Nº 255
Kinder-Apps.
For Young Learners

Für weit aufgerissene, leuchtende Kinderaugen verbirgt sich eine Geschichte unter jedem Stein, der sich unterwegs aufheben lässt. Der Schatten, der immer Schritt hält und sich nicht überlisten lässt, wird zum ständigen Begleiter. Jedes kleine Tierchen, das über die Wiese krabbelt oder auf dem Tisch landet, erhält unmittelbar ungeteilte Aufmerksamkeit und weckt die kindliche Neugier.


Oftmals wirken Kinder-Apps für Erwachsene langweilig und zu simpel, aber gerade ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ganz junge Menschen faszinieren kann, entscheidet über den Erfolg dieser Titel, die sich als ernstzunehmendes Genre im Bereich Mobile etabliert haben.

Kleine Teams als Vorreiter


Während die großen Kinderbuch-Verlage oftmals immer noch an einer digitalen Strategie arbeiten, machen sich kleine Teams daran, die Art und Weise, wie Kinder die Welt entdecken, um ein neues Medium zu erweitern. Doch wie konzipieren erwachsene Entwickler und Designer Konzepte für Kinder, die zudem auf relativ neuen Geräten laufen sollen und auch noch kommerziell erfolgreich sein müssen, um die Entwicklungskosten wieder einzufahren? Tinybop, eine kleine Firma aus Brooklyn, USA, arbeitet zur Zeit an der Explorer’s Library, eine Band für Band wachsende, digitale Enzyklopädie, die sich an den klassischen Publikationen orientiert, diese aber für die Nutzung auf Touchscreen Devices übersetzt. Nach dem Riesenerfolg von The Human Body, das mittlerweile in mehr als 20.000 Schulen eingesetzt wird, um den Schülern die menschliche Physiologie zu erklären und als animierten Prozess zu zeigen, ist nun der zweite Teil Plants erschienen. Dieses interaktive Diorama lässt Kinder die Tier- und Pflanzenwelt in verschiedenen Zuständen entdecken. Tinybop hat sich zum Ziel gesetzt, „den Entdeckersinn und das tiefere Verständnis für die Welt zu fördern.“ Der Gründer Raul Gutierrez wuchs in den 1970er und 1980er Jahren mit populärwissenschaftlichen Publikationen auf, die mit aufwendigen und mehrschichtigen Illustrationen komplexe Sachverhalte erklären wollten. Diese faszinierten ihn ebenso wie das Skelettmodell oder auch der menschliche Schädel samt Gehirn zum Zusammen- und Auseinanderbauen. Für Kinder öffnen sie die Tür zu allerhand Wundern unserer Welt und bergen Geschichten, die Erwachsene aus diesen vergilbten wissenschaftlichen Illustrationen nicht mehr herauslesen können. Die imposanten Zeichnungen von Tieren und des menschlichen Körpers, mit für Kinder unverständlichen Wörtern beschriftet, prägen und formen heute die Konzepte der Tinybop-Apps, die auf den ersten Blick nicht viel mit den angestaubten Büchern zu tun haben. Raul fand nach eingehender Recherche die Auswahl an vorhandenen Spielen im App-Store sehr enttäuschend. Das Design entsprach dabei ebenso wenig seinen Vorstellungen wie der didaktische Ansatz dieser Spiele. Es gab aus seiner Sicht keine Hindernisse, die Bücher und Zeichnungen, die er als Kind so geliebt hatte, hochwertig für das iPad umzusetzen. Die Entdecker-Bibliothek ist eine moderne und charmante Version der Dioramen, die es schon seit Jahrzehnten gibt. Natürlich ist es für Kinder interessanter, wenn die physiologischen Prozesse anschaulich dargestellt sind, sich vieles bewegt und leuchtet, wenn Einzelteile zusammen- und auseinandergeschoben oder übereinander gelagert werden können. Das Lernen wird um eine große spielerische Komponente erweitert, was sehr wahrscheinlich dazu führen wird, dass auch der Lerneffekt größer ausfallen wird.





Abstraktes und russische Komponisten für Kleinkinder


Weit weg von Brooklyn, in Moskau, befindet sich ebenfalls eine innovative, auf Apps für Kleinkinder spezialisierte App-Schmiede. Das Team von Bubl hat es sich zur Aufgabe gemacht, Apps für Kleinkinder zu entwickeln, die mit Kontrasten und Soundeffekten die Fantasie der Kinder anregen. „Kleinkinder brauchen starke Kontraste, außerdem möchten sie überall tippen und erwarten eine unmittelbare Reaktion. In diesem Alter brauchen sie kein Ziel.“ Für Oleg Stavitsky, den CEO von Bubl ist es wichtig, neue (Spiel-)Welten zu eröffnen, die in der Wirklichkeit so nicht vorzufinden sind. Es gibt farbige Striche, die beim Antippen verschiedene Töne und Melodien von sich geben, sprechende Eiskugeln, die übereinander gestapelt werden können – geometrische Formen treffen auf kontemporäre Musik. Abstrakt, interaktive Spiele ziehen Kinder in ihren Bann, regen die Fantasie an und fördern kreatives Denken. Bubls Apps könnten in einer Galerie ohne Weiteres auch als Installation ausgestellt werden, da sie durchaus einem künstlerischem Anspruch gerecht werden. Zum Kreativ-Team gehören Dmitry Evgrafov, ein aufstrebender Komponist, und der in Russland prominente Künstler Protey Temen. Dies erklärt den hohen Anspruch und auch den Perfektionismus, der in allen Details der Bubl-Apps zu erkennen ist. Auf die Frage nach Inspirationen nennt Stavitsky Brian Enos App Scape, deren Funktionsweise ebenfalls darin besteht, mit Formen Soundscapes zu komponieren. Die Grundlage für den Erfolg ist, wie bei Tinybop, nicht die Adaption von klassischen Kinderbüchern, sondern die kreative und sehr freie Umsetzung von komplexen Produkten, die für Erwachsene erdacht wurden, die aber kindgerecht auf ihre Grundelemente reduziert wurden.







Gegengewicht zur bunten Plastikwelt


Die Macher hinter den Kinder-Apps sind oftmals Entwickler und Designer mit einem hohen Anspruch an Usability, aber auch an Sound, Form und Farben. In Zukunft wird es sicherlich weitere für Kinder fesselnde Anwendungen geben, die auch dem ästhetischen Anspruch designaffiner Eltern entsprechen. Denn am Ende kennen ja (hoffentlich) nur die Eltern das App-Store-Passwort und entscheiden damit über den Erfolg eines Titels.


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