12. Dezember 2018

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Nachruf Tomás Maldonado (1922–2018)

Text: Bernhard E. Bürdek

Er gehörte in den 1940er-Jahren zur Avantgarde-Bewegung in der Kunst Argentiniens – der Asociación Arte Concreto-Invención und war Mitverfasser des „Manifiesto Invencionista“. 1954 holte Max Bill Tomás Maldonado nach Ulm, um mit ihm an einem gemeinsamen Buch zu arbeiten. Trotz bescheidener Sprachkenntnisse wurde er Dozent an der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung, an der er von 1955 bis 1967 lehrte und von 1964 bis 1966 als Rektor fungierte. Danach lehrte er Architektur in Princeton, Umweltgestaltung in Bologna und förderte maßgeblich die Abteilung Industriedesign am Politecnico di Milano.



 

Maldonado war der intellektuelle Kopf des Industriedesigns im 20. Jahrhundert, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Nicht nur in Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg weniger die Kunst als vielmehr die Gestaltung von funktionalen und ästhetischen Produkten angesagt. Diese Phase des Wiederaufbaus hat Maldonado maßgeblich mitgeprägt. Von 1967 bis 1969 war er Präsident des International Council of Societies of Industrial Design (ICSID), heute World Design Organization (WDO), und kommunizierte diese neue Prägung des Industriedesigns – also weg vom Kunstgewerbe hin zu einer maßgeblichen Disziplin in der industriellen Entwicklung. Überhaupt war Kommunikation sein großes Thema: ihm gelang es, Wissenschaft und Gestaltung zusammenzuführen, anschaulich zu machen, durch Sprache und Texte, aber auch durch Projekte, zum Beispiel für Erbe Elektromedizin, Olivetti, La Rinascente und andere mehr.



 

An der HfG Ulm hat er die wissenschaftliche und theoretische Fundierung der Designausbildung konzipiert und befördert. So wurde dort erstmals die Semiotik in den Lehrplan aufgenommen, aber auch der Kanon wissenschaftlicher Fächer wurde durch Maldonado für die Gestaltung erweitert. Er erschloss unter anderem die Werke von Martin Heidegger, Rudolf Carnap oder Theodor W. Adorno für deren Anwendung im Design. Von 1962 bis 1968 war er zusammen mit Gui Bonsiepe Redakteur der zweisprachigen Zeitschrift Ulm. Dort wurden Berichte über Studien- und Diplomarbeiten, Forschungsprojekte aus den Instituten, aber auch maßgebliche Beiträge zur Theorie des Designs veröffentlicht und international kommuniziert. In der damals reichlich dünnen Theorielandschaft über Gestaltung machte Ulm deutlich, welche Diskurse an und um die Hochschule geführt wurden. So gehören die dort erschienenen Beiträge zum Beispiel über „Wissenschaft und Gestaltung“ (Ulm 10/11, Gui Bonsiepe und Tomás Maldonado, 1964), „Die Krise des Funktionalismus“ (Ulm 19/20, Abraham Moles, 1967) oder „Ist das Bauhaus aktuell?“ (Ulm 8/9, Tomás Maldonado, 1963) zu den unverzichtbaren Texten zur Theorie und Geschichte des Designs.

2007 erschien das Buch „Tomás Maldonado: Digitale Welt und Gestaltung“, herausgegeben von Bonsiepe für die Zürcher Hochschule der Künste. Darin enthalten sind allesamt Schlüsseltexte zur Reflexion über das Design im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert. Dort beschreibt er unter anderem, dass sich der Einfluss der Digitaltechnologien vor allem im Schreiben und Lesen und – dadurch vermittelt – in der Sprache niederschlägt. Aber auch auf seine kritische Beleuchtung der Semiotisierung des Bauens („Ist die Architektur ein Text?“) muss verwiesen werden.

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Maldonado wieder der konkreten Malerei, so hatte sich der Kreis für ihn geschlossen. Er war der Grandseigneur des Designs im 20. Jahrhundert, und auf ihn traf sein langes Leben lang das Motto „Il faut être absolument moderne“ [Es gilt, ganz und gar modern zu sein] zu. Tomás Maldonado ist am 26. November 2018 im Alter von 96 Jahren in Mailand gestorben.

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