Im Architekturzoo
Text: Falk Jaeger (
redaktion@form.de)
Die Expo in Shanghai ist die größte Weltausstellung aller Zeiten. Auf 5,28 Quadratkilometern gibt es zuweilen wirklich Lehrreiches zu entdecken – die meisten Länder aber begnügen sich mit millionenteurer Imagepflege. Immerhin: Die Architektur ihrer Pavillons ist oft atemberaubend.
Weltausstellungen haben seit 160 Jahren den Charakter von Architekturzoos: Die äußere Attraktivität ist, neben dem Standort auf dem Gelände, der entscheidende Faktor für den Erfolg eines Pavillons. Nur wenige der Bauwerke haben es in die Annalen der Baugeschichte geschafft: Der Londoner Kristallpalast 1851, der Eiffelturm und die Maschinenhalle 1889, Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon 1929 und das Atomium in Brüssel 1958. Ging es bis in die Anfänge des 20. Jahrhundert noch darum, beispielhafte Architekturen zu zeigen (wenn auch manch exaltiertes Schloss dabei war), so sind die Pavillons der teilnehmenden Länder seitdem und bis heute mehrheitlich gebäudegroße Designobjekte.
„Better City, Better Life“ ist 2010 das Motto in Shanghai, Umweltschutz und Nachhaltigkeit das Generalthema. Wie immer gibt es die Nationen, die den ganz großen Auftritt suchen. Und es gibt die kleinen Länder, die zum Thema kaum etwas beizutragen haben und mit Folklore schlicht Fremdenverkehrswerbung betreiben. Diese Auftritte mögen zuweilen rührend wirken, seltener anregend oder gar faszinierend, doch sie gehören seit Anbeginn zu den Weltausstellungen. Wie immer brachte der Wettkampf um die Aufmerksamkeit des Publikums auch in diesem Jahr Faszinierendes und Kurioses, Lehrreiches und Unverständliches, Begeisterndes und Dürftiges hervor. Auf den Spaßfaktor setzen zum Beispiel die Holländer mit ihrer kunterbunten Architekturcollage von John Körmeling. Der Weg führt eine spiralförmige Brücke hinauf, die von kleinen Häuschen gesäumt ist, in denen holländische Künstler ihre Werke präsentieren; Straßenorgel und Glockenspiel dürfen nicht fehlen. Abends leuchtet das Ensemble wie eine Achterbahn in Las Vegas.
Eher freudlos präsentiert sich dagegen der Schweizer Pavillon, wie ein schwarzgrauer Flakbunker, dem man dünnen Blümchenchiffon vorgehängt hat (Buchner Bründler Architekten). Der Sessellift, der über künstliche Almen führt, ist vielleicht für die Graubündner Kantonsausstellung richtig bemessen, nicht aber für Zehntausende Besucher – die Faszination ist groß, die Warteschlangen lang. Sehr lang. Die Architektur des deutschen Pavillons, entworfen von Lennart Wiechell aus dem Münchner Büro Schmidhuber + Partner, symbolisiert mit ihrem kubistischen Arrangement schwebender, austarierter Körper das Expo-Motto „balancity“. Im letzten Raum des lehrreichen Rundgangs, einem dreigeschossigen Rundtheater, wird das Publikum dazu animiert, eine riesige LED-Kugel durch Rufe und Lärm mit „Energie“ aufzuladen, sie reagiert mit Lichtspielen und beginnt zu kreisen und zu pendeln. Nirgendwo sonst auf der Expo sind die Chinesen in derart tosender Stimmung zu erleben. In Erinnerung behalten werden sie auch den spanischen Pavillon von Benedetta Tagliabue, der sich in einem Schuppenkleid aus Weidengeflecht präsentiert und in bild- und tonmächtigen Shows Flamenco, Stierkampf und alles weitere zeigt, was man so für spanisch halten soll.
Ziemlich frei von Informationen sind dagegen die Auftritte anderer Länder, etwa der dänische Pavillon, entworfen von Architektur-Jungstar Bjarke Ingels (BIG): Auf einer Rundbahn kann man mit dem Fahrrad Kopenhagens kleine Meerjungfrau (das Original!) umkreisen, ein paar Großdias und ausgestellte Designobjekte bewundern – sonst nichts. Auch der englische Auftritt, den der Designer und Künstler Thomas Heatherwick gestaltete, zählt zu jenen, die sich nicht mit bedeutungsschwangeren Inhalten befassen. Dafür ist er einer der spektakulärsten: Auf einer bewegten Landschaft aus grauem Kunstgras, von den Chinesen gerne für eine Ruhepause genutzt, schwebt die Seed Cathedral, ein igelartiges Objekt aus 60 000 Plexiglasstäben, die sich im Wind bewegen und Licht ins Innere leiten. In jedem der Stäbe ist der Samen einer Pflanze eingegossen, der nach der Expo ausgepflanzt werden soll – mithin ein tiefgründig-symbolisches Konzept.
Insgesamt aber gilt: Auf der Expo wird vor allem mit Multimillionen Aufwand oberflächlich-atmosphärische Imagepflege betrieben. Ein Architekturzoo eben.
en.expo2010.cn