Nº 257

Design gegen und für

Gimme Shelter

In den Großstädten unserer globalisierten, kapitalistisch geprägten Welt verschwindet öffentlicher Raum immer mehr zugunsten einer voranschreitenden Privatisierung desselben. Insbesondere die Stadtzentren sind zunehmend auf Konsum ausgerichtet. Für Menschen, die nicht konsumieren wollen oder können, insbesondere solche ohne festen Wohnsitz, wird es immer schwieriger, freie Zonen zu finden, in denen ein Sich-Niederlassen überhaupt noch möglich ist.

 




In jüngster Zeit verbreitete sich in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook Empörung über ein urbanes Design, das öffentlichen Raum als Lebensraum unbenutzbar machen soll, indem Architektur quasi als Waffe gegen Individuen eingesetzt wird. Das Phänomen ist jedoch nicht neu. 1992 erschienen in Los Angeles die ersten „Bum-proof“-Bänke, die durch eine nach oben gewölbte Oberfläche das Schlafen unmöglich machen – man würde zwangsläufig abrutschen. Andere, in vielen Städten verbreitete Modelle öffentlicher Bänke sind mit erhabenen Querleisten versehen, die zwar ein Sitzen einzelner Personen zulassen, ein Hinlegen jedoch verhindern oder zumindest äußerst unbequem machen. In São Paulo wurde 2005 eine speziell entwickelte Anti-Homeless-Rampe aus Beton unter verschiedenen Brücken installiert, deren steil abfallender Winkel ein Niederlassen an jenen Orten verhindern sollte. An britischen Universitäten wurden Käfige mit schräg abfallenden Eisenstangen vor den Ventilationsschächten installiert, in deren warme Abluft sich im Winter oft Obdachlose legen, um sich vor der Kälte zu schützen. Ein besonders aggressives Mittel sind sogenannte Anti-Homeless-Spikes, scharfe Spitzen aus Beton oder Metall, die unter Brücken oder in Hauseingängen, wo sich Obdachlose zum Schutz vor Regen niederlassen könnten, installiert wurden – ähnlich den Stacheln gegen Tauben auf Fensterbrettern oder Gesimsen. Der Vergleich von obdachlosen Personen mit Ungeziefer wird hier schockierend deutlich. Im Gegenzug zu diesen Maßnahmen entwickeln Künstler, Designer und Aktivisten Strategien, sich den menschenfeindlich gemachten öffentlichen Raum zurückzuerobern. Bewegungen wie Occupy oder die Proteste im Istanbuler Gezi-Park schärften insgesamt ein öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung von Commons – gemeinschaftlich genutzten Lebensräumen, die für alle öffentlich zugänglich und nutzbar sind.




Schockierende Funktionalität erregt Aufsehen

 

Einige Strategien der Rückeroberung solcher gewaltsam verlassener Orte, etwa durch ein „nomadisches Design“, sollen hier vorgestellt werden. Es handelt sich dabei um Design, das zwar mitunter absurd anmutende, aber dennoch funktionale temporäre Lösungen anbietet, um damit auf die eigentliche Brutalität urbaner Realitäten aufmerksam zu machen. So entwickelte zum Beispiel die Künstlerin Sarah Ross spezielle „Archisuits“ (2005/2006) – Jogginganzüge, die sich durch spezifisch geformte Schaumgummiimplantate bestimmten architektonischen Situationen in ihrer Heimatstadt Los Angeles anpassen und ein Sitzen oder Liegen im öffentlichen Raum ermöglichen – etwa durch Kuben, die die Zwischenräume von mit Querstreben versehenen Bänken ausfüllen und eine dem Körper angepasste bequeme Oberfläche schaffen. Das doch sehr extravagante Outfit erfüllt hier jedoch eher einen symbolischen Zweck. Es folgt der Strategie, die der polnische Künstler Krzysztof Wodiczko als „scandalising functionality“ betitelte. Gemeint ist damit der Moment, in dem Design gerade durch seine Funktionalität bei der scheinbaren Lösung eines Problems öffentliches Aufsehen erregt. Wodiczko gilt als einer der Vorreiter eines agitatorischen Designs für Obdachlose. Aufbauend auf seine ersten, durch eigene Körperbewegung angetriebenen Vehicles von 1971 hat er diese Ansätze in den späten 1980er-Jahren als Antwort auf die US-amerikanische Realität einer kapitalistischen Gesellschaft zur Serie der Homeless Vehicles weiterentwickelt. Diese mobilen und sich verschiedenen Situationen anpassenden Geräte sollten die Grundbedürfnisse einer Überlebensökonomie auf der Straße wie Wohnen, Schlafen und Waschen, aber auch das Sammeln und Wiederverkaufen von Dosen und Flaschen berücksichtigen. Neben diesen praktischen Aspekten sollten die in Zusammenarbeit mit Obdachlosen entwickelten Vehicles als konzeptionelles Design und „Kunstwerk in sozialer Aktion“ die Präsenz der obdachlosen Bevölkerung in der urbanen Ökonomie sichtbar und selbstbestimmt machen. Das futuristisch anmutende Hightech-Design stellt jedoch auch eine Art Parodie auf ein „Objekt der Superlative“ (Roland Barthes) dar. Die Idee mobiler, multifunktionaler Behausungen für Obdachlose wurde seitdem von verschiedenen Künstlern und Designern aufgegriffen beziehungsweise nachgeahmt – nicht immer jedoch mit derselben selbstreflexiven Kritik. 




Der deutsche Künstler Winfried Baumann baut seit 2001 „Wohnsysteme für Obdachlose und andere urbane Nomaden“. Diese dem Design Wodiczkos recht ähnlichen, multifunktionalen Instant-Housing-Einheiten aus zweckentfremdeten Einkaufswagen sind jeweils mit einer ausziehbaren, gepolsterten Liegefläche, einem Erste-Hilfe-Paket, Spiegel, Trillerpfeife, Multifunktionswerkzeug, Taschenlampe und einer Kunststoffhaube mit Sichtfenster ausgestattet (I-H Shopping Cart METRO-400, 2010). Die Prototypen wurden in verschieden Ausstellungen gezeigt, ob sie jedoch auch real von Obdachlosen auf der Straße benutzt würden, bleibt zweifelhaft. Ähnlich verhält es sich mit dem Mobile Homeless Shelter von Paul Elkins, der wie ein anschiebbares Wohnmobil mit einem Schlafbereich, einer Küche und einem Waschraum ausgestattet ist.




Agitatorisches Design

 

Die wohl interessanteste und erfolgreichste Weiterentwicklung des Gedankens eines agitatorischen Designs für Obdachlose, das einerseits durch Funktionalität besticht, aber gleichzeitig einen symbolischen Charakter hat, stellt das Projekt Parasite des amerikanisch irakischen Künstlers Michael Rakowitz dar. Parasite entstand 1998 als Abschlussarbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in direktem Austausch mit Wodiczko, bei dem Rakowitz studierte. Die eigentliche Inspiration erhielt der Künstler jedoch 1997 während eines Workshops in Jordanien, wo er Beduinen beobachtete, wie diese die Architektur ihrer Zelte nach dem Wind ausrichteten. Zurück in Boston begegnete er Obdachlosen, die in der warmen Abluft der HVAC- (Heating, Ventilation and Air-Conditioning) Systeme öffentlicher Gebäude Schutz vor Kälte suchten. In beiden Fällen handelt es sich um Nomaden, mit dem Unterschied, dass letztere in den meisten Fällen nicht aus freiem Willen nomadisch leben und ein Leben auf der Straße in kalten Wintern tödlich sein kann. Der Gedanke war geboren, die warme Luft – die sonst als vergeudete Energie ungenutzt in die Atmosphäre austritt – konstruktiv durch ein Design zu nutzen, das sich parasitär an die Gebäude dockt und sich von ihnen speisen lässt. In enger Zusammenarbeit mit verschiedenen obdachlosen Personen in Cambridge und Boston sowie ab 1999 auch in New York und anderen Städten entwickelte der Künstler bis zum heutigen Tag über 60 Behausungen, die sich jeweils den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Bewohner anpassen. Die Grundidee ist eine Doppelmembranstruktur, die durch einen Schlauch mit Haken an den Ventilationsschächten von Gebäuden befestigt werden kann und so automatisch von der warmen Luft aufgeblasen wird. Die Luft verleiht der Struktur eine gewisse Stabilität, gleichzeitig wird sie gewärmt, ohne dass ihre Nutzer direkt in der Abluft liegen. Als Material dienen Rakowitz dafür transparente Plastikfolie oder Müllsäcke – die Herstellung eines Parasite kostet nur ein paar Dollar. Im unbenutzten Zustand kann die Behausung auf Plastiktütengröße zusammengefaltet werden. Einer der ersten Prototypen war der Unterschlupf von Bill Stone, der mit zwei Reihen von Fenstern versehe war und so seinem Bewohner einen Ausblick im Sitzen wie im Liegen ermöglichten – denn Obdachlose seien weniger um ihre Privatsphäre, sondern eher um ihre Sicherheit besorgt, erklärte Bill, der Rakowitz von den ursprünglich als Material angedachten schwarzen Müllsäcken abbrachte. Eine der wichtigsten Funktionen, die ein Unterschlupf erfüllen müsse, sei die, zu sehen und gesehen zu werden. Für einen Mann namens George Livingston entwarf Rakowitz einen Parasite, zwischen dessen aufblasbaren Rippen aus semitransparenter Kunststofffolie wiederverschließbare Plastiktaschen eingefügt wurden. Die Taschen konnten von innen mit verschiedenen Habseligkeiten oder mit Botschaften gefüllt werden, waren also Display und ließen gleichzeitig durch individuelle Regelung von Transparenz oder Lichtundurchlässigkeit mehr oder weniger Privatsphäre zu. Auch Spezialwünsche, wie ein Unterschlupf in Form von Jabba the Hutt aus Star Wars oder eine Ausführung mit getrennten Sitzbereichen und einem gemeinsamen Liebesraum für ein obdachloses Pärchen, wurden erfüllt.




Parasite versus Anti-Tent Law

 

Den Durchbruch jedoch markierte das Design für Michael McGee, einem Obdachlosen, der für die United Homeless Organisation arbeitete und über die New York Times von dem Projekt erfuhr. Er kontaktierte Rakowitz, um mit ihm gemeinsam ein Design zu entwickeln, das dem im Artikel zitierten Anti-Tent Law entsprach, ein von Bürgermeister Giuliani eingeführtes Gesetz, nach dem jede Struktur, die höher als 110 Zentimeter ist, als Zelt gilt und somit die Benutzung als illegales Campen im Stadtraum strafbar ist. Die ursprünglich dreieckige Form wurde verworfen und der Unterschlupf eher bodennah als eine Art vergrößerter Schlafsack entworfen, so dass er nicht mehr einem Zelt glich, sondern eine Erweiterung des Körpers darstellte. Das neue Design behauptete sich im praktischen Gebrauch – als McGee tatsächlich von der Polizei kontrolliert wurde, konnte er argumentieren, dass sein Unterschlupf niedriger als 110 Zentimeter war und somit nicht unter das Gesetz fiel. Die Polizeibeamten ließen ihn daraufhin unbehelligt. Der Fall machte Schlagzeilen und Parasite hatte sich als wirksames Werkzeug etabliert, welches in strengen Wintern nicht nur Leben retten kann, sondern von vielen Obdachlosen als eine Art Sprachrohr genutzt wurde, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und öffentliche Sichtbarkeit zu erlangen. Rakowitz hat „Parasite“, das mehrere Designpreise erhielt und sich heute unter anderem in der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) befindet, übrigens nur dann ausgestellt, wenn ein nicht mehr benötigtes Modell an ihn zurückging. Betont werden muss, dass das Projekt nicht als Lösung des Problems angesehen werden darf, sondern dabei hilft, die Missstände sichtbar zu machen. Rakowitz selbst sagt dazu: „Dieses Projekt […] versteht sich nicht als Vorschlag für bezahlbaren Wohnraum. Seine Ausgangslage ist symbolisch eine Überlebensstrategie für heimatlose Menschen im urbanen Raum aufzuzeigen, um das problematische Verhältnis zwischen denen, die ein Zuhause haben, und denen, die keines haben, zu verdeutlichen.“

 

 

Eva Scharrer ist freie Kuratorin und Kritikerin und arbeitet momentan unter anderem für den Neuen Berliner Kunstverein. Zuletzt war sie als Agentin und Autorin im Team der Documenta 13 tätig. Sie schreibt regelmäßig für verschiedene Kunstmagazine wie Artforum, Frieze d/e, Spike und /100 und hat Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz kuratiert. 2007 war sie Co-Kuratorin der achten Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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