im Detail verfeinert, als gelte es, der zweiten Haut aus „Das Schweigen der Lämmer“ nachzueifern, da wird an Proportionen gefeilt und das Ideal doch nie erreicht, ganz so, wie Serientäter immer neue Kicks benötigen. Doch damit es nicht zum tatsächlichen Verbrechen kommt, gibt es Ventile – etwa in der wohl bekanntesten Großanlage Deutschlands, dem Hamburger Miniatur Wunderland, ein auf Knopfdruck kopulierendes Paar oder im heimischen Keller möglicherweise das Faller-Künstleratelier mit dem zum Bausatz gehörigen Aktmodell samt beleibtem Maler, dessen Habitus wohl dem so einiger Modellbahner entspricht.



 

Womit dieser Text sein Thema erreicht hat, die kleine und sehenswerte Ausstellung „Märklin Moderne“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM). Da wird von der zum Moderne-Kirche-Modell gewordenen Kritik der altkatholischen Brüder Faller am Katholizismus erzählt, oder davon, wie der ostdeutsche Plattenbau zum multimaßstabstauglichen Block mutierte, den es so zwar nirgendwo gab, der genau deshalb aber von Rostock bis Chemnitz, vielleicht sogar von Wittenberge bis Wladiwostok überall stehen konnte. Da werden Bahn- und Postarchitekten der Vergessenheit entrissen und ihre Bauten in Original und Modellkopie zum Vergleich angeboten. Da ist schließlich die Villa im Tessin, die den Faller-Brüdern so gut gefiel, dass sie nicht nur als verändertes Modell zum Longseller des Programms wurde, sondern auch reale Wiederholung erfuhr. Dazu kommen die wahnwitzigen Großstadtvorstellungen des Gerald Fuchs, hier erstmals in großem Zusammenhang präsentiert, und Pressformen für die in Heimarbeit zusammengestellten Baukastenteile. Auch ein typisches Spieloval mit Bergkapelle, Stadtbahnhof mit Flugdach und der die Ausstellung prägenden „Villa im Tessin“ fehlt nicht. Es gibt – im allerdings recht einfallslos gestalteten Katalog – Kluges zum ewigen Maßstabsproblem zu lesen und leider zu wenig Differenziertes zum eigentlichen Gegenstand der Ausstellung. Denn diese behauptet, die Moderne sei in der Modellbahn als optimistisches Zukunftsversprechen vor allem in den ersten Nachkriegsjahrzehnten präsent gewesen: Hier sind Anmerkungen angebracht. Denn schon in den 1960er-Jahren galt die Modellbahn und ihr Umfeld vielen als sonderbar, man vergleiche nur einmal die Jugendzeitschriften Rasselbande und Bravo. Hier das Briefmarkensammeln (als Kennenlernen der Welt), das Segelflugmodell (als Vorbereitung späterer Studentenverbindungsmitgliedschaft), der Swing (mit Louis Armstrong als Alibi- und Vorzeigemusiker gleichermaßen) und eben der Modellbahn (für künftige Ingenieure), dort Rock’n Roll und Beat, Liebesprobleme und feuchte Träume. Modern im Sinne etwa der HfG Ulm war beides nicht, aber wo die Eigenbrötler sich aufhielten, war dennoch fraglos. Doch selbst der Begriff der „moderaten Moderne“, auf den sich Daniel Bartetzko, neben Karin Berkemann und Oliver Elser einer der Kuratoren der Schau, beruft, gilt für die Modellbahn nur eingeschränkt; und Kataloge sowie zeitgenössische Anlagenfotografien der 1950er- und 1960er-Jahre vermitteln ein anderes Bild. Vielleicht war die Villa im Tessin wirklich ein Renner, auch Wunscherfüllung im kleinen Maßstab und damit den Kleingärtnern nicht unähnlich, der Normalfall auf den meist gerade einmal zwei Quadratmetern der Modellbahn aber war das sogenannte, auch in den 1950er-Jahren vor allem in ländlichen Gebieten fleißig gebaute reale Siedlerhaus als das eigentliche Leitmotiv des Wiederaufbaus mit neuer Heimat – ein Häuschen im Grünen eben. Auch haben die Rasterfassaden der städtischen Bebauung mehr mit seriellen Strukturen der Architektur nach 1933 zu tun als die Kuratoren zugeben, und die Architektur der Villa im Tessin mit ihren Film- und Frau-Allüren ist mehr modernistisch als modern. Dem Zeitgeist am nächsten kommt vielleicht ein Gebäude, das Eltern hassten und Kinder mit ihrer Vorliebe für Kitsch liebten: der Kiosk mit der Anmutung eines Fliegenpilzes.

Doch wiegt solche Kritik nicht schwer bei einer Ausstellung, die weitgehend ohne Vorbild ist und sich auf den deutschsprachigen Raum und den Maßstab 1:87 beschränkt. Denn in manchem sah die Moderne im Maßstab der Spur N 1:160 schon anders aus, zumal die kleinere Bahn erst später als H0 aufkam, und wie war es mit Häusern in Frankreich, Großbritannien, Italien, den USA und Japan, um die anderen großen Modellbahnnationen zu nennen? Auch wäre das Verhältnis zwischen fiktivem Modellbau für zu Hause und dem Modellbau für reale Bauten sicherlich ergiebig, zumal in Zeiten des 3D-Druckens die Preiser-Figuren echte Konkurrenz bekommen haben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Highrise Award 2012/2013, wo das Modell eines Hochhauses von Christoph Ingenhoven unter anderem den Architekten und die Mitarbeiter als Modellfiguren zeigte. „Märklin Moderne“ steht also am Anfang, und es ist dem DAM zu wünschen, das Thema nicht als erledigt abzuhaken, sondern weiterzumachen – die Besucher werden es hoffentlich danken.

Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog zum Preis von 28 Euro erschienen. Ausdrücklich sei auf die Exkursion zur Villa im Tessin nach Gütenbach (Schwarzwald) am 7. September 2018 hingewiesen, die Voranmeldung geht bis zum 10. August.

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