Peter Härtling.
Ein Nachruf von Jörg Stürzebecher


Es mag verwundern, dass die form einem Autor, der durch Kinderbücher, Romane und Romanbiografien bekannt wurde, einen Nachruf widmet. Aber es gibt Gründe. Denn Peter Härtling (13. November 1933 – 10. Juli 2017) war nicht nur ein großartiger Erzähler mit Ding-Perspektiven – man denke nur an den Roman „Hubert oder Die Rückkehr nach Casablanca“ mit dem Einleitungskapitel „Ein Hut wird gekauft“ und der dem Antihelden unangenehmen, weil entlarvenden Pointe: „Er steht Ihnen vorzüglich, bemerkte der Verkäufer. Sie sehen ein wenig aus wie Humphrey Bogart.“, er war auch ein wichtiger Vermittler und Entdecker der vergessenen literarischen Avantgarden, die er zunächst in Essays – etwa in dem Sammelband „Palmström grüßt Anna Blume“ (1961) – und später in der von ihm betreuten Reihe „Im Fischernetz“ vorstellte. 




Mit der Arbeit für den S. Fischer Verlag hängt auch zusammen, dass der in Chemnitz geborene Härtling in einem der avanciertesten Projekte der Nachkriegsarchitektur eine neue Heimat im Wortsinn finden konnte. Denn der Zweite-Weltkrieg-Vertriebene und Fischer-Verlagsleiter konnte mit Unterstützung von Brigitte Bermann-Fischer ein Haus der Neuen Heimat-Siedlung in dem nahe Frankfurt am Main gelegenen Walldorf erwerben, die Richard Neutra als Modellvorhaben des zugleich individuellen wie Gemeinschaft aus freien Stücken ermöglichenden Lebens entworfen hatte. Als der Autor dieser Zeilen der Neutra-Siedlung und ihrer Integration in die Walddünen zum ersten Mal begegnete, ging es ihm ganz ähnlich wie einem zufälligen Besucher einer Feriensiedlung, den die amerikanische Schriftstellerin Ayn Rand in ihrem Roman „The Fountainhead“ (siehe form 271) beschreibt: „,Das gibt es doch nicht!‘ sagte er und zeigte nach unten. ‚Jetzt schon‘ antwortete der Mann. ‚Es ist keine Filmkulisse oder ein Trick?‘ ‚Nein. Es ist ein Feriendorf. Es ist gerade fertig geworden. In ein paar Wochen wird es eröffnet.‘ ‚Wer hat es erbaut?‘ ‚Ich.‘ ‚Wie heißen Sie?‘ ‚Howard Roark.‘ […] Der junge Mann ging mit seinem Rad den Abhang hinunter ins Tal zu den Häusern. Roark sah ihm nach. Er hatte den jungen Mann nie gesehen und sah ihn nie wieder. Er wusste nicht, dass er jemand den Mut gegeben hat, das Leben zu bestehen.“

 




Das Neutra-Haus, dass Härtling mit seiner Familie bewohnte, war ein offenes Haus, nicht immer, aber doch schon, wenn der Deutsche Werkbund, dessen Mitglied Härtling war, gelegentlich darum bat, manchmal auch, wenn Interesse bei Besuchern der kompakten Bungalow-Siedlung mit ihren Innenhöfen deutlich wurde. Und auch mit diesen gestatteten Besuchen hat Härtling für andere dazu beigetragen, das Leben zu bestehen. Das aber ist – neben den vielen Büchern, Engagements, anderen Aktivitäten und Verdiensten – so wenig nicht.

 

 

Jörg Stürzebecher
















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