Tisch-Geschichten
Text: Claudia Wanninger (redaktion@form.de), Fotos: Andreas Körner (www.a-koerner.de)
Wie sieht ein kreativer Arbeitsplatz aus? Auf den folgenden Seiten zeigen uns renommierte Designer ihre Schreibtische und beschreiben selbst, wie sie sich in ihrem Büro eingerichtet haben – dabei verraten sie auch einiges über ihre Arbeitsphilosophie.
Ordnungsfanatiker oder Chaot, Technikfreak oder Purist – das Schreibtisch-Revier-Verhalten sagt einiges aus über die Spezies des Büroangestellten. Egal ob Banker, Journalist oder Designer, alle haben einen ganz eigenen Arbeitsstil, der nicht weniger durch das Drumherum bestimmt wird als durch die eigentliche schöpferische beziehungsweise produktive Arbeit. Wo die einen Ruhe und eine entspannte Atmosphäre benötigen, um kreativ sein zu können, können andere nur unter Druck Leistung bringen; die einen arbeiten kontinuierlich an einer Aufgabe, während andere stundenlang eine weiße Seite anstarren, Tee trinken und durch den Raum schlendern, bevor sie den Dreh kriegen und in einer Leistungsexplosion alles um sich herum vergessen. Solche Unterschiede hinterlassen Spuren am Arbeitsplatz. Andersherum verhält es sich genauso: Unterschiedliche Arbeitsweisen verlangen nach spezifischen Arbeitsplätzen, nach großen oder kleinen Arbeitsplatten, Drehstühlen oder schlichten Hockern, nach Stehpulten oder Schreibtischen, hinter denen man sich verbarrikadieren kann. Hinter Philippe Starcks Tisch BaObab kann man sich sogar kuschelig beschützt fühlen; Laptop-Täter bevorzugen vielleicht ein Sofa; und der von Patrick Frey und Markus Boge entworfene Tisch Kant vereint Ordnungsanhänger und -muffel, weil das abgeknickte Ordnungsfach nicht nur Projektordner, sondern auch den täglichen Müll gnädig aufnimmt. Aber auch die Ästhetik der Umgebung hat Einfluss auf das Arbeiten: Licht, Farben, Beleuchtung, Materialien und Sitzanordnung sind charakteristisch für einen Menschen und seinen persönlichen Arbeitsstil. Genau davon erzählen die folgenden Statements und Beschreibungen von bekannten Designern. Die Aufnahmen der Schreibtische wurden während der Interviews gemacht. Übrigens: Philippe Starck arbeitet laut eigenen Angaben nicht an einem Schreibtisch, sondern in seinem Bett.
Konstantin Grcic
Der Schreibtisch hat für mich eine besondere Bedeutung, genauso wie das Büro überhaupt für mich eine wichtige Rolle spielt als Ort des Arbeitens. Ich kann eigentlich nur im Büro arbeiten. Ich bin nicht jemand, der im Flugzeug ein Skizzenbuch aufschlägt – das kann ich überhaupt nicht. So etwas findet nur im Büro statt, an meinem Platz im Büro: Das ist mein Schreibtisch. Er steht frei im Raum, so wie die Architektur das vorgibt. In anderen Büroetagen hier im Haus, die zum Teil auch von Designern und Architekten genutzt werden, wurden Wände eingezogen. Unser Büro ist ganz bewusst ein offener Raum. Ich habe das Privileg, dass ich in einer Ecke sitze, die für mich so etwas wie ein Rückzugsort ist – nicht ganz so exponiert, aber trotzdem offen und mittendrin. Ich mag dieses Durcheinander, jeder bekommt alles mit, und ich habe das Gefühl, dass dieser Hintergrund aus Stimmen, Geräuschen und Musik die Konzentration sogar eher fördert. Das ist fast besser, als wenn es mucksmäuschenstill ist, denn wenn jemand dann einen Bleistift spitzt oder mit einem Papier raschelt, irritiert das viel mehr.
An meinem Schreibtisch finde ich Konzentration. Eine Art Konzentration, die nur in einem Umfeld entstehen kann, das wirklich persönlich ist. Und obwohl ich das Büro mit meinen Mitarbeitern teile und sie Zugang zu allem haben, sind die meisten Dinge eben meine und haben deshalb etwas sehr Persönliches. Diese Atmosphäre ist wichtig für mich. Der Schreibtisch selbst ist sicherlich ein Rückzugsort. Er stellt ja auch eine Art Barriere dar, so wie er im Raum steht, und er kann auch nicht von beiden Seiten benutzt werden, schon weil das Sofa quer davor steht. Wenn wir uns zusammensetzen wollen, gehen wir an einen anderen Tisch. Die Ordnung auf meinem Schreibtisch hat etwas Unaufgeräumtes – aber zum Glück muss sie nur für mich funktionieren. Ich habe den Luxus, dass der Tisch relativ groß ist. Er könnte auch noch größer sein und wäre zum Schluss genauso voll und eng, wie er jetzt ist. Er ist kalt und aus Metall, wodurch er etwas sehr Förmliches hat. Überhaupt ist er eher unbequem als bequem, genauso wie mein Stuhl, ein ziemlich harter, aufrechter Plastikstuhl, eigentlich ein Küchenstuhl. Das ist ganz bewusst so, ich mag das. Dass ich mich hier wohlfühle, hat eher mit den Dingen zu tun, die hier sind.
Was ich an dem Schreibtisch mache? Naja, ich sitze da eben oft. An diesem Ort zu sitzen bedeutet Ruhe und Konzentration finden und durchaus auch gar nichts tun, nur denken und beobachten. Natürlich besteht meine Arbeit hier auch aus Schreiben, aber sonst mache ich am Computer nicht viel. Wenn ich zeichne, findet das an den Tischen der Assistenten statt, an denen die Projekte lagern und die ich sozusagen abwandere. Wenn ich alleine zeichne, dann suche ich mir einen neutralen Ort, einen Tisch mitten im Büro oder im Sommer auf der Terrasse. Mein Schreibtisch ist dafür zu besetzt, zu voll mit anderem Zeug. Ich brauche dann einen Tisch, der leer ist.
www.konstantin-grcic.com
Antonio Citterio
Ich betrachte mein Büro als ein „Heim außerhalb des Heims“. Es befindet sich im obersten Geschoss unseres Gebäudes, das in einer ruhigen und engen Wohnstraße im Stadtzentrum von Mailand liegt. Tageslicht fällt von links und rechts auf meinen Schreibtisch. Ein Granatapfelbaum auf dem Balkon auf der rechten Seite, ein Bambus auf dem Balkon links. Ich fühle mich wie zu Hause, weil ich von Dingen, von Büchern und Kunstobjekten umgeben bin, die zu meinem Leben gehören. Ich sitze auf einem Visavis-Freischwinger, den ich vor ein paar Jahren für Vitra entworfen habe und den ich extrem bequem finde. Meine Tischleuchte ist eine Kelvin, die ich für Flos entworfen habe. Zu meiner Linken befindet sich der La-Chaise-Sessel von Charles and Ray Eames, die während meiner Ausbildung starken Einfluss auf mich hatten. Als Student habe ich alle Arbeiten der Eames’ nachgearbeitet, indem ich sie Stück für Stück zusammensetzte, und das hat mich gelehrt, dass man nur über ein gründliches Verständnis der industriellen Fertigungstechnik zu einer extremen Minimierung der Design-Sprache findet. Außerdem die Bogenlampe Arco von Achille Castiglioni für Flos. Rechts von mir, neben dem Sofa Diesis, das ich in den siebziger Jahren für B&B Italia entworfen habe, steht ein Holzschemel, entworfen von meiner Frau Terry Dwan für die italienische Firma Riva 1920. In der rechten Ecke des Raums gibt es eine kleine, private Küche, wo ich für mich und meine Gäste Kaffee machen kann, wofür ich die traditionelle italienische Moka-Kanne benutze. Ich genieße es, meine Arbeitszeit im Büro zu verbringen, besonders, wenn ich mich konzentrieren muss. Ich mag es aber auch, mit meinen Mitarbeitern an ihren Plätzen an den Zeichnungen zu arbeiten. Ich genieße es zu arbeiten!
www.antoniocitterioandpartners.it
Michael Lanz
Mein Schreibtisch besteht aus einem schwarzen Eiermann-Gestell mit einer weiß laminierten, 30 Millimeter starken Multiplex-Platte in den Maßen 180 x 80 Zentimeter. Flankiert wird er von den Schreibtischen der zwei weiteren Münchner Geschäftsführer, Claude Toussaint und Nico Michler, und einem Sideboard von USM Haller in Schwarz und Chrom. Für ausreichend Licht auf meinem Tisch sorgt eine Tolomeo von Artemide. Mein Stuhl ist ein Aluchair von Ray und Charles Eames mit höherer Lehne und Lederpolstern. Auf dem Schreibtisch befinden sich das von uns gestaltete Bürotelefon OpenStage von Siemens, ein Asus-Notebook mit zusätzlichem Sony-Flachbildschirm, eine externe Tastatur und Maus sowie ein großer Stapel von Design- und sonstigen Fachmagazinen und – ganz wichtig – immer auch ein Skizzenblock und Bleistift und Kugelschreiber. Als kleinen Luxus gönne ich mir einen iPod Touch an meinem Arbeitsplatz, der vor allem dann hilfreich ist, wenn ich konzentriert – ohne zu große Ablenkung durch die Umgebung – an einer Sache arbeiten möchte. Als einer der Inhaber und Geschäftsführer besteht aber ein Großteil meiner Arbeit aus Kommunikation: intern zu unseren Mitarbeitern und extern zu unseren Kunden und Partnern. Deshalb gehören Telefon und Outlook zu meinen wichtigsten Werkzeugen in der täglichen Arbeit. Aber am liebsten ist mir immer noch das persönliche Gespräch und natürlich, gemeinsam mit unseren Designern neue Ideen für erfolgreiche Produkte zu entwickeln …
www.designafairs.com
Tom Schönherr
„Klar Tisch auf dem Schreibtisch“ – so könnte meine Kernaussage lauten. Und das bitte jeden Tag. Wenn möglich arbeite ich nur bei Tageslicht – schöne große Eckfenster erleichtern mir diese Möglichkeit. Ich bin kein Freund von Schreibtischleuchten, in der dunklen Jahreszeit dann eben mit Oberlicht. Der große weiße Arbeitstisch lässt Raum für das Tagesgeschäft, und am Abend verlasse ich denselbigen aufgeräumt, um am Morgen mit frischen Gedanken neu zu starten. Klare Gedanken nur bei klarer Umgebung. Kein Nippes, keine Familienporträts, keine Awards. Erlaubt ist ein iMac in Weiß – mit weißem Bildschirmschoner. Und das dynamische Sitzen geht am besten auf dem Vitra-Klassiker von Mario Bellini, auch ohne Schnickschnack – keine Kopfstütze, keine Armlehne – die einfachste Variante reicht völlig. Für die kurzen Besprechungen zwischendurch kommt der Rollcontainer mit Sitzkissen zum Einsatz.
www.phoenixdesign.de