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Sonderhefte

 

 
 

Neue Strahlkraft

Text: Hannah Bauhoff und Katja Neumann (redaktion@form.de)

Es kommt Schwung in die Licht- und Leuchtenbranche: Die LED eröffnet völlig neue Geschäftsfelder. Die „light-emitting diode“ ist nicht nur kostengünstig und energieeffizient, sie bietet auch neue Gestaltungsmöglichkeiten – zum einen wegen ihrer Farbwiedergabe, zum anderen, weil sich Leuchtdioden einzeln ansteuern und programmieren lassen. Das klingt wunderbar in den Ohren von Lichtplanern, Designern und Architekten. Und so erstrahlen nicht nur Gebäude in einem völlig anderen Licht, auch Unternehmen schätzen die neuen Möglichkeiten der Beleuchtung als Mehrwert für die Markenarchitektur.

Denkt man an LED und Architektur, fallen einem zunächst spektakuläre Medienfassaden ein, wie die des Leverkusener Bayer-Hochhauses. Das Gebäude dient ausschließlich als Kommunikationsinstrument für das Unternehmen. Eine 18 000 Quadratmeter große Rundum-Leinwand aus transparentem und wetterbeständigem Edelstahlgewebe mit 5,6 Millionen integrierten LEDs umspannt das Hochhaus und macht, dank des Einsatzes der Kölner ag4 media facade, aus dem einst vom Abriss bedrohten Haus eine weithin sichtbare Medienskulptur. Ein Blick in den Himmel reicht, um das Kerngeschäft der Firma zu erkennen: Nachts mutiert das Haus zur überdimensionalen Pillenpackung. Weltweit leuchten inzwischen Außenwände. Möglich ist das durch neue Medientechnologien gepaart mit LEDs. Die ehemals populären Projektionen auf Fassaden – wie vom Büro Urbanscreen beim Projekt „Glanzstück“ zum Rheinpartie Festival 2009 gezeigt – sind inzwischen rein temporär und künstlerisch. Das Ergebnis: Aus Architektur wird Mediaarchitektur. Es geht inzwischen um hochkomplexe, sich wechselseitig durchdringende sozio-digitale Systeme mit zunehmendem Einfluss auf das Alltagsleben. Unternehmen, Markenmanager und Betreiber erschließen mittels Adscreens, eBoards oder Digital Signage den öffentlichen Raum. Warum nur ein Logo zeigen, wenn doch ganze Gebäude in der Unternehmensfarbe leuchten können, dachten sich Planer und ließen Häuser gemäß der Corporate Identity der Auftraggeber farbig erstrahlen. Diese Idee stieß auch bei Fußballvereinen auf Interesse – und selbst für die Doppelnutzung eines Stadions fand sich eine Lösung: Die Basler Architekten Herzog & de Meuron ließen 2005 mittels Licht--technik die Außenhaut der Münchner Allianz Arena beim Spiel des FC Bayern München kurzum rot färben, beim Match von 1860 München gemäß deren Vereinsfarben blau.

Doch diese Form des Brandings – und der „Lichtverschwendung“ – ist eigentlich überholt, sagt Tim Edler von Realities:United. In Zeiten der Energieeffizienz gehe es vielmehr um den gezielten Einsatz von Licht und Gebäudebeleuchtung, auch um eine Lichtverschmutzung der Umgebung und Atmosphäre zu vermeiden. Ein wegweisendes Beispiel könnte das Projekt C4 werden, das Realities:United zusammen mit den spanischen Nieto Sobejano Arquitectos für das Centro de Creación Artística Contemporánea in Córdoba plant. An der 100 Meter langen Fassade sind 1319 hexagonale, vorgefertigte Schalen mit einzeln steuerbaren Lichtquellen montiert. Tagsüber wird die Sonneneinstrahlung innerhalb dieser Schalen reflektiert und modelliert die Topografie des Zentrums – ohne dass das Ganze wie eine Medienfassade wirkt. Nachts werden nur die LEDs angesteuert, die gezielt Bilder an bestimmte Stellen projizieren.

Jüngstes Beispiel für den Flirt zwischen Architektur und Licht ist das vor zwei Monaten eröffnete VitraHaus. Diesmal haben Herzog  &  de  Meuron die Außenfassade mit anthrazitfarbenem Mineralputz einheitlich getüncht. Das Resultat: Tagsüber bleibt das Ensemble aus zwölf Giebelhäusern durch seine eigenständige Form in Erinnerung. In der Dämmerung aber verschmilzt das dunkle Gebäude mit seiner Umgebung; die voll verglasten Stirnseiten der gestapelten Häuser verwandeln sich in Schaufenster, die einen direkten Einblick in heimisch wirkende Wohnwelten erlauben und sogar von der nah gelegenen Autobahn zu erkennen sind. Die Botschaft ist klar: Es geht um das, was innen zu sehen ist: die Home-Collection von Vitra.

Die Markenkommunikation über Licht und Architektur ist dennoch nur eine Seite der Medaille: Denn sie funktioniert ausschließlich aus der Ferne. Wie sich die Markenführung auch im Inneren eines Gebäudes fortsetzen kann, zeigt zum Beispiel der Hersteller Siedle: Moderne, an das unternehmenseigene Erscheinungsbild angepasste Kommunikations- und Leitsysteme bringen den Besucher über ergonomisch platzierte Bedienelemente und LED-Flächenleuchten bequem ans gewünschte Ziel.

Von außen nach innen, von der Tag- zur Nachtwirkung – das Branding durchdringt die Architektur zusehends in fast allen Bereichen. Zu verdanken ist diese Entwicklung maßgeblich der LED, die großes Gestaltungspotenzial bei vergleichsweise niedrigen Kosten bietet und Beleuchtungsherstellern, Architekten und schlussendlich auch Unternehmen ein neues Universum an bisher ungeahnten Möglichkeiten eröffnet. 







 
 
 
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