Nº 256

Jenseits vom Tellerrand.

Portrait Savvy Studio

In Teilen zu denken, kommt für das mexikanische Designstudio Savvy nicht in Frage. Sie entwerfen Restaurants, Bars, Geschäfte und Hotels – vom Namen über die Visitenkarte bis hin zum Interieur. Interdisziplinarität wird dabei nicht als Pflichtübung begriffen. Sie macht ihnen sogar ausgesprochen Spaß.




Zugegeben: Ein Designbüro auf den Namen „Weisheit“ zu taufen, klingt zunächst ein wenig forsch. Doch im Falle von Savvy Studio liegen die Dinge etwas anders. „Savvy bedeutet ja nicht, dass wir alles wissen. Im Gegenteil: Wir wollen mit jedem neuen Projekt ein wenig klüger werden und etwas Neues ausprobieren“, sagt Rafael Prieto. Mit drei langjährigen Freunden hat er das Büro vor viereinhalb Jahren im mexikanischen Monterrey gegründet und längst ein weiteres Standbein in Mexiko-Stadt eröffnet. Ihr Erfolgsrezept liegt im Verschmelzen der Disziplinen. Was anderswo als auferlegte Pflichtübung erscheint, gelingt den Savvy-Gründern mit erfrischender Leichtigkeit und Spielfreude.

„Wir sind auf besondere Orte wie Hotels, Bars, Restaurants und Geschäfte spezialisiert, bei denen es vor allem um ganzheitliche Erfahrungen geht“, erklärt Rafael Prieto. Damit diese Erfahrungen nicht zu Stückwerk zerfallen, sitzen alle an einem großen Tisch: Der Grafiker und Art Director Eduardo Hernandez, der Architekt und Inneneinrichter Pablo Limón sowie der Kreativdirektor und Studioleiter Rafael Prieto, der aus dem Marketing und Branding kommt. Bereits vor der Studiogründung haben die Freunde ihre professionelle Belastbarkeit auf die Probe gestellt. Seit sechs Jahren organisieren sie in Mexiko ein Musik-Festival, das den ganz und gar nicht hochtrabenden Namen „Nrmal“ trägt.

Ein Projekt beginnt für die Savvy-Köpfe nicht mit Formen, sondern zunächst mit Worten. Erst wenn sie eine Geschichte gefunden haben, die sich schlüssig erzählen lässt, beginnt der eigentliche Entwurfsprozess. Gehen die Disziplinen anfangs Hand in Hand, bewegen sie sich später auf getrennten Zeitschienen. Schließlich geht der Entwurf einer Visitenkarte deutlich zügiger voran als der eines Stuhls oder gar eines ganzen Interieurs. Dennoch wird auf den beständigen Austausch viel Wert gelegt. „Das Spannende an diesem Prozess ist, dass jeder immer wieder Aspekte entdeckt, über die er auf seinem eigenen Gebiet nachdenken sollte. Wenn Architekten Interieurs entwickeln, kann das Ergebnis mitunter etwas kalt wirken. Bei uns kann das überhaupt nicht passieren“, sagt Rafael Prieto.




Und in der Tat: Ihre Inneneinrichtungen zeigen einen ungewöhnlichen Sinn für Farbe, Muster und Textur – ohne gleich ins allzu Plakative abzudriften. Wie subtil das Schaffen räumlicher Atmosphäre gelingt, zeigt der Buch- und Zeitschriftenladen Casa Bosques, den Savvy Studio vor zwei Jahren in Mexiko-Stadt eröffnet haben. „Wir konnten keine großen Interventionen vornehmen, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht“, erklärt Rafael Prieto. Die Lösung bestand aus einer leicht demontierbaren Ausstellerwand aus kleinen Holzbausteinen, die aus den Kernen von Baumstämmen herausgesägt wurden. Indem die Blöcke wie ein Relief in ihrer Länge vor- und zurückspringen, erzeugen die deutlich ablesbaren Jahresringe ein raffiniertes, dreidimensionales Muster.




Wie ein Projekt seine identitätsstiftende Wirkung nicht verfehlt, haben Savvy Studio 2013 auf der Berliner Torstraße gezeigt. Für den mexikanischen Spirituosenhersteller San Cosme haben sie eine frühere Fleischerei in den Mercado San Cosme umgewandelt – eine Mischung aus Bar, Veranstaltungsraum und Boutique. „Wir wollten etwas anderes bieten als die typischen Mexiko-Klischees wie Sombreros und Kakteen. Darum haben wir die Bar um einen Showroom für mexikanisches Design ergänzt“, sagt Rafael Prieto. Auch kunsthandwerkliche Arbeiten werden in den Räumen präsentiert, deren farbige Wände an die Architekturen Luis Barragáns erinnern. „In Berlin dreht sich alles um Do-it-yourself. Darum wollten wir etwas allzu Glattes und Fertiges unbedingt vermeiden“, beschlossen die Savvy-Gründer und setzten das gesamte Projekt – von der Planung bis zum Innenausbau – während eines sechsmonatigen Aufenthalts in Berlin eigenhändig um.




Auf den Spuren mexikanischer Geschichte wandelt das Strandrestaurant La Peñita de Jaltemba im karibischen Badeort Playa del Carmen. „Bevor dieser Strand kommerziell genutzt wurde, hat dort der Stamm der Jaltemba gewohnt. Indem wir ihre Schriftzeichen und Symbole für das Interieur verwendet haben, rufen wir die Erinnerung an sie wach“, erklärt Rafael Prieto. Über einem langen Tisch in der Raummitte hängt ein großes Kanu von der Decke herab und dient als Leuchter. Ruder, Speere und andere Utensilien bevölkern die Wände und sind mit farbenfrohen Zeichen überzogen, wie die eigens angefertigten Stühle mit ihrer gezackten Rückenlehne. Doch Vorsicht: Auch wenn die Speisekarte ausführlich von den Bräuchen der Jaltemba erzählt, bleibt die Geschichte größtenteils fiktiv. Sie ist eine Projektion, um ein gestalterisches Konzept zu voller Blüte zu treiben.

Auch derzeit bleiben Savvy Studio umtriebig. Sie planen Geschäfte in Monterrey, Los Angeles und Vancouver und erproben ihr Gespür für räumliche Qualitäten im Maßstab zweier Hotels in Mexiko-Stadt. Ob sie ein Traumprojekt haben? „Ja, wir würden gerne den Auftritt einer Stadt entwerfen. Wenn alle Beschriftungen und Schilder eine gemeinsame Sprache sprechen, wäre dies nicht nur eine komplett neue Erfahrung, es würde auch den Menschen helfen“, erklärt Rafael Prieto. Es klingt nach einem Plan, der eine Spur Weisheit gut vertragen kann.

 

 

 

Nach seinem Designstudium zog es Norman Kietzmann nach Mailand, von wo aus er für zahlreiche deutsche und internationale Designmedien berichtet. 2009 gehörte er zu den Mitbegründern des Netzwerkes Designjournalists.

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