Energiepolitik mit Entertainmentwert
Text: Marie-Sophie Müller (
redaktion@form.de)
Wie machen die Schweden das bloß immer: sie verkaufen uns einen Haufen Bretter und Schrauben und gaukeln uns vor, das Zusammenbauen der Möbel sei der größte Spaß! Und tatsächlich, auch wenn man das Bastel-Prinzip beim Schubladen-Zusammenbauen noch verflucht, wenn die Kommode erst einmal steht, weicht der Stress einem nicht zu leugnenden Stolz und ist damit vergessen. Ziel erreicht.
Seit dem 1. Juli 2009 hat Schweden die Ratspräsidentschaft der EU übernommen und – passend zum UN-Klimagipfel im Nachbarland Dänemark – die Energiepolitik ganz oben auf die Themenliste gesetzt. Ganz in diesem Sinne eröffnete am 2. Dezember 2009 die Ausstellung „Visual Voltage“ im Felleshuset der Nordischen Botschaft in Berlin. „Visual Voltage“ zeigt Arbeiten von schwedischen Künstlern und Designern, darunter Nils Edvardsson und Front, die zum Ziel haben, unser Interesse am Energieverbrauch und an Umweltfragen zu steigern. Natürlich auf die schwedische Art – also ohne warnenden erhobenen Zeigefinger, sondern mit Spaß: spielerisch, unterhaltsam und ästhetisch.
So misst die Energy Aware Clock, deren Form an eine alte Küchenuhr erinnert, über die Energiefernmessung, zu welchen Zeiten am meisten Strom im Haushalt verbraucht wird. Die eindrucksvolle Flower Lamp öffnet ihre silbernen Blütenblätter, wenn in der Umgebung wenig Energie verbraucht wird, und schließt sie traurig, wenn die Stromfresser auf Hochtouren arbeiten. Der Künstler Nils Edvardsson interpretiert das Netz der schwedischen Hochspannungsleitungen als ein gigantisches Saiteninstrument und dokumentiert die Übertragungs- und Schaltgeräusche mittels Video- und Tonaufnahmen. Die Installation „Like there was no tomorrow“ von Tina Finnäs reflektiert den Klimawandel. In einer Mini-Welt aus vier Plexiglas-Modulen, Kunstpflanzen und einer Lampe, die die Sonne darstellt, misst ein Kohlendioxid-Meter einen virtuellen Verbrauch, auf den die Pflanzen reagieren und per Hebebühne „wachsen“. Hier ist die Welt, die keine ist, noch ganz in Ordnung.
Ob die Ausstellungsstücke beim Betrachter einen Sinneswandel auslösen, mag man bezweifeln. Es sind vielmehr intelligent verpackte Botschaften für bereits aufgeklärte Menschen. Vermutlich ist die Message von „Visual Voltage“ aber auch diese: Energiepolitik hat einen Entertainmentwert. Die Schweden wissen ihn zu nutzen.
"Visual Voltage.
Design und Kunst aus Schweden"
Ausstellung im Felleshuset der Nordischen Botschaften
2. Dezember 2009 bis 24. Januar 2010
www.visualvoltage.se
www.nordischebotschaften.org