Der Mann der Materialien
Interview:
Gerrit Terstiege
Mr. Lefteri, Sie haben sieben Bücher über Materialien veröffentlicht, arbeiten als Berater, Sie bloggen über Materialien, halten Vorträge und haben diverse Ausstellungen zum Thema realisiert. Was war der Auslöser für Ihr Interesse an Materialien?
Der gleiche, der mich auch zum Design brachte: Ich wollte einfach mehr über die Dinge um mich herum herausfinden. Man kann das etwa mit diesen Kindheitserfahrungen vergleichen, wenn einem etwas in die Hände fällt – egal, ob es sich dabei um einen natürlichen oder vom Menschen hergestellten Gegenstand handelt – und man will herausfinden, was das ist, woher es kommt und woraus es gemacht ist. Diese- Neugier habe ich mir immer erhalten, und als ich dann die Möglichkeit bekam, ein Buch zu schreiben, konnte ich einerseits darstellen, was ich wusste, und andererseits hatte ich einen guten Grund, mehr über das herauszufinden, was ich noch nicht wusste. Dieses erste Buch war in vielerlei Hinsicht der Versuch, auf interessante Weise Geschichten über Materialien zu erzählen, die für den Designprozess von Bedeutung sind. Je mehr ich mit Ideen für Bilder und Layout spielte, umso klarer wurde mir, dass es etwas sehr Wesentliches gab in der Art und Weise, wie Designer Materialien einsetzen, das zu jenem Zeitpunkt noch nicht thematisiert wurde.
Was inspiriert Sie?
Eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen sind Lebensmittel und Speisen. Ich wurde vor kurzem gebeten, ein Buch zum Thema Materialien zu schreiben, und habe es wie ein Designprojekt angepackt. Ich dachte, wenn ich in der Lage wäre, über Materialien so zu reden, dass ich meine Leser nur mit Hilfe von Text und Bildern so anspreche, dass sie eine starke emotionale Verbindung zu den Materialien herstellen können, dann wäre ich auch in der Lage, wirklich zum Kern dieses Themas vorzudringen und diese Kluft zu überwinden, die entsteht, weil man beim Lesen eines Buches eben nicht wirklich ein Muster in Händen hält, das man fühlen, schmecken, riechen kann – all die Dinge, die wir als Designer nun mal machen, wenn wir mit Materialien spielen. Ich wollte schon immer von der trockenen, technischen Sprache der traditionellen Materialkunde wegkommen, die ja aus den Ingenieurs- und Naturwissenschaften stammt. Also benutzte ich sehr sinnliche Formulierungen, zum Beispiel „finger skinny“, um ein dünnhäutiges Material zu beschreiben, oder „steamy shower“ zur Beschreibung der Qualität von Transparenz. Ich wollte beim Leser ein Bild von dem Material erzeugen, das ihm Lust darauf macht – so wie auch ein Kochbuch wirklich Lust auf das Kochen und Essen hervorrufen kann.
Das klingt gut! Warum ist Ihrer Meinung nach das Thema Materialien gerade in letzter Zeit im Design so wichtig geworden?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen findet mittlerweile in allen Designbereichen der Aspekt von „Erfahrungen“ große Beachtung. Das bedeutet, dass Designern mehr Werkzeuge zur Verfügung stehen müssen, um solche „Erfahrungen“ zu schaffen. Das hat mit Branding und Kommunikation zu tun, und Materialien spielen hier eine sehr große Rolle. Darüber hinaus wird der Umweltaspekt zunehmend wichtiger, die Art, die Herkunft und die Verarbeitung von Produkten und Möbeln sowie deren materielle Zusammensetzung ist dabei ganz entscheidend. Als drittes wäre noch das exponentielle Technologiewachstum zu nennen, das wirklich sehr aufregend ist. Als Designer wollen wir diese spannenden Dinge entdecken und anwenden.
Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Entwicklung im Bereich der „neuen“ Materialien?
Man kann nicht von einer einzelnen Entwicklung sprechen, da es hier um das Zusammentreffen mehrerer Forschungsbereiche geht. Ideen aus den Bereichen von Biomimikri und Nanotechnologie finden sich in allen möglichen Materialien wieder, nicht nur in den bekannten Textilausrüstungen und selbstreinigenden Glasbeschichtungen, sondern auch in der Herstellung dauerhafter Verbindungen verschiedenartiger Materialien. Und dann gibt es die Komposite, die in den Bereichen Konstruktion, Flugzeugbau und Transport sehr wichtig geworden sind. Eines der interessantesten Materialien in diesem Bereich ist ein keramischer Werkstoff, der auf Perlmutt basiert – der Substanz, mit der die Schalen von Krebsen ausgekleidet sind. Er verbindet die Härte von Keramik mit der Zähigkeit von Metall. Aber es gibt auch einfachere Techniken, in denen etwa neue Verfahren zur Herstellung von Kunststoff-Formguss-Produkten verwendet werden. So wird Sägemehl – das ja ein Abfallprodukt der Holzindustrie ist – benutzt, um Formguss-Produkte aus Kunststoff herzustellen. Dabei werden bis zu fünfzig Prozent der Holzfaser weiterverwendet. Außerdem glaube ich fest daran, dass in Zukunft die Herstellung von Materialien und die Herstellung von Produkten wesentlich enger miteinander verquickt sein werden, als es heute noch der Fall ist.
Nennen Sie bitte ein Beispiel hierfür.
In der Natur zum Beispiel werden Pflanzen geformt während das Material produziert wird. Im vom Menschen geschaffenen Ablauf wird hingegen erst ein Material hergestellt, das dann mit Hilfe von Maschinen zum Produkt verarbeitet wird. Dieser Prozess besteht aus vielen Einzelschritten wie Formung, Oberflächenbehandlung und Transport. Viele sind ja heute der Überzeugung, dass die Biotechnologie für das 21. Jahrhundert das ist, was Physik und Mechanik für das 20. Jahrhundert waren.
Das mag stimmen, vorausgesetzt, dass diese Techniken in die richtigen Hände geraten. Doch, um auf die Natur zurückzukommen: Es ist klar, dass umweltschonende, wiederverwertbare Materialien in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit erfahren haben. Wie können Designer Firmen davon überzeugen, diese Materialien einzusetzen, selbst wenn sie gegebenenfalls teurer sind?
Ich glaube, es geht zunächst darum, dass Designer ihre Vorstellung davon, was ein Öko-Material ausmacht, erweitern müssen. Dieses Gebiet kann man in zwei Kategorien einteilen: Zur ersten gehören Materialien, die irgendeine Form von Öko-Branding besitzen. Zur zweiten gehören die Materialien, die zwar nicht explizit als „Öko“ ausgewiesen sind, aber zum Beispiel aufgrund einer bestimmten physikalischen Eigenschaft zur Gewichtsreduzierung beitragen können, die mit geringem Energieverbrauch hergestellt wurden oder die unkompliziert wiederverwertet werden können. Diese Materialien sind viel schwerer zu identifizieren als Öko-Materialien, können aber mindestens genauso nachhaltig sein wie viele der sogenannten Öko-Materialien – wenn nicht sogar nachhaltiger.
Glauben Sie, dass in 100 Jahren viele Produkte aufgrund neuer Materialien völlig anders aussehen werden als heute?
Wenn man versucht, solche Dinge vorauszusagen, läuft man Gefahr, völlig danebenz liegen, also lasse ich das lieber. In den nächsten 100 Jahren könnte es potenziell um das Verschwinden von Produkten gehen und darum, dass das, was wir unter dem Begriff „Produkt“ verstehen, etwas weit weniger Greifba-res sein wird als heute. Im Augenblick ist unsere Beziehung zu Produkten und Objekten größtenteils von emotionalen Aspekten geprägt und nicht so sehr von der Erfüllung von Funktionen, wie es vor ungefähr 100 Jahren der Fall war. Was Materialien angeht, glaube ich, dass Werkstoffe wie Kunststoff, Holz und Metall obsolet werden und dass die einzigen Dinge, die aus diesen Werkstoffen gefertigt sein werden, Antiquitäten aus unserem Jahrhundert sind. Als ziemlich sichere Vorhersage könnte man festhalten, dass diese Materialfamilien sich so weit entwickelt haben werden, dass es Hybride und neue Biomaterialien geben wird, die durch Mischung verschiedener Rohmaterialien hergestellt wurden. Außerdem habe ich immer geglaubt, dass die Zukunft einem bestimmten Material gehören wird, das sich jeder beliebigen Anwendung anpassen kann, ein Material, das bei der Weiterverarbeitung in Produkte nur minimale Energie verbraucht.
www.chrislefteri.com
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