Spiekermann Condensed

Das Projekt Berlin

Als ich 1964 als Bundeswehrflüchtling nach Berlin kam, fand man jede Menge leerstehende Läden und Fabrikgebäude, die man für 1 DM den Quadratmeter trockenwohnen konnte. In meiner ersten Werkstatt an der Spree in Kreuzberg gab es nach Auskunft des Vermieters „reichlich fließendes Wasser“. Das stimmte, es lief vor allem die Wände herunter. Der Mann hatte die Wahrheit gesagt, in jenem rauen Ton, den nur eingeborene Berliner für herzlich halten. Die „wahre“ Berlinerin ist Wurstverkäuferin bei Kaisers, sagt man. Besonders im Osten der Stadt wird noch (oder wieder) echtes Berlinerisch gesprochen, ein Dialekt für Leute, die viel zu sagen haben, aber kaum Zeit dafür.  

Der Berliner meckert über alles, selbst über den Preis von einem Euro für eine Stunde Parken. Das versteht niemand, der je in den USA einen Dollar für acht Minuten bezahlt hat. Es heißt, in Berlin habe kaum jemand regelmäßige Arbeit, dafür aber jeder ein Projekt. Die Cafés sind denn auch immer voller junger Leute mit Laptops, die dort das erledigen, was die alteingesessenen Berliner nicht als Arbeit bezeichnen würden. Hier gibt es mehr Game-Designer als Angestellte der öffentlichen Verkehrsbetriebe, und irgendwann hat sogar die Stadtregierung gemerkt, dass die sogenannten Creative Industries mehr Steuern zahlen als die übriggebliebenen Fabriken. Neben den nun auch von Staats wegen anerkannten Kreativschaffenden – Werber, Filmer, Modemacher und Designer – existiert gottlob immer noch die „Berliner Mischung“ aus kleinen Schraubern, Kaffeeröstern, Schreinern, Druckern, Bäckern, Hutmachern, Lampenschirmmanufakturen und Besenbindern in den Fabrikgebäuden der Hinterhöfe, in deren Vorderhäusern jene kreative Szene wohnt, die Grün wählt und Rot-Rot aushält. Und allein jene Einwohner, die russisch und türkisch sprechen, könnten eine westdeutsche Großstadt füllen und für mehr Leben sorgen, als Göttingen je gesehen hat. Nach den Kriterien der internationalen Konsumelite hingegen, die sich in Magazinen wie Wallpaper oder Monocle zelebriert, wäre Berlin überhaupt keine Metropole: Der Flugplatz ist (noch) in zwanzig Minuten vom Stadtzentrum zu erreichen und hat insgesamt weniger Flugsteige als ein einziger Terminal in Frankfurt. 
Zu eleganter Kleidung haben die Eingeborenen die gleiche Einstellung wie zu subtiler Sprache, und Weltläufigkeit heißt bei ihnen, sich in einen anderen Stadtteil zu wagen. Besternte Restaurants gibt es ein paar, aber niemand kennt jemanden, der dorthin geht. Doch in der Tat fehlt Berlin etwas, dessen Abwesenheit der kreativen Klasse wirklich zu schaffen macht: die Auftraggeber. Industrie gibt es nicht mehr, auch wenn immer noch ein ganzer Stadtteil nach Siemens benannt ist. Ministerien und andere Behörden sind bekannt für ihre notorisch miserablen Ausschreibungen, die immer von PR-Agenturen gewonnen werden, die sich besser als wir Designer in der Grauzone zwischen Akquise und Korruption auskennen. Die Berliner Mischung und die stets unterfinanzierte Kulturszene ernähren dennoch tausende Minibüros in zu Lofts mutierten Fabriketagen, deren billige Mieten den idealen Nährboden für die Selbstausbeutung bieten. An Talenten mangelt es nicht, deshalb kommen selbst Auftraggeber aus Stuttgart gerne her – was allerdings auch am KaDeWe mit seiner riesigen Lebensmittelabteilung liegen mag. Aber selbst diese bringen nicht genug Geld in die Stadt, um für bürgerliche Zustände zu sorgen, die sich in gesicherten Auskommen und sauberen Bürgersteigen äußerten. Weil aber solche Zustände gemeinhin auch hohe Mieten, frühe Ladenschlusszeiten und kulturelle Ödnis bedeuten, zieht Berlin weiterhin die Söhne und Töchter aus dem Schwäbischen an, die sich um ihre Altersvorsorge erst später kümmern wollen. „Berlin: arm aber sexy“ trifft es nach wie vor. Selbst heutzutage ist Geld nicht alles, lautet die gute Nachricht.  

 
 

Text: Erik Spiekermann
Illustration: Alina Günter 
Erik Spiekermann ist Schriftentwerfer und Typograf. 1979 gründete er MetaDesign; heute ist er Partner bei EdenSpiekermann, Berlin/Amsterdam.
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