Preisträger.
Designpreis Halle 2014

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Die chemische Verbindung aus Sauerstoff und Wasserstoff – aus der die Erdoberfläche unseres Planeten und der menschliche Körper zum größten Teil bestehen – ist von globaler und aktueller Bedeutung, wie neue Wasserfunde auf einem Mond unseres Sonnensystems zeigen. Auch die Organisatoren des Designpreises Halle wendeten sich in diesem Jahr thematisch dem Wasser zu und forderten bereits zum dritten Mal Studierende auf, sich aus „gestalterisch-praktischer und designtheoretischer“ Perspektive diesem Thema anzunehmen.




Neben dem Hinweis in der aktuellen Printausgabe der form auf die Wettbewerbsausstellung, in der die besten Einreichungen noch bis Sonntag, 22. Juni 2014, im Stadtbad Halle zu sehen sind, folgen an dieser Stelle die ausführlichen Positionen der drei besten Preisträger sowie die Begründungen der Jurymitglieder.

 

 

Erster Preis: Trinken statt tragen – Leitungswasser wird zu Markenwasser

 

In der Kampagne „Trinken statt tragen – Leitungswasser wird zu Markenwasser“ visualisiert der freiberufliche Kommunikationsdesigner Emanuel Steffens in seiner Wasserglas-Kollektion „die Qualität und Nachhaltigkeit von Leitungswasser“. Darin setzt sich Steffens thematisch mit dem in Deutschland weit verbreiteten Vorurteil gegenüber Leitungswasser – dem im Allgemeinen ein schlechter Ruf anhaftet – auseinander. Er verweist  auf eine Studie der VDM (Verband Deutscher Mineralbrunnen 2010), die belegt, „dass sich der Verbrauch von abgefülltem Wasser in Flaschen seit den 70er Jahren mehr als verzehnfacht hat – eine Entwicklung, die auf Kosten des Verbrauchs von Leitungswasser geht.“ Während  seiner Recherchearbeit entdeckt er, „dass Leitungswasser ein sehr hochwertiges und streng kontrolliertes Lebensmittel von höchster Qualität ist“, dessen „ökonomische und ökologische Vorteile in der öffentlichen Wahrnehmung nur unzureichend bekannt“ sind. Dies wiederum sei darauf zurückzuführen, dass „ dem Verbraucher die Qualität von Leitungswasser nicht in angemessener medialer und ästhetischer Form präsentiert wird.“

Für sein Projekt verwendet Steffens regionale Synonyme, die er zu fiktiven Markennamen wie „Kraneberger“ (NRW), „Rohrperle“ (Berlin, Hamburg), „Leitinger“ (München), „Heimquell“ (Ostdeutschland) und „Hahneburger“ (Süddeutschland) erhebt, womit er das Alltagsprodukt völlig neu inszeniert.

 

„Nein, nach aalglatter Werbesprache klingen Begriffe wie ‚Hahneburger‘, ‚Kraneberger‘ und erst recht ‚Rohrperle‘ bestimmt nicht. Gleichwohl bilden diese aus regionalen Umgangssprachen entlehnten Bezeichnungen die zentrale Aussage einer Kampagne, die Emanuel Steffens den 1. Preis des diesjährigen Designpreis Halle zum Thema Wasser eingebracht hat. Es gelingt deshalb, weil der Verfasser hier alle das Konzept definierenden Entscheidungen nicht nur perfekt in Einklang bringt, sondern sowohl mit der Wahl der Schrift als auch der Form der Gläser und vor allem mit dem Rückgriff auf den umgangssprachlichen Jargon die populäre Wahrnehmung, den – sozusagen allgemein verinnerlichten – Charakter dieses ‚Produkts‘ Wasser erfasst. Denn hier wird nichts ‚werbemäßig‘ verklärt oder gar für ‚Toll!‘, ‚Super!‘ oder sonst etwas erklärt, nein, Hier wird lediglich ein ‚gewachsenes‘, fest in unserem Alltag verankertes Vokabular aufgegriffen und auf einen mindestens ebenso profanen Gegenstand – ein schlichtes Glas – übertragen. Und genau genommen reicht ein solches Glas ja vollkommen. Denn das ganze ‚flaschige‘ Drumherum, das Abfüllen, das Kaufen, das Transportieren, das lästige Pfandbrimborium und vor allem das gesamte Kunststoff-Desaster, das mit dem Konsum von Wasser ausgelöst wird, ist so überflüssig wie ein Kropf. Und genau hier setzt Steffens’ Kampagne an: Sie weist sehr subtil, aber gleichzeitig unmissverständlich auf diese Zusammenhänge hin. Sie sagt uns: Leute, trinkt Wasser, aber bitte denkt immer dran, dass dieses Wasser immer und überall – zumindest hierzulande – gratis zur Verfügung steht.“ Volker Albus (Mitglied der Jury)

 

 

Zweiter Preis: Sardines

 

Estel Alcaraz Sancerni, Leiterin der Design- und Kommunikationsabteilung von EDSE Inventiva S.L.

(Modular-Urbikes), beschäftigt sich in ihrem Projekt „Sardines“ mit der Reduzierung des Volumens und des Gewichts von handelsüblichen Gummistiefeln und entwickelt daraus ein platzsparendes Konzept. Während ihrer Recherche zum Thema Wasser, sind für sie vor allem die uns täglich umgebenen Wasserflaschen von besonderem Interesse. Was Sancerni daran fasziniert, ist die Tatsache, dass durch Schrumpfen „ihr Volumen auf ca. 1/5 reduziert werden kann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.“ Auf dieser Grundlage erarbeitet sie einen Entwurf  von Gummistiefeln, die durch „recyclingfähiges Monomaterial“ und platzsparende Faltung sowohl für das „Öko-Design“ als auch für die „Logistik und Umwelteinwirkungen bei der Distribution“ interessant sind.

 

„Ein flexibles Band mit dem Produktnamen ist oben am Stiefelschaft angebracht, so lange der Schuh getragen wird. Will man die ‚Sardines‘ verstauen oder transportieren, rollt man sie auf. Das flexible Band dient nun dazu, sie zusammenzuhalten. Eine simple, an drei Seiten offene Produktverpackung erklärt den Hintergrund und zeigt die Farben, in denen das Produkt angeboten wird. Die Jury überzeugte der spielerische Umgang mit dem vertrauten Typus des Gummistiefels, der Wohlbekanntes auf clevere Weise interpretiert und in Szene setzt. Das Zentrum des Entwurfs bilden die Produktgrafik und die Idee, einen Gegenstand durch geringfügige Eingriffe als neu und veränderbar zu erleben. So steht bei ‚Sardines‘ nicht die vermeintliche oder tatsächliche Lösung schwerwiegender Probleme auf der Agenda. Vielmehr zeigt die Designerin, dass durch Reduktion von Gewicht und Volumen ein bereichernder neuer Gegenstand entstehen kann.“ Thomas Edelmann (Vorsitzender der Jury)

 

 

Zweiter Preis: Monolith

 

Shira Keret, israelische Produkt- und Raumdesignerin, wendet sich in „Monolith“ dem natürlichen Prinzip der Wassererosion zu und überträgt den Prozess des  „Wasserstrahlschneidens“ auf – aus Carrara-Marmor bestehende – Servierplatten und Gefäße. Ihre Arbeit für das Projekt

„Monolith“ beginnt sie mit Zeichnungen von Zylindern und Dreiecken, die sie anschließend mithilfe einer Wasserstrahlschneidemaschine in einen marmornen Gesteinsbrocken überträgt. Durch das Ändern der Schneidegeschwindigkeit und der Intensität des Wasserstrahls erreicht sie eine Variabilität der von ihr zuvor vorgezeichneten Formen. Durch das Erhöhen der Schneidegeschwindigkeit und der gleichzeitigen Verstärkung des Erosionseffekts auf dem Marmor, „(gelingen ihr) Oberflächen und Formen, die einerseits genau den vorgezeichneten Formen entsprechen, andererseits aber auch zufällig entstehen.“

 

„Ovids berühmtes Sinnbild ‚gutta cavat lapidem‘ steht seit Jahrtausenden für die Macht der Beharrlichkeit. Es traut dem weichen Wasser mehr zu als dem harten Stein – wenn man ihm nur Zeit lässt zur Kontinuität. So brachte es auch die Erde in Jahrmillionen in die bizarrsten und normalsten Formen. Aber im Zeitalter der extremen Beschleunigung kann der Faktor Zeit durch Geschwindigkeit hochgradig verdichtet werden: Die Welt verformen wir in Nullkommanix. Nach diesem Prinzip arbeitet eine Wasserstrahl-Schneidanlage: Dreifache Schallgeschwindigkeit verdichtet weiches Wasser zum ultraharten Strahl. Dazu wird das Wasser mit einer Pumpe unter extremen Druck gesetzt, der im Engpass einer nur 1 mm dicken Düse für die irre Beschleunigung sorgt. Von Gebirgsbächen abgeschaut, können dem Wasserstrahl feine Partikel aus Granatsand beigemischt werden, deren abrasive Wirkung kein Material, ob Stein, Titan, Stahl, Glas oder Keramik, standhalten kann. Allerdings müssen die Parameter exakt auf das jeweilige Material und seine Dicke eingestellt werden: der Durchmesser des Strahls, seine Geschwindigkeit und die Vorschubgeschwindigkeit der zu schneidenden Geometrie. Hier hat die israelische Designerin Shira Keret konzeptuell eingegriffen: Sie hat die Parameter aus dem Optimum verstellt. Kaum ist der Wasserstrahl geschwächt oder sein Vorschub erhöht, kann der Carrara-Marmor ein gewisses Maß an eigenem Charakter zurück ins Spiel bringen. Der Stein hat Zeit, im eigentlich aussichtslosen Kampf den Strahl abzulenken, erst nur ganz minimal, dann immer mehr. Die an der Oberseite noch exakt beherrschte Geometrie wird mit zunehmender Tiefe unscharf – Carrara-willig, elementar. Die Jury ist begeistert von Shira Kerets symbolischem Akt der Verlangsamung in ihren wundervollen Steinobjekten.“ Axel Kufus (Mitglied der Jury)



















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