Zurück zu: Sonderhefte

Sonderhefte

 

 
 


Wie Designer ihre Büros gestalten

Text: Wiebke Lang (form@form.de)

Viel wird derzeit über Desk Sharing, papierlose Büros und Home Offices diskutiert. An diesem Wandel von Arbeits- und Kommunikationsstrukturen sind Designer direkt beteiligt – denn sie sind es, die die passenden Büro-Einrichtungen dafür entwerfen. Doch
wie und in welcher Umgebung arbeiten die Designer selbst? Wir haben uns mal in einigen Studios umgeschaut.

Zu Besuch bei Tàtil Design in Rio de Janeiro: An den Verpackungslösungen für Marken wie Heineken und Nokia wird in der ersten Etage gearbeitet – aber nicht nur das. Denn je nach Laune können die Mitarbeiter, anstatt die Treppe ins Erdgeschoss zu benutzen, an einer extra dafür installierten Stahlstange hinabrutschen. Ein spielerisches Element, mit dem sich optimale Bedingungen fürs kreative Arbeiten schaffen lassen, findet Fred Gelli von Tàtil Design – was übrigens so viel bedeutet wie taktiles, sinnliches Design. Etwas, was einen in den Pausen ablenkt und zugleich anregt, findet man auch in Stefan Sagmeisters Büro: die Aussicht auf New York oder das Klopapier aus aller Welt, das in der Toilette an 21 Haltern an der Wand hängt. Geht es um konzentriertes Arbeiten, ist dem Grafik-Designer Ordnung wichtig: „Das geht nicht, wenn ich erst nach Notizen und Werkzeugen suchen muss.“ Was Günter Horntrich, als Gründer von Yellow Design in Köln, Pforzheim und Berlin tätig, nur bestätigen kann: „Denn wie es auf meinem Schreibtisch aussieht, so steht es auch um meinen Kopf“, sagt er.
Andere Designer haben übertriebene Ordnung satt – Mike Meiré zum Beispiel, der mit seiner Agentur kürzlich in
eine ehemalige Lagerhalle in Köln umgezogen ist: „Nach meinem früheren, ziemlich leeren Büro brauche ich jetzt ungebrandetes Chaos. Design muss nicht mehr clean sein, Underground ist angesagt.“ In seinem neuen Büro finden sich keine Design-Möbel mehr, sondern „persönliche Objekte“, die er zum Beispiel auf Flohmärkten findet. Er gibt allerdings zu, dass auch in dieser „gesampleten Wirklichkeit“ die Einrichtungsgegenstände als Statisten auf einer Bühne fungieren. Wie der alte Holzklappstuhl, der ihn an Kirchentage erinnert: „Das provoziert!“ Auch Möbel von Konstantin Grcic mit ihren „philosophischen Statements“ könnte er sich vorstellen. In Grcics Münchner Büro wird bei Musik gearbeitet. „Mir ist wichtig, dass im Büro eine persönliche Atmosphäre herrscht, ohne sich gleich wie im Wohnzimmer zu fühlen“, sagt Grcic. Die Sammlung völlig heterogener Sitzmöbel, die von Enzo Maris Stuhlklassiker bis zu den eigenen Prototypen reicht, ist beeindruckend: „Bei uns herrscht ständige Bewegung. Hier sitzt man täglich auf mindestens drei unterschiedlichen Stühlen, das fördert gesundes Sitzen.“ Für den Design-Theoretiker Michael Erlhoff unterscheidet sich die Denk- und Schreibarbeit von der konzeptionellen Entwurfsarbeit vor allem durch andere Arbeitszeiten – wenn er an einem längeren Text arbeitet, beginnt er selten vor 22 Uhr. Dann benötigt er gutes Licht und hochwertige Schreibgeräte: „Ein Stift muss gut in der Hand liegen und schnell sein, sonst bin ich ihm mit dem Denken voraus.“ Ab und zu spielt er eine Partie mit seinem Schachcomputer, um „dem Kopf auch einmal die Freiheit zum Assoziieren zu geben“.
Unterscheidet sich die Einrichtung eines Design-Studios also von Büros anderer Branchen? Vielleicht machen sich Designer darüber mehr Gedanken. „Wir leben und arbeiten nie mit Plagiaten, sondern immer mit Originalen. Schließlich gestalten wir auch welche“, sagt Günter Horntrich. In seinem Büro kommen Ulmer Hocker und ein alter Tischrechner von Braun ebenso zum Einsatz wie das selbstentworfene Geschirr von Rosenthal und seine Lamy-Schreibgeräte. Dieter Rams schreibt statt auf seinem IBM-Laptop lieber mit der Olivetti Valentine. Sein Büro ist mit dem von ihm entwickelten Vitsoe-Regalsystem und seinem Doppelplattentisch eingerichtet – „aber nicht, weil ich keine anderen Büromöbel gelten lasse, sondern einfach, um die Dinge im täglichen Gebrauch zu prüfen und weiterzuentwickeln“. Oft sind es nur Details in den Design-Büros, die auf die Reflexion von Arbeitsabläufen hindeuten und Unterstützung beim Entwerfen bieten. Aber Konstantin Grcic stellt fest: „Langsam beginnt die Industrie, Ideen, die intuitiv aus Arbeitsprozessen entstanden sind, auch in die Gestaltung kommerzieller Arbeitswelten einfließen zu lassen.“ 


 
 
 
Impressum / © Verlag form GmbH & Co. KG.
Designer Profile form hochschulprofile form e-paper form RSS-Feed form twittert