form 244 – November / Dezember 2012
Unser Titelthema: Erneuerbare Tradition – Secrets to a Long Life in Design
Unser Verhältnis zur Geschichte ist ambivalent. Wer haderte nicht schon einmal mit seiner persönlichen Vergangenheit – der ein oder anderen Fehlentscheidung, einer verpassten Gelegenheit oder gar dem Gedächtnisverlust? Die viel gehörten Seufzer „Ach hätte ich doch damals …“ oder „Früher war alles besser“ zeugen davon. Selbst bei der viel zitierten „ruhmreichen Vergangenheit“ schwingen Gewesenes, Aus und Vorbei für den Rest des Lebens mit.
Auch unsere jeweiligen nationalen Vergangenheiten lassen uns nicht in Ruhe. Wir müssen uns – ob uns das gefällt oder nicht – mit den verschiedenen Auswüchsen von Folter, Verfolgung oder Vernichtung auseinandersetzen. Designerinnen und Designer haben Möglichkeiten und Mittel, diese Auseinandersetzung sehr konkret darzustellen, zu illustrieren und zu visualisieren und es bleibt zu wünschen, dass dies in Zukunft noch viel häufiger geschieht.
Beim Blick auf die Geschichte gibt es mit der Tradition schließlich einen weiteren Aspekt, der genauerer Betrachtung lohnt. Auch der Tradition nähern wir uns zunächst nicht ohne Vorbehalte, viel Verstaubtes verbinden wir damit, wenig Zukunftsperspektive und eine nur mäßige Befähigung zur Flexibilität. Bei näherer Beschäftigung jedoch stellen wir schnell fest, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Tradition kann überhaupt nur entstehen, wenn immer wieder entstaubt (oder zumindest Staub aufgewirbelt) wird, wenn Perspektiven entwickelt werden und ein hohes Maß an Flexibilität besteht. Aus diesem Grund haben wir für diese Ausgabe auch den zunächst widersprüchlich scheinenden Titel „Erneuerbare Tradition“ gewählt.
Erneuerbarkeit, so ist allen Beiträgen unseres Schwerpunktthemas zu entnehmen, qualifiziert – mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung – je nach Branche, geografischer Verortung und Kultur – und mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen – als Familienunternehmen, als Netzwerk oder als Private Equity-Unternehmen. Auch hier spielen nationale Besonderheiten und Vergangenheiten eine große Rolle, wie die Beispiele aus Deutschland (Infografiken zur Familientradition und Fotostrecke Wetzlar Network), England (Interview mit Mark Adams; Vitsoe), Finnland (Artek) und Italien (La Famiglia Italiana) zeigen.
Neuerungen gibt es auch wieder in dieser Ausgabe der form. Wir werden zwar auch in Zukunft den überwiegenden Teil Ideen, Konzepten, Projekten, Produkten aus dem deutschsprachigen Raum widmen, wobei der europäische Anteil, wie im vorliegenden Heft deutlich wird, steigen wird. Wir richten uns aber von jeher mit dem Magazin auch an ein internationales Publikum. Derzeit haben wir Abonnenten in 62 Ländern rund um den Globus, von Argentinien über den Iran bis nach Vietnam. Hier können wir unsere Leser nur durch eine hervorragende Qualität der englischen Texte erreichen. Das gelingt uns einerseits mit guten Übersetzungen, andererseits aber durch das Engagement von mehr englischsprachigen Autoren. Dieser Tatsache wollen wir auch gestalterisch Rechnung tragen und – zunächst nur im Bereich unserer Schwerpunktthemen – zukünftig die jeweiligen Texte in ihrer Originalsprache an erste Stelle setzen. Den Anfang machen wir in diesem Heft mit dem schon erwähnten Mark Adams-Interview.
Weitere Themen
Von Mega-Turbinen bis zu hygienischem Besteck: die Herbst-News der form +++ Andere Länder, andere Sitten: Constance Guisset, Tino Seubert, Artur Tucholke und SwissInfographics +++ Zeitgeist-Ansatz? Herbert Grüner zur Verantwortung des Designs aus wirtschaftlicher Sicht +++ Zwei Mailänder Designkritiker über die Demokratisierung des Designs