Nº 256

Keine Science-Fiction.

It’s Reality

Seit über 30 Jahren arbeitet der französische Architekt und Ozeanograf Jacques Rougerie an außergewöhnlichen Projekten, die meist unter schwierigen Bedingungen, unter Wasser oder im Weltraum zum Einsatz kommen. Neben Kooperationen mit der NASA und zahlreichen Instituten, die sich für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Meer einsetzen, wurde vor drei Jahren die Fondation Jacques Rougerie ins Leben gerufen, die junge Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt. Wir tauchen mit dem Visionär ab in seine wundervolle Welt der Unterwasserarchitektur.




Monsieur Rougerie, Sie sind Architekt und Abenteurer, ebenso Visionär wie Pionier, vor allem in der Unterwasserwelt. Während ihrer Karriere haben Sie zahlreiche Beobachtungsschiffe, sowie Unterwasser-Forschungsstationen, mehrere Unterwasserfarmen und sogar eine zusammenhängende Unterwasserstadt entworfen. 1985 haben Sie in ihrem Boot Aquaspace den Atlantik von La Rochelle nach Miami überquert. Bei der Wahl dieser speziellen Umwelten und ihrer architektonischen Vielseitigkeit ist es interessant zu erfahren, wie Sie angefangen haben. Warum wurden Sie Unterwasserarchitekt?

 

Rougerie Das sind viele Dinge gleichzeitig. Das Meer hat mich seit jeher fasziniert. Es ist die am weitesten zurückliegende Kindheitserinnerung, die mir bildhaft geblieben ist. Noch bevor ich laufen konnte, hat es mich ans Wasser gezogen. Meine Eltern hatten ununterbrochen Angst, ich würde eines Tages ertrinken. Durch meinen Vater hatte ich sehr früh das Glück, Jacques-Yves Cousteau kennenzulernen. Sein Film „Le Monde du Silence“ [Die schweigende Welt] hat mir bereits in jungen Jahren die Augen für die Unterwasserwelt geöffnet. Darüber hinaus befanden sich in der Bibliothek meiner Eltern die gesammelten Werke von Jules Verne. „20.000 Meilen unter dem Meer“ wurde zu meiner ersten Lektüre.

Als ich jung war, hat die Eroberung des Weltraums mit Juri Gagarin begonnen. Das war 1961, seitdem bin ich davon fasziniert. Zur gleichen Zeit, in der Gagarin ins Weltall aufgebrochen ist, hat Cousteau seinen ersten Unterwasserwohnraum verwirklicht. Für mich hat er Jules Vernes’ Traum der Nautilus wahr gemacht. Sehen Sie, ich bin kein Wissenschaftler, meine Leidenschaft ist das Bauen. Cousteaus Entwürfe haben mich ebenso in den Bann gezogen wie Motoren für Weltraumraketen. Ich habe Architektur studiert, weil es mich reizt zu sehen, wie eine Idee konkret Gestalt annimmt, sie dabei zu beobachten, wie sie Wirklichkeit wird.

Da das Meer mich ebenfalls interessiert hat, habe ich auch Ozeanografie studiert. Zum einen, um ein besseres Verständnis für diese Umgebung zu entwickeln, zum anderen, um nachzuvollziehen, welche Herausforderungen entstehen und wie man lernt, den Ozean zu schützen. Insgesamt habe ich drei Fächer studiert: Architektur, Ingenieurwesen und Ozeanografie. Ingenieurwesen kam dazu, um den technischen Ansprüchen der schwierigen Bedingungen des Meeres und des Weltalls gerecht zu werden. Ozeanografie war mir nahe, weil meine Eltern im Kreis von abenteuerfreudigen Forschern wie Jacques-Yves Cousteau oder Jacques Piccard verkehrten. Es ist mir ein großes Privileg und Glück, diese Menschen kennengelernt zu haben. Das sind also die Ursprünge meiner Träume und der Weg, wie ich sie Stück für Stück umsetzen konnte.

 

 

Sie haben sich mit verschiedenen Themen beschäftigt, unter anderem mit Techniken der Aquakultivierung, was in Projekten wie Ferme de la Mer [Meeresfarm] oder Village sous-marin [Unterwasserdorf] deutlich wird. Weiterhin zeichnet sich immer wieder die Thematik der wissenschaftlichen Beobachtung ab, beispielsweise bei Ihrem aktuellen Projekt Sea Orbiter. Was treibt Sie voran? Der Gedanke daran, neue Orte für den Menschen bewohnbar zu machen oder den Ozean als Lebensraum zu schützen?

 

Rougerie Beides. Das ist unmittelbar miteinander verbunden. „Paradigma“ ist hier ein Schlüsselwort. Ich meine damit, dass die Menschheit, um die Unterwasserwelt oder das Weltall erforschen zu können, ihr bisheriges Denken ändern muss. Die aktuelle Situation macht ein Umdenken nötig, um neue Methoden zur Erforschung und Entdeckung von Meeresressourcen zu finden. Ich spreche von regenerativen Energien, die aus dem Meer stammen, ich spreche von der Nahrung der Zukunft, die aus dem Meer gewonnen wird und der Arzneimittelkunde von morgen. Für eine Blue Economy muss die gesamte Menschheit umdenken. Es gibt bloß einen Ozean, das sind zusammenhängende Wassermassen, die sich verschieben und in denen unzählige Mikroorganismen und eine enorme Artenvielfalt vorherrschen. Wenn wir diese sinnvoll nutzen wollen, müssen wir nicht zuletzt unsere politischen und wirtschaftlichen Handlungsabläufe anders organisieren. Der Aspekt der Nutzung des Ozeans fasziniert mich. Bestimmte Männer – und natürlich auch Frauen – sind über sich hinausgewachsen, um in den Weltraum fliegen zu können. Über Jahrhunderte hinweg haben Menschen alle Teile der Welt bereist, um zu forschen. Es gibt Menschen, für die das eine Notwendigkeit ist. Das können Musiker sein oder bildende Künstler. Mir persönlich geht es um die Forschung und wenn man das selbst lebt, wird es zu einer Leidenschaft. Wenn Sie mit einem U-Boot an einen Ort gelangen, an dem noch kein anderer Mensch jemals vor Ihnen war, ist das ein unglaubliches Privileg. Da findet etwas in Ihrem Kopf statt. Es ist dasselbe Gefühl, das ein Bergsteiger beim Erklimmen eines Berges spürt, den noch niemand in der gesamten Menschheitsgeschichte bezwungen hat. Als die erste Person, die einen Ort sieht, die kein anderes Individuum jemals zuvor gesehen hat, wird Ihnen das Gewicht dieses Privilegs zuteil. Das ist der Ansporn, der Sie dazu bringt, über sich hinauszuwachsen und das ist genau das, was mich daran interessiert. Ähnlich erging es mir, als ich die Möglichkeit bekam, mit einigen Amerikanern an dem bis dahin längsten Unterwasseraufenthalt in einem Habitat teilzunehmen. Wir waren 71 Tage unten und es ist ein unbeschreibliches Privileg. Ich meine das überhaupt nicht überheblich, für mich ist es einfach bloß wunderbar zu sagen: „Wow! Ich konnte bei den 71 Tagen unter Wasser dabei sein!“ Es war fantastisch! Als Architekt muss man forschen, um Dinge zu konstruieren, die leistungsfähig sind – wie den Sea Orbiter. Die Idee dafür entstand natürlich, weil ich Unterwasserhabitate gebaut habe, aber vor allem, weil ich den Unterwasseraufenthalt über 71 Tage erleben durfte. Durch diese Erfahrung und das erlernte Wissen war es möglich, mir Dinge vorzustellen, die in noch viel weiterer Ferne zu liegen schienen. Heutzutage ist das nicht Science-Fiction, es ist Wirklichkeit.

 




Ihr aktuelles Projekt Sea Orbiter ist ein autonomes Forschungsboot, das sich durch erneuerbare Energien selbst versorgt. Ihr erstes Unterwasserhabitat war Galathée, es wurde 1977 fertiggestellt. Seither hat sich einiges verändert. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Projekten?

 

Rougerie Diese zwei Projekte unterscheiden sich fundamental. Galathée war ein Unterwasserwohnraum, der an einen Standort gebunden war. Er hat die vorangegangenen Habitate revolutioniert. Die Unterwasserwohnräume in den USA, in Russland, auch diejenigen von Cousteau befanden sich ausschließlich auf dem Meeresgrund. Galathée hat wie ein Ballon funktioniert. Man konnte die Wassertiefe einstellen, auf welcher er bleiben sollte, eine revolutionäre Neuerung. Galathée hatte zwei große, nach außen gewölbte Kuppeln von zwei Metern Durchmesser, um unter Wasser sehen zu können. Es gab also erstmals eine Ergonomie im Innenraum, die komplett auf die Lebensumstände unter Wasser ausgelegt war.

Sea Orbiter hingegen ist ein Nomadenwohnraum. Er kann bis zu 18 Personen beherbergen – Galathée konnte lediglich vier Personen aufnehmen. Dieser Nomadenwohnraum ist darauf ausgelegt, die großen Meeresströme zu durchqueren und unabhängig von den Umweltbedingungen immer abzutauchen. Das ist gleichzeitig das größte Problem – momentan gibt es keinen Motor, der diese Leistung bewältigen kann. Die Dauer des Aufenthaltes über und unter Wasser ist viel länger als bei Galathée. Außerdem wird Sea Orbiter auf 6.000 Metern in die Tiefe gehen können, zuvor konnten solche Habitate 35 Meter Tiefe nicht überschreiten.

 

 

Ein Großteil Ihrer Ideen wurde auf dem Festland umgesetzt. Namentlich L‘Aquarium de la Cité de la Mer (2002) oder Le Grand Nausicaà in Boulogne-sur-Mer, für das Sie in diesem Jahr den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen haben …

 

Rougerie Ja, Le Grand Nausicaà wird das größte Meereszentrum Europas.

 

 

Es soll 2018 eröffnet werden.

 

Rougerie Eher 2019, die Politik hatte 2018 angesetzt, aber die Fertigstellung ist erst für 2019 realistisch.

 

 

Erklären Sie uns bitte die Hauptunterschiede zwischen der Meeresarchitektur und der Architektur auf dem Festland.

 

Rougerie Das sind grundlegende Unterschiede, da wir auf dem Festland mit der Erdanziehungskraft arbeiten müssen. Im Wasser denkt man in drei Dimensionen. Aber wir haben die Möglichkeit, bionische und symbolische Architektur auf dem Festland zu konzipieren, und es ist richtig, dass ich mich für das Projekt Le Grand Nausicaà von der maritimen Bionik habe inspirieren lassen. Dieses Museum, Meereszentrum und Aquarium steht als Symbol für das Meer auf dem Festland. Also musste die Architektur genau das zum Ausdruck bringen. Es soll so sein, wie wenn Menschen das Guggenheim Museum in Bilbao sehen oder das Opernhaus in Sydney: Dieses Meeresmuseum soll einfach präsent sein. Die Architektur leitet das her. Das war der Grund, warum ich nach maritimen Formen suchte, symbolisch oder bionisch, um etwas zu evozieren. Man muss nur etwas anschneiden, dafür braucht man kein Muschelmotiv, keinen Wal oder Delfin – das wäre grotesk. Man muss den Menschen lediglich eine subtile Vorstellung von etwas geben, das sie an eine Muschel erinnert oder an einen Rochen oder an ein Krustentier. Das Gebäude soll die Vorstellungskraft anregen. Es sind Codes, sehr starke Codes, starke Symbole. Es sind bedeutungsvolle Einrichtungen, die den nachfolgenden Generationen Informationen über die Zukunft, den Schutz und die Erforschung des Ozeans vermitteln. Es werden also Gebäude benötigt, die die Kraft der Identifikation freisetzen.

 

 

Neben Ihrer Agentur in Paris wurde die Fondation Jacques Rougerie, dessen Präsident Prinz Albert von Monaco ist, ins Leben gerufen. Was sind die Ziele Ihrer Stiftung?

 

Rougerie Die Stiftung gehört zum Institut de France und wurde mir freundlicherweise gewidmet. Sie wurde ins Leben gerufen, um auf internationaler Basis junge Menschen dabei zu unterstützen, an ihre Zukunft zu glauben. Es geht allerdings nicht um Wissenschaft oder Umwelt, vielmehr richtet sie sich an junge Architekten und Ingenieure, die ihren Träumen und nachhaltigen Entwicklungen Gestalt geben wollen. Seit ihrer Gründung vor drei Jahren werden jährlich Preise und internationale Fördermittel zu drei großen Themenfeldern ausgeschrieben: Das erste Thema ist der Meeresarchitektur und dem Meeresingenieurswesen im Allgemeinen gewidmet, das zweite der Weltraumarchitektur und dem Weltraumingenieurswesen. Beim dritten Thema geht es um die Problematik des ansteigenden Meeresspiegels. Es sollen technische Lösungen gefunden werden, um die Küstengebiete so lange wie möglich zu erhalten. Das ist eine der relevanten Herausforderungen, für die es für die kommenden 100 Jahre eine Lösung zu finden gilt. Wir werden bei diesem Thema auch von der UNESCO unterstützt.

Die positiven Reaktionen auf den Wettbewerb sind enorm: In diesem Jahr gab es 1.700 Kandidaturen aus 76 verschiedenen Ländern. Ich bin sehr froh zu sehen, dass sich die Jugend für diese großen Herausforderungen einsetzt. Betrachtet man die Projekte der vergangenen Jahre, stellt man schnell fest, dass außergewöhnliche Konzepte darunter sind, Projekte von unglaublicher Qualität, Vorstellungskraft und Kühnheit, die gleichzeitig sehr praxisorientiert sind. Ich bin begeistert von solch einem Potenzial an Ideen und Dingen, die mir niemals eingefallen wären. Genau das ist es, was wir brauchen, um uns in der Menschheitsgeschichte weiterzuentwickeln. Es beteiligen sich viele Deutsche, Holländer, viele Norweger, Amerikaner, Kanadier, Chinesen, aber leider kaum Franzosen. Das liegt wohl auch daran, dass es hier einen ausgeprägten Pessimismus gibt.

 

 

Wenn Sie die heutige Zeit mit den 1970er oder 80er Jahren vergleichen, in denen Sie viele ihrer Visionen umsetzen konnten, erscheint es Ihnen heute dann nicht auch komplizierter für junge Architekten, Designer oder Ingenieure, mutige und innovative Projekte umzusetzen?

 

Rougerie Ich würde sagen, dass das stark von dem Land abhängt, in dem man lebt. Wenn Sie Frankreich meinen, würde ich mit „Ja“ antworten. Wenn Sie von China, Japan oder Australien sprechen, würde ich „Nein“ sagen. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Als ich mein erstes Unterwasserhabitat verwirklicht habe – Galathée, von dem wir vorhin gesprochen haben – habe ich die Regierung und die Institutionen um die Freigabe des Projekts gebeten, und ich habe sie bekommen. Wenn junge Leute in Frankreich heute ein solches Unterwasserlebensraumprojekt umsetzen wollten, wäre das schwierig, sehr administrativ. Der Beweis dafür ist Sea Orbiter. Es wird noch komplizierter, wenn man noch nicht Dagewesenes konzipiert. So ist das in Frankreich. Doch das ist nicht übertragbar: Wenn Sie ein Unterwasserhabitat beispielsweise in Australien bauen möchten, stehen Ihnen alle Türen offen. Ich habe dort Erfahrungen zusammen mit einigen Amerikanern gemacht. Mit einem guten Freund, der Astronauten der NASA trainiert, war ich gemeinsam im Unterwasserhabitat. Wenn ich ihn morgen besuchen und ihm ein neues Projekt vorschlagen würde, hätte ich sofort enorme Unterstützung. Hier sind solche Dinge verwaltungstechnisch sehr viel komplizierter. Natürlich ist die Sicherheit wichtig, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind so hoch, dass nicht nur der Jugend die Hände gebunden sind, um neue Dinge zu versuchen. Wir müssen darauf achten, nicht von einem Extrem ins andere zu fallen.

 

 

Was ist von Ihrem heutigen Standpunkt aus betrachtet das wichtigste, das Sie vom Meer und Ihrer Arbeit gelernt haben?

 

Rougerie Das wichtigste, was meine Arbeit mich gelehrt hat, ist wohl, dass die Vermittlung von Erfahrungen und Wissen im Vordergrund stehen muss – Bildung an die neuen Generationen weiterzugeben. Ich weiß, dass das nicht ganz Ihre Frage beantwortet, aber das ist mein größtes Anliegen. Was ich im Speziellen vom Meer gelernt habe, ist die Einfachheit, Bescheidenheit. Das Meer hat eine unsagbare Kraft und unbeschreibliche Dimensionen. Je mehr wir uns dem Meer nähern und eintauchen, desto mehr wird uns aufgezeigt, dass man im Leben bescheiden bleiben muss. Man muss sich treu bleiben, und wenn sich Ihnen eine unglaubliche Chance bietet – beispielsweise die Weltmeere zu überqueren –, dann nehmen Sie sie an! Faszinierende und schwierige Momente zu erleben, das sind Bestandteile im Leben eines jeden Menschen. Das Meer reflektiert all diese Momente. Das bedeutet, dass es niemals perfekt ist. Man muss die Dinge so nehmen, wie sie sind. In einem Moment ist es toll, im anderen ist es hart, aber man muss lernen, das zu akzeptieren und, um es akzeptieren zu können, muss man bescheiden bleiben.

 

 

Monsieur Rougerie, wir danken Ihnen vielmals für das Gespräch.

 

Rougerie Ich habe zu danken. Es war mir eine große Freude. 

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