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Sonderhefte

 

 
 

Wo Design studieren?

Text: Kathrin Spohr (redaktion@form.de)
(redaktion@form.de)

Die Welt ist im Wandel, die Designausbildung auch. Das klassische Grafik- oder Produktdesignstudium hat ausgedient. Heute hat man die Wahl zwischen starker Spezialisierung und völliger Inter- und Transdisziplinarität – letztere waren vor zehn Jahren noch undenkbar. Kathrin Spohr, heute Lehrbeauftragte für Redaktion und Edition an der FH Düsseldorf, hat den Umschwung miterlebt.

Als ich am Art Center College of Design im kalifornischen Pasadena das erste „Advanced Design Project“ leitete – ein Sponsorenprojekt mit Nokia, in dem Graphics und Product Design Department des Colleges erstmals zusammenarbeiten mussten – da brauchte es einen Mediator. Er, ein ehemaliger Chefdesigner von Texas Instruments, sollte mögliche Kommunikations- und Kompetenzkonflikte zwischen den teilnehmenden Grafik- und Produktdesignern schlichten. Denn ein solch interdisziplinäres Projekt war ein absolutes Novum am ACCD. Und wir haben den Mann gebraucht. Ohne ihn hätte Nokia sicher nicht pünktlich schlaue Ideen für künftige Communication Devices gesehen. Das war Ende der neunziger Jahre. Heute ist das interdisziplinäre Arbeiten an den meisten Designhochschulen ein wichtiger Aspekt der Lehre. „Unsere Studiengänge verzahnen sich zunehmend“, erklärt etwa Ilka Helmig, Dekanin der FH Aachen. „Unser 2011 startender drei-semestriger Master „Kommunikationsdesign und Produktdesign“ verbindet etwa Disziplinen der zwei- und dreidimensionalen Gestaltung und bietet die Grundlage für ein komplexes und vieldimensionales Arbeitsfeld des Gestalters von morgen.“ Auch Peter Naumann, Dekan der Fakultät Design der Hochschule München, bestätigt: „Von der Fixierung auf ein Fachgebiet und dem handwerklichen Können hat sich die Ausrichtung mehr auf Flexibilität, Interdisziplinarität und Offenheit für die Gesamtheit der Designdisziplin verlagert.“
Umbruchstimmung also an den Designschmieden, und nicht nur, weil der Diplomstudiengang so gut wie ausgedient hat und Bachelor und Master gewichen ist. Sondern auch, weil unsere Welt sich rasant verändert, immer noch komplexer, noch globaler, noch multimedialer wird. Unterschiedliche Produkte und ihre jeweiligen Funktionen verschmelzen immer stärker miteinander – traditionelle Lehrformen kommen da nicht mehr mit. Die Designhochschulen weltweit reagieren mit neuen Strukturen und Angeboten. So wirbt Hollands avancierteste Gestaltungshochschule, die Designacademy Eindhoven, ganz offensiv damit, den „vielseitigen Designer“ auszubilden. Dort gibt es keine getrennten Fachbereiche, man macht seinen Abschluss nicht als Grafik- oder Produktdesigner. „Man and Activity“, „Man and Wellbeing“ und „Man and Communication“ gehören zu den acht inspirierenden Studienfeldern, die gar nicht nach Ausbildung klingen und in denen man doch seinen Bachelor-Abschluss machen kann. Einen noch radikaleren Ansatz verfolgt die Köln International School of Design (KISD): Mit ihrem BA und MA „Integrated Design“ bietet sie
ein komplettes nicht-lineares, transdisziplinäres und projektorientiertes Studium an. Wer diese Ausbildung genießen will, muss von Anfang an sehr selbstständig sein, denn je weniger verschult ein Studium ist, desto mehr Eigeninitiative ist nötig, um den eigenen Weg zu finden. Networking ist eine weitere Lösung, um das Designstudium für das 21. Jahrhundert kompatibel zu machen: Die Parsons New School for Design in New York profitiert von einer „multiple-school structure“, die acht Schulen unterschiedlichster Ausrichtung – etwa Musik, Tanz, Management oder Social Research – mit teils internationalen Standorten vereint, um „transdisziplinäres Denken zu fördern und Antworten zu geben auf die dynamischen Veränderungen in Design und Kunst, Business und Hochschule“.
Werfen wir einen Blick zurück in die sechziger Jahre, in denen die Welt disziplinär noch sauber geteilt war. Einer der großen deutschen Industriedesigner, Alexander Neumeister, der zahlreichen ICEs und auch dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen 500 Form verlieh, erinnert sich: „Ich hatte so einen Mix aus Technik und Medizin im Kopf, fand Architektur interessant, wanderte ab und zu durch Möbelgeschäfte, zeichnete Autos und hatte keine Ahnung, was ich später machen wollte. Und dann war da so ein Vortrag beim Arbeitsamt über Industriedesign. Er war nicht wirklich inspirierend aber bei mir klickte es sofort. Ich sah plötzlich eine Möglichkeit, alle meine unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen.“ So fand Neumeister in den sechziger Jahren an die inzwischen legendäre Hochschule für Gestaltung Ulm. Wer sich heute dafür entscheidet, Design zu studieren, dem wird es nicht viel anders gehen als Neumeister. Zwar ist das Wort „Design“ heute jedem geläufig, aber was sich hinter einem Designstudium verbirgt, das wissen die meisten nicht (das hat damit zu tun, dass „Design“ immer noch oft als „Styling“ missverstanden wird. Das „Schön-Machen“ gehört jedoch – wenn überhaupt – in die zwanziger Jahre, als etwa Frank Alvah Parsons, damals Direktor der Parsons School of Design, das Konzept für seine Hochschule hatte, „Schönheit in Alltagsprodukte zu bringen“). Zudem ist das nationale und internationale Angebot an Designschulen heute derart groß, die Schwerpunktsetzung ist derart vielseitig, dass es selbst für Insider längst unübersichtlich geworden ist. Wie soll ein Studienanfänger da die richtige Entscheidung treffen? Statt auf den Zufall vertrauen zu können, ist heute schon bei der Wahl des Studienorts generalstabsmäßige Planung gefragt.
Während einerseits die Inter- und Transdisziplinarität regiert, bilden sich andererseits auch immer mehr stark spezialisierte Studiengänge heraus: Die Muthesius Kunsthochschule Kiel etwa konzentriert sich im Fachbereich Industriedesign auf „Medical Design“; die Burg Giebichenstein Halle bietet Spiel- und Lernmitteldesign an, die FH Düsseldorf wartet seit kurzem mit einem Master für „Exhibition Design“ auf. Fast jede Institution versucht, sich mit irgendeinem Spezialangebot am Markt zu positionieren: Es gibt kleine Fachbereiche, wo die Atmosphäre persönlich ist und Kurse in übersichtlichen Gruppen stattfinden. Und es gibt Hochschulen wie die HfG Karlsruhe, die Schweizer Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL) und die Design Academy Eindhoven, die viele Autorendesigner „herausgebracht“ haben, deren Kreationen auf den großen Möbelmessen dieser Welt zu sehen sind. Keine Garantie für den eigenen Erfolg – im Hinterkopf spielt jedoch auch dieses „Qualitätsmerkmal“ eine Rolle bei der Entscheidung. Doch die Entscheidung allein bringt einen noch nicht ins Designstudium: Heute wie damals braucht es eine überzeugende Mappe und eine bestandene Aufnahmeprüfung. Nach welchen Kriterien werden die künftigen Anwärter und Anwär-terinnen aktuell ausgesucht? „Wir wünschen uns wissensdurstige Persönlichkeiten, mit eigenen Vorstellungen, die nicht ein durch die Medien verblendetes Bild von Design haben“, sagt Ulrich Hirsch, der bis Anfang 2010 an der Muthesius Kunsthochschule Kiel tätig war. Offenheit und Neugierde sind sowieso schon einmal ein wichtiges Rüstzeug fürs Design. Neu ist, dass Studierende stets bereit sein müssen, sich auf Veränderung einzulassen. „Während bestimmte Studieninhalte und Gesetzmäßigkeiten unverrückbar sind, verändern sich Handhabungen, Verhaltensweisen und Technik permanent“, so Volker Albus von der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Und Rosanne Somerson argumentiert: „Unsere Studenten müssen fähig sein, ihre Komfortzone zu verlassen. Sie müssen in höchstem Maß flexibel sein und die Fähigkeit besitzen, Dinge zusammenzubringen, die in der Vergangenheit nichts miteinander zu tun hatten. Denn den einen Weg zum Erfolg gibt es heutzutage nicht mehr.“ Auch Ilka Helmig aus Aachen bestätigt: „Die Studierenden sollten neben fachlichen Kompetenzen ein hohes Maß an Initiativkraft und Eigenverantwortung ausbilden.“ Eigenständigkeit war ja – natürlich nicht nur im Design – schon immer wichtig und wünschenswert, aber man konnte langsam hineinwachsen. Heute ist sie schon ganz am Anfang so notwendig wie nie zuvor.


artcenter.edu
fh-aachen.de
hm.edu
designacademy.nl
kisd.de
newschool.edu/parsons
burg-halle.de
muthesius-kunsthochschule.de
fh-duesseldorf.de
ecal.ch 





 
 
 
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