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Sonderhefte

 

 
 

Mit Klassikern leben

Text: Katharina Altemeier (Katharina.Altemeier@form.de)

Ob Eiermann-Tisch, Thonet-Stuhl oder Wagenfeld-Leuchte: Design-Klassiker sind heute so bekannt und beliebt wie nie. Als kostbare Originale, sorgfältige Re-Editionen oder billige Kopien gehören sie zum festen Inventar unserer Arbeits- und Wohnräume. Doch wer sie sucht, sammelt und täglich benutzt, muss einiges beachten.

Wenn der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe e­inen Barcelona-Stuhl sieht, steigt ihm automatisch der Geruch von schmutzigen Windeln in die Nase.
So kann man es nachlesen in seinem 1981 erschiene­nen polemischen Essay „Leben mit dem Bauhaus“: Jedesmal, wenn er in der Wohnung eines jungen Architektenpaares ein Exemplar des berühmten Mies-Stuhls sah, hatte er das Gefühl, die jungen Eltern würden eher auf den Windel-Waschservice verzichten als auf das prestigeträchtige Sitzobjekt.  

Tom Wolfe ist zu wünschen, dass er sein Trauma mitt­lerweile überwunden hat, denn den besagten Stahlsessel sieht man heute vermutlich noch häufiger als damals, vornehmlich in Museen, Agenturen, Hotellobbys oder Messe-Lounges. Vom Architekten und Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe 1929 für den deutschen Pavillon der Weltausstellung in Barcelona entworfen, ist der Barcelona-Stuhl heute der bekannteste Klassiker der Moderne. Sein Kul­t­status ist auch der Grund dafür, dass er zu den weltweit meistkopierten Möbelstücken zählt. Das Original von Knoll International kostet rund 5000 Euro, während man billige Kopien ab etwa 1000 Euro über dunkle Kanäle oder fragwürdige Online-Anbieter b­ekommen kann. Ähnliches gilt für Le Corbusiers LC-Möbel-Serie, allen voran die Chaiselongue LC4, für Eileen Grays Beistelltisch E 1027 oder auch den Eames Lounge Chair.
Wie aber wird ein Objekt überhaupt zum Klassiker? „Die Geschichte, die Formgebung und das Material sind entscheidend“, sagt Sven Vorderstrase, Geschäftsführer der Online-Design-Handlung Markanto, der mit dem Slogan „Designklassiker des 20. Jahrhunderts“ wirbt. Die Geschichte der Klassiker beginnt mit der industriellen Produktion etwa 1850. Denn nur ein Objekt, das in relativ hoher Auflage produziert wird, hat überhaupt eine Chance, von vielen Menschen möglichst oft gesehen und benutzt zu werden und so ein Klassiker zu werden. Ein Vorläufer in diesem Sinne ist Karl Friedrich Schinkels Gartenstuhl, der schon 1820 in Massenproduktion ging, heute als Ur-Klassiker gehandelt wird und für den besonders eifrigen Sammler sogar als Vitra-
Miniatur erhältlich ist. „Frühestens 20 Jahre, nachdem es entworfen wurde, kann ein Objekt überhaupt erst als Klassiker bezeichnet werden“, findet Sven Vorderstrase. Wenn jedoch von einem Klassiker im klassischen Sinne die Rede ist, sind meist Bauhaus-Möbel aus den zwanziger Jahren gemeint: Stahl­rohrmöbel von namhaften Gestaltern wie Marcel Breuer, Mart Stam oder Mies van der Rohe. „Bauhaus-Klassiker gehören heute zum bürgerlichen M­obiliar“, so Volker Fischer, Kurator und Design-E­xperte des Museums für angewandte Kunst in Frankfurt. „Sie sind entgegen der eigentlichen Idee dazu geworden, denn an sich waren sie ja für die A­rbeiterklasse konzipiert. Ein edler Gedanke, der letzten Endes scheitern musste, weil der Masse die puristisch-klare Formgebung damals viel zu avantgardistisch war und es zu teuer gewesen wäre, diese Qualität in so hohen Auflagen anzufertigen.“ Ironischerweise kommt die Philosophie des „Bauhaus für alle“ heute – rund achtzig Jahre später – durch die billigen Plagiate doch noch zum Tragen, wenn auch durch eine unverantwortliche Produktionsweise und den Einsatz von Kunststoff statt Leder, samt imitierter Nähte. Welch kuriose Formen etwa die W­agenfeld-Leuchte als Zombie-Verschnitt in Baumärkten annehmen kann, hat wohl jeder schon einmal mit eigenen Augen sehen müssen.
Laut Markanto-Geschäftsführer Vorderstrase klingt der Bauhaus-Trend zur Zeit aber eher ab. Den Grund hierfür sieht er in einem Generationenkonflikt: Die jüngere, kaufkräftige Schicht will sich von den Eltern, die Stahlrohrmöbel zu Hause stehen h­aben, abgrenzen. Eher kauft der Nachwuchs heute Stühle von Eiermann oder Eames.  
Dass der Besitz von Design-Ikonen immer auch etwas mit Distinktion zu tun hat, bestätigt auch Hans-Peter Jochum aus Berlin, der seit den frühen Achtzigern als Händler aktiv ist und eine Galerie in Berlin-Mitte betreibt. „Meine Kunden wollen sich absetzen von den typi­schen Klassikern“, sagt er. „Das fing bei mir eigentlich schon Mitte der Achtziger an, als die ersten zu mir kamen, die sich an Le Corbusier und Eileen Gray satt gesehen hatten und was Neues wollten.“ Kunden, die Jochums Galerie besuchen, sind nicht auf der Suche nach Re-Editionen.
Für ihn muss ein Klassiker die Kommunikation zwischen Designer und Hersteller widerspiegeln. „Die Leute schätzen vor allem die Geschichte, die hinter einem Entwurf steht, und wollen deshalb einen Original Panton-Stuhl aus den Sechzigern und keinen Abklatsch davon“, behauptet Jochum. Anstatt ständig Re-Editionen schon bekannter Entwürfe auf den Markt zu bringen, solle sich die Möbelproduktion endlich neu erfinden, fordert der Berliner Galerist. Anders beurteilt Volker Fischer das Thema Re-Editionen: Seiner Meinung nach muss man generell unterscheiden zwischen Sammlern, die einen Gegenstand als Dokument der Zeitgeschichte betrachten und sich deshalb für Ori­ginale interessieren, und Leuten, die die Möbel­stücke im Alltag benutzen wollen und sich deshalb für eine Neuauflage entscheiden. „Je vergammelter, umso originaler, umso schlechter für den täglichen Gebrauch“, sagt Fischer. Jemand, der einen neu aufgelegten Eames-Stuhl von Vitra kaufe, sei deshalb nicht weniger am historischen Hintergrund des Objektes interessiert als ein Sammler. Hinzu kommt übrigens die schlichte Tatsache, dass sich gar nicht jedermann einen Original-Klassiker leisten kann – gerade in Zeiten, in denen Design zur neuen Kunst erklärt wird und auch jüngere Entwürfe teilweise zu horrenden Preisen gehandelt werden.
Mit modernem Design als Wertanlage kennt sich Arthur Floss aus. Er leitet die Design-Abteilung des Münchner Auktionshauses Qui­ttenbaum, zu dessen Kunden vor allem potente Sammler und Galerien zählen. Die ersteigern dann zum Beispiel den pointilistischen Proust-Sessel, von Alessandro Mendini 1978 entworfen, für 45.000 Euro. Das sind fraglos Dimensionen, die nichts mehr mit dem Alltag zu tun haben. „Aber unsere Kundschaft ist trotzdem recht heterogen“, sagt
Floss. „Neben dem potenten Sammler hebt genauso ein junger, design-affiner Grafiker oder Architekt bei unseren Auktionen die Hand.“ Auf der Designbörse in Düsseldorf oder bei Ebay kann man mit kleinerem Geldbeutel und etwas Glück immer noch
Schnäppchen machen. Doch was werden die Klassiker von morgen sein? Hans-Peter Jochum ist skeptisch. Die Globalisierung sorge da­für, dass alles nur noch auf Vermarktung und Me­dienpräsenz ausgerichtet sei. Den Bauhäuslern ging es damals nicht um marktkonformes Entwerfen, sondern darum, mit neuen Formen die Welt zu verändern. „Mit Sicherheit wird der gute, einfache Entwurf immer überleben“, so Arthur Floss. In diesem Sinne haben zum Beispiel Konstantin Grcics Objekte gute Chancen auf den Klassiker-Status. In frühestens zwanzig Jahren.
 

 
 

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