Zurück zu: Sonderhefte

Sonderhefte

 

 
 

Der Füller als Manifest

Text: Volker Albus, Photos: Gerrit Terstiege

In digitalen Zeiten werden Füllfederhalter immer mehr zu Sammlerobjekten und Statussymbolen – darauf setzen auch die Hersteller und produzieren besondere Designlinien. Für die Lamy-Dialog-Reihe hat jetzt Franco Clivio einen Füller entwickelt, ausgestattet mit raffinierter Technik. Sind wir mal ein bisschen ketzerisch und fragen: Wer könnte sich diesen Füllfederhalter kaufen, und, vor allem, warum sollte man sich dieses neueste Produkt aus dem Hause Lamy zulegen wollen?

Als erster Grund wäre da natürlich die Marke zu nennen: Lamy! Die bedeutet per se Qualität, da macht man bestimmt nichts falsch, weder in Bezug auf die Funktion noch hinsichtlich der Verarbeitung. Zweitens: Die außergewöhnliche Technik dieses von Franco Clivio entworfenen, in acht langen Jahren entwickelten Geräts. Bei dem Dialog 3, so der Produktname, handelt es sich um den einzigen kappenlosen Füllfederhalter, bei dem Feder und Clip versenkbar sind, so die Marketingabteilung. Und auch wenn dieser Dialog 3 nicht der allererste seiner Art ist – Vorläufer waren etwa der Pullmann (1937) oder der Pilot (ab Mitte der sechziger Jahre) – so muss man ihm dennoch uneingeschränkt das Prädikat „innovativ“ zubilligen. Es ist nämlich nicht nur die Feder, die durch eine leichte Drehung ausgefahren wird, auch der Clip hebt und senkt sich mit dem Drehen. Beim Schreiben ist er versenkt und stört nicht, mit dem Schließen des Füllfederhalters hebt der Clip sich wieder und kann zum Einstecken genutzt werden.

Aber es sind nicht allein diese technischen Finessen, es ist – und damit kommen wir zum dritten Aspekt – vor allem das Design, das diesen Füller zum Objekt der Begierde macht. Es ist wahrlich von außergewöhnlicher Stringenz. Man muss schon sehr genau hinschauen, um ungefähr in der Mitte des 140 Millimeter langen und 13 Millimeter breiten Zylinders eine nur in Mµ zu messende umlaufende Nut zu erkennen, die einen Hinweis darauf gibt, dass es sich bei dieser archetypischen Form um etwas Geräteartiges handeln könnte. Und wäre da nicht der Clip, man käme wohl kaum darauf, dass man es mit einem Schreibinstrument zu tun hat.

Allerdings dürfte gerade dieser Clip zu Diskussionen führen – zumindest im Lager der Puristen. Denn selbst wenn er bestimmt sehr praktisch, mithin also absolut funktional ist, so ist es gerade diese Aura des Praktischen, die dem Erhabenen der reinen Form dieses Füllfederhalters etwas konventionell Beflissenes gibt. Die Befindlichkeit mag subjektiv sein, aber es ist genau dieses Detail, das an diesen Akt des In-die-Brusttasche-Steckens erinnert – an einen Akt also, dem etwas absolut Alltägliches, um nicht zu sagen: etwas Ältliches anhaftet. Das aber passt so gar nicht zu diesem Solitär. Solch ein Solitär braucht Platz, er muss frei liegen, soll sich nicht dauernd für sein funktionalistisches Dasein rechtfertigen müssen, kurzum: So ein Solitär hat, ganz ähnlich wie Enzo Maris Tischschale Putrella (1958), der Fernseher Black von Sapper / Zanuso oder die Garde aktueller Apple-Geräte, in seiner Introvertiertheit, seiner ganzen Rätselhaftigkeit die ursprüngliche Kraft, einen Tisch ganz alleine zu bespielen – und die muss man ihm lassen.

„Cult Objects“ nannte 1987 Deyan Sudjic das Arsenal all der Produkte, die zwar nicht allen funktionalen und ästhetischen Ansprüchen genügen, die aber aufgrund ihrer kompromisslosen Eindeutigkeit alle, die sich für sie begeistern, zu lebenslangen Bekennern ihrer Designphilosophie machen. Der Dialog 3 hat zweifellos das Potenzial zu diesem Kultstatus – allerdings nur ohne Clip. Und dann müsste das Produkt auch nicht mehr jenem Vermittlung verheißenden Begriff „Dialog“ Rechnung tragen. Dann könnte man es auch ganz selbstbewusst mit Manifest 1 betiteln.

lamy.com 





 
 
 
Impressum / © Verlag form GmbH & Co. KG.
Designer Profile form hochschulprofile form e-paper form RSS-Feed form twittert