Lichtbildner mit Schere
Wie er denn zur Fotografie gekommen sei, soll Le Corbusier den einstigen Maler Lucien Hervé verwundert gefragt haben, als er ihm 1949 zum ersten Mal begegnete. „Mit der Schere“, habe der Künstler knapp geantwortet. Die Gesetze der Architekturfotografie jedenfalls galten ihm nichts: Hervé, der 1910 in Ungarn als László Elkán geboren wurde und 2007 in Paris starb, ließ auf seinen Bildern ganze Bauten stürzen, bediente sich extremer Kontraste und Perspektiven, so dass ohne genaue Kenntnis des jeweiligen Gebäudes eine Zuordnung kaum möglich scheint. Vor allem aber: Er beschnitt seine Fotos so lange, bis sie, wie er erläuterte, „keine inhaltslosen Elemente mehr enthielten.“
Die bisweilen abstrakt wirkenden Fotoarbeiten von Hervé, der sich in Paris zunächst als Designer für Jean Patou, dann als Journalist und Kunstmaler durchschlug, müssen Corbusier gefallen haben. 16 Jahre lang begleitete Hervé den Architekten auf Baustellen, fotografierte fertige Gebäudekomplexe und – gelegentlich zumindest – den Meister selbst, während seiner Arbeitsgespräche mit den Bauarbeitern etwa, wie auch in der eigenen Wohnung. Von den in der Architekturfotografie üblichen Gerätschaften – verzeichnungsfreien Objektiven und Stativen etwa – hielt Hervé wenig. Als Kamera diente zumeist eine handliche Rolleiflex 6 x 6, die es ermöglichte, spontan Aufnahmen zu machen.
In einem opulenten Bildband wird nun die Zusammenarbeit der beiden Autodidakten dokumentiert. Und noch mehr. Das Buch gibt Einblicke in den Entstehungsprozess der Arbeiten des Fotografen, der sich von den sowjetischen Konstruktivisten beeindruckt zeigte und unser Bild der Bauten und Interieurs des späten Corbusier prägte. Mitunter lassen sich die rabiaten Bearbeitungen und Schnitte rekonstruieren, die den zur Veröffentlichung bestimmten Fotos vorausgingen. Das Buch ist ein Werkstattbericht.
Von jedem Projekt – von der Unité d’habitation in Marseille etwa oder von den Regierungsbauten in Chandigarh und dem Philips-Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung – fertigte Hervé Hunderte von Aufnahmen an. Eine Auswahl hat er dann auf farbige Kartons geklebt – meist im Format 21 mal 30 Zentimeter. 184 dieser Arbeitspappen sind nun zu sehen in diesem sorgfältig gestalteten Band; durchgehend ganzseitig im Originalformat faksimiliert. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Kontaktbögen – auch darauf spielt der Buchtitel „Kontakte“ an. Bei genauerem Hinsehen aber wird deutlich, dass sich auf den Pappen jene Aufnahmen in kleinem Format finden, die Hervé bereits radikal bearbeitet hatte. Die Papptafeln – 1200 existieren insgesamt – dienten dann Corbusier zur Auswahl. Und Hervé zur weiteren Korrektur.
Reduziert auf Details und Kontraste, arrangiert und beschnitten wie Collagen – Hervé entwirft auf seinen Fotos Corbusiers Gebäude gewissermaßen neu. Der Meister hat es seinem eigenwilligen Interpreten gedankt. „Er nannte mich Dr. Caligari“, erinnerte sich Hervé lange nach Corbusiers Tod, „weil ich ihm zeigen konnte, was er selbst noch nicht gesehen hatte.“
Le Corbusier / Lucien Hervé (Hg.)
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Schirmer / Mosel, München
296 Seiten
68 Euro
ISBN 978-3-8296-0546-3