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Sonderhefte

 

 
 

Die Lebensbegleiter

Text: Gerrit Terstiege

Gerade Designklassiker und Longseller sollten das Potenzial haben, ihre Besitzer ein ganzes Leben zu begleiten. Gerrit Terstieges Text ist aus dem Buch „Universal Design“ von Oliver Herwig entnommen, das im Birkhäuser Verlag erschienen ist.

Die Ikonen der Produktgestaltung, insbesondere berühmte Möbelstücke, scheinen längst über pragmatische Ansprüche an Funktionalität und Alltagstauglichkeit erhaben. Aktuell rücken Objekte wie die Chaiselongue Lockheed Lounge von Marc Newson, Tische von Zaha Hadid, Vasen von Ettore Sottsass, Hella Jongerius oder Jasper Morrison in die Nähe von Kunstwerken. Heute macht das Schlagwort „Design Art“ die Runde und vereint wie selbstverständlich die lange Zeit als unvereinbar geltenden Welten angewandter und freier Kunst. Nur ein Narr würde danach fragen, ob eine Licht-Installation von James Turell, eine Skulptur von Jonathan Meese oder ein Musikstück von Björk auch für ältere Menschen „funktionieren“. Sind nicht etwa viele Gemälde Rembrandts in so dunklen Farben gehalten, dass ihre Nuancen für Menschen mit geschwächter Sehkraft kaum mehr wahrnehmbar sind? Eine absurde Fragestellung.

Alltagsgegenstände dagegen haben zweifellos bestimmte Funktionen zu erfüllen – auch jene, deren formale Qualitäten sie zu Klassikern haben werden lassen. Und da gerade den Klassikern das eher unbrauchbare Attribut der „Zeitlosigkeit“ zugeschrieben wird, diese aber immerhin ihre Besitzer oft jahrzehntelang begleiten, ist die Fragestellung nach ihrem Gebrauchswert für ältere oder be-hinderte Menschen vielleicht doch nicht ganz ohne Nutzen. Nun ist der Begriff des Designklassikers weder geschützt noch besonders klar definiert. Im Gegenteil: Er wird heute recht inflationär benutzt und erfreut sich gerade in werblichen Kontexten großer Beliebtheit. Doch allein die Tatsache, dass ein Produkt seit Jahren auf dem Markt ist, rechtfertigt wohl kaum diese Bezeichnung. Auf der anderen Seite dürften Entwürfe wie der Chair_ONE (2003) oder der Stuhl Myto (2007) von Konstantin Grcic schon in wenigen Jahren den Status Klassiker erreichen. Doch eignen sich längst nicht alle am Markt erfolgreichen und berühmten Möbelstücke, Elektrogeräte und Haushaltswaren für die speziellen Anforderungen jener Zielgruppe, um die es in diesem Buch geht. Betrachtet man etwa das formschöne Salz- und Pfefferstreuer-Set Max und Moritz, das
der Bauhäusler Wilhelm Wagenfeld für WMF entworfen hat, scheint die Tatsache, dass ihr Metalldeckel den gläsernen Korpus ohne jedes Schrauben nur durch leichten Druck verschließt, eine wunderbare Erleichterung, ge-rade für Menschen mit eingeschränkten haptisch-en Fähigkeiten. Aber genau hierin liegt auch ein Schwachpunkt von Wagenfelds Konzept. Fällt nämlich, selbst aus geringer Höhe, Max oder Moritz aus der Hand auf den Tisch, Teller oder Boden, springt der Deckel ab und sein Inhalt verströmt auf höchst unliebsame Weise. Auch die zylindrische, radikal reduzierte Stelton-Thermoskanne, 1977 von Erik Magnussen entworfen, wurde längst in die meisten musealen Design-Sammlungen aufgenommen und findet sich auf Tausenden Konferenz- und Bürotischen in aller Welt. Ganz unproblematisch ist der ungeübte Umgang mit ihr indes nicht, da ihr Ausgusspunkt so hoch liegt, dass sich Tee oder Kaffee sehr schnell und druckvoll ergießen.

Auch klassische Stuhlentwürfe sind durchaus mit Vorsicht zu genießen: Beinahe, so weiß der Stuttgarter Designprofessor Winfried Scheuer von einem Besuch im Studio von Achille Castiglioni zu berichten, wäre der greise Gestalter bei dem Versuch, sich vor Studenten auf seinen berühmten Mezzadro-Hocker zu setzen, umgekippt und zu Boden gestürzt. Und auch der oft kopierte Stahlrohrklassiker S34, von Mart Stam 1926 entworfen, birgt eine Gefahr, die man ihm auf den ersten Blick nicht ansieht: Hat man auf ihm Platz genommen, kann sich der Gürtel des Sitzenden an der Rückenlehne des Freischwingers so unglücklich verhaken, dass der Stuhl beim Aufstehen am Körper hängenbleibt.
Im besten Fall kommt dann nur der Stuhl zu Fall. Bereits 1998 präsentierte die Ausstellung „Error Design“ in der Kunsthalle Krems Alltagsgegenstände und Phänomene, denen Irrtümer und Fehler bereits ab Werk eingeschrieben sind: mit winzigen Knöpfen überladene Fernbedienungen, verschweißte Verpackungen, die sich ohne rohe Gewalt kaum öffnen lassen, ein Wasserkessel, dessen Metall-griff sich gleich miterhitzt. Manfred Tscheligi, Professor für angewandte Informatik an der Universität Wien schreibt im die Ausstellung begleitenden lesenswerten Katalog: „Wir sind uns oft nicht bewusst, mit wie viel Unbenutzbarkeit wir täglich konfrontiert werden. Wir haben uns daran gewöhnt, uns zu ärgern. Ein Aufruf ergeht an alle Benutzer, mehr zu wollen. Weniger Ärger, weniger Fehler, benutzbare und zielgerichtete Systeme. Nicht die Menge an Funktionen zählt, sondern die Ausrichtung auf den Kontext der Benutzung.“

Die hier versammelten Designklassiker wiederum zeichnet aus, dass ihre Benutzung weder Menschen mit leichter körperlicher Behinderung noch ältere Personen vor Probleme stellen dürfte. Im Gegenteil: Sie sind nicht nur formschön und langlebig, sondern im besten Sinne funktional. Enzo Maris Tischkalender Timor lässt sich im Handumdrehen täglich aktualisieren. Die Bedienung einer Maglite-Taschenlampe mittlerer Größe ist kinderleicht, der Lamy Scribble des Schweizer Designers Hannes Wettstein liegt wunderbar in der Hand, seine dicke Mine zu wechseln wird niemanden überfordern. Praktisch alle Rimowa-Koffermodelle sind so leicht und robust, dass sie zu verlässlichen und nützlichen Reisebegleitern werden. Der plakative Medizinschrank des Designers Thomas Ericksson in Form eines roten Kreuzes weist auch jene auf seinen Inhalt hin, die sich in den Wohnräumen einer verletzten oder ohnmächtigen Person nicht auskennen und schnelle Hilfe leisten wollen.  





 
 
 
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