Interview: Gerrit Terstiege (
Gerrit.Terstiege@form.de)
Christian Boros ist einer der erfolgreichsten Kommunikations-Designer Deutschlands. Zur Zeit macht der passionierte Kunstsammler mit einem Riesenprojekt von sich reden: Er ist dabei, einen Berliner Bunker in ein Privatmuseum zu verwandeln. Ein Gespräch über den Umgang mit Bildern, Boros’ Leidenschaft für die Arbeiten von Wolfgang Tillmans und die Einflüsse der Kunst auf die Werbung.
Herr Boros, seit fast 20 Jahren bauen Sie mit Ihrer Agentur auf die Kraft von Bildern. Fotografieren Sie eigentlich selbst?
Ja. Aber selten – und dann nicht digital, sondern mit meiner alten Nikon F3.
Und haben Sie jemals eigene Fotos für eine Ihrer Kampagnen verwendet?
Nein, ich habe mich immer geschämt, das zu tun! (lacht) Es gibt ja sehr verschiedene Formen von Designern. Solche, die alles selbst machen: fotografieren, illustrieren, layouten – und damit Urheber von allem sein wollen. Ich dagegen habe mich immer als Kurator verstanden. Ich finde es toll, mit Fotografen zusammenzuarbeiten, mit Illustratoren und anderen Kreativen. Also bitteschön: bloß keine Ego-Show! Zur Zeit haben wir zum Beispiel einen Kunden, der im Architekturbereich arbeitet. Also sichte ich Mappen von Architekturfotografen: Sie zeigen mir wahnsinnig präzise Bilder ohne stürzende Linien, für die sie Plattenkameras einsetzen und einen ganzen Tag an einem Bild arbeiten. Wunderbar! Vor ein paar Wochen ging es wiederum um Fotos für Haarpflegeprodukte. Der damit betraute Fotograf kannte sich natürlich bestens damit aus, wie man Haare spektakulär inszeniert und mit Models spricht. Eine völlig andere Welt. Und diese Freiheit möchte ich mir als Kommunikationsdesigner immer nehmen: für unterschiedliche Kunden und unterschiedliche Anforderungen die jeweils eigene, individuelle Bildsprache zu finden. Und es macht wirklich einfach Spaß, mit so verschiedenen Temperamenten Projekte zu entwickeln.
Eine Frage an den Kunstsammler Christian Boros: Welche Art Fotografie sammeln Sie denn aktuell? Welche jungen Fotokünstler haben Ihrer Einschätzung nach Zukunft?
Ein schwierige Frage. Ich habe mich als Sammler schon früh so intensiv mit Wolfgang Tillmans beschäftigt, dass ich keine andere Fotografie mehr sammle. Ich bin mittlerweile sehr skeptisch gegenüber der Fotografie als Bildender Kunst. Vieles erscheint mir da inflationär. Viele machen es sich sehr einfach. Ich sammle Kunst, die ich nicht verstehe. Die, die ich auf Anhieb verstehe, finde ich meistens langweilig. Meine Lustlosigkeit an Fotografie als Bildender Kunst hat mit der Gründung von Lumas
ihren Höhepunkt erreicht.
Welchen Platz werden die Arbeiten von Wolfgang Tillmans in Ihrem Berliner Museum einnehmen, das endlich Ende des Jahres eröffnen soll?
Wolfgangs Bilder werden in mehreren Räumen gezeigt. Er hat eine besondere Beziehung zu dem Gebäude: einem ehemaligen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der in den neunziger Jahren ein Club war, in dem er in seiner Berliner Zeit selbst getanzt hat und seine ersten Bilder von der Clubszene gemacht hat. Er hat den Bunker damals auch schon von außen dokumentiert.
Das ist wirklich eine besondere Situation – sowohl für Sie als neuen Besitzer des Bunkers. Als auch
für ihn als Künstler.
Das stimmt. Und ich bin in der glücklichen Lage, dass jeder Künstler, den ich sammle – bis auf eine Ausnahme – noch am Leben ist und sich freut, die eigenen Arbeiten in meinem Museum selbst zu hängen. Das ist mir wichtig. Aber noch ist es nicht soweit. In diesem Jahr liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.
Zur Zeit häufen sich in der Presse die Berichte über Ihren Museumsbunker – und darüber, dass sich seine Eröffnung immer wieder verzögert. Ich habe den Eindruck, die Publicity, die das Projekt erfährt, nimmt zu, je länger Sie mit der Eröffnung warten.
Das ist richtig. Aber man muss sich klar machen, dass ich das Ding finanziell ganz allein stemmen muss – ich bekomme keinerlei Förderung von der Stadt oder vom Land. Und wenn man bedenkt, mit was für einem Kaliber man es hier bautechnisch zu tun hat, welche Wandstärken es hier zu durchbohren gilt, dann wird die lange Realisationszeit des Ganzen auch plausibel.
Was mich zum Thema dieses Sonderhefts führt:
Geschwindigkeit. Wenn Sie als Kommunikationsdesigner das Thema Geschwindigkeit zu visualisieren hätten, für was für ein Bildmotiv würden Sie sich spontan entscheiden?
Da muss man vorsichtig sein. Ein zunächst so abstraktes Thema kann schnell zu visuellen Klischees führen. „Sprintern in Nadelstreifen“ etc. Wenn ich es recht bedenke, ist Geschwindigkeit zur Zeit nicht mein Thema. Was mir gerade viel wichtiger ist – das ist Entschleunigung!