Nº 262

Kreativer Standard

The Designer’s Best-kept Secret

„Hi, my Name is [...]. I am a young [...] designer based in [...]. I focus on [...] mainly for the [...] sector [...].“ Ein Blick auf die Portfolio-Landschaften von Behance oder Cargo zeigt es deutlich: kollektive Designplattformen, Schmelztiegel internationaler Gestaltungstrends, zeichnen sich durch eine erstaunliche Homogenität aus. Nicht nur die Selbstbeschreibungen vieler Kreativer, ob aus Schanghai, London oder Berlin, klingen nahezu algorithmisch identisch – auch die Präsentation ihrer Arbeiten scheint klaren Regeln zu folgen. Editorial-Entwürfe werden per Photoshop in realistische Szenerien verpackt. Arme und Hände, die offensichtlich einem Mitglied aus der Gilde der Young Urban Creatives gehören, recken großformatige Plakatmotive in die Höhe. Webseiten- und App-Entwürfe werden auf aktuelle Smartphones montiert, auf verwitterten Tropenholztischen positioniert, ein Glas Latte macchiato im Hintergrund. Vorgefertigte Mock-up-Dateien oder User-Interface-Kits für Photoshop und Co. bieten zahlreiche Möglichkeiten die eigene Kreativleistung richtig in Szene zu setzen.






Das Sampling von Fertigbausteinen ist aber nicht nur auf visueller Ebene zu beobachten. 
Im Onlinedesign allgemein, wo professionelle Darstellung, technische Funktionssicherheit und schlichtweg Zeitersparnis eine große Rolle spielen, finden digitale Dienstleistungen für die Generierung und das Hosting von Webseiten zunehmende Verbreitung. Unter Profis wie unter Laien. Ein beliebtes Wordpress-Template etwa bezeichnet sich unverblümt als „the designer’s best-kept secret“. Und in der Tat: Rundumpakete, sogenannte Platform-as-a-Service-Dienste, machen es kinderleicht, eine responsive, zeitgemäße und auf multiplen Geräten funktionierende Seite zu erstellen. Für Start-ups, Familienunternehmen, Fotografen1, Onlineshop2 oder digitale Magazine3. Ganz ohne Designer. Ganz ohne Entwickler. Schlüsselfertig.

 

Ist Webdesign also Massenware?

 

Ja – zu großen Teilen. Und das ist auch gut so. Das Internet als Kommunikations- und Vermarktungskanal ist heute der Normalfall. Das eher experimentelle Webdesign-Eldorado
der späten 1990er-Jahre, die aufwendigen, oft inflexiblen Content-Management-Systeme und Mikroseiten der 2000er, all das ist zum Glück Geschichte. In Design- und Frontendentwicklung hat sich eine Professionalisierung und damit Standardisierung eingestellt. Geräteübergreifende Gestaltungskonventionen, agile Entwicklungsprozesse und Software-Stacks erlauben Webapplikationen und -seiten, die
mit den Ansprüchen mitwachsen. Kundenindividuelle Massenfertigung heißt das Stichwort: E-Commerce- und Content-Management-Systeme etablieren sich als erschwingliche Online-Stangenware. Templates und Modulerweiterungen gewährleisten Individualisierbarkeit, Design, Management und Verwaltung – alles inklusive.

Die Digitalisierung selbst ist sicherlich nicht die Ursache für diese Entwicklung – im Gegenteil führten Standardisierungsprozesse überhaupt erst dazu, dass Digitalisierung und damit Automatisierung möglich wurde. Ein Blick auf das sozialpolitische Selbstverständnis von Werkbünden oder dem Bauhaus zeigt: Im Design ging es schon immer darum, funktionale Produkte durch einheitliche und effiziente Formgebungs- und Herstellungsprozesse für die Allgemeinheit erschwinglich zu machen.




Programmatische Systematisierung fand später mit Akteuren wie Karl Gerstner oder Josef Müller-Brockmann Einzug in die visuelle Kommunikation. Sie schufen die Basis für universale Designbaukästen, die international und interkulturell von Agenturen und Designern angewendet werden konnten. Und digitale Styleguides setzen heute mit Design- und Interaktionsmustern auf etablierte und damit verständliche Gestaltungskonventionen. Sie wenden sich an Designer als auch Entwickler gleichermaßen, wie etwa bei Googles Material Design-Ansatz zu sehen. Responsive Design-Frameworks und Kits wie Bootstrap oder Angular liefern Funktionalität und visuelles Interface als Paket; digitales Design und Technik wachsen zusammen.




Trotzdem möchte man hier einwerfen: Kreativität ist nicht automatisierbar. Doch das lässt sich so längst nicht mehr behaupten. Generative Computerkunst wie die von Frieder Nake zitierte bereits in den 1960er-Jahren etablierte Künstler anhand programmierter Algorithmen. Und heute finden selbstlernende Computersysteme zum Beispiel im Medienumfeld Anwendung, etwa für Nachrichtentexte, die sich selbst generieren4 oder Webseiten, die Layout als auch Contentaufbereitung gleich selbst in die Hand nehmen5. Was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert, würde Edward Murphy sagen.

 

Werden digitale Gestalter überflüssig?

 

Nein, nicht unbedingt. Das Betätigungsfeld eines digitalen Gestalters hat sich im Gegenteil erheblich erweitert. Die Verfügbarkeit von offen zugänglichen Daten und Standards erlaubt es heute, wesentlich einfacher und direkter mit Technologie und deren Adaption zu experimentieren. Open Source und Maker-Kulturen eröffnen jedermann Zugang zu digitalen Werkzeugen und deren Weiterentwicklung. Die Frage, ob Designer auch Code schreiben sollten, wurde längst von der Realität überholt. Die Grenzen lösen sich auf. Das kreative Kombinieren von Technologien und Gestaltungsmitteln spielt eine wesentliche Rolle dabei, Ideen zu entwickeln und zu testen. Kopieren und Adaptieren ist Kulturtechnik. Und Creative Commons liefern die rechtliche Grundlage dafür. Designer, die solche Schnittstellenkompetenzen zwischen Technik und Gestaltung mitbringen, sind gesuchte Experten in den Innovationslaboren führender Konzerne.




Aber auch im klassischen Webdesign-Umfeld bieten sich Alternativen zur Mainstreamlösung von der Stange. Einen Weg, dem genannten Effizienzdruck gerade bei kleineren Projektbudgets entgegenzutreten, zeigen Designer wie Emil Olsson. Er entwickelt Webseiten für Designstudios wie Sagmeister and Walsh oder Build, nutzt den Freiraum solcher Projekte aber zur Weiterentwicklung eigener, flexibler und modularer Vorlagen, die er als Templates für Wordpress parallel vertreibt. Marc Kremers vom gleichnamigen Londoner Designstudio gestaltet moderne Webseitenlösungen für den Kultur- und Modebereich und ist Designer eines der weltweit beliebtesten Gratis-Themes für Tumblr: Sydnex. Die hohe Nachfrage führte zu einer kommerziellen Adaption des Themes für Wordpress, zeigt aber auch, wie selbstentwickelte Designvorlagen über solche Plattformen zu exzellentem Selbstmarketing werden. Hinter beiden Ansätzen steckt natürlich auch ein Effizienzprinzip. Anstatt jedoch bereits vorkonfektionierte Designvorlagen zu adaptieren, setzen sie auf eigene Entwicklungen, die modularisiert und dadurch wiederverwendbar sind. Aus individuellen Nutzungsanforderungen entsteht ein flexibles System eigener Werkzeuge. Dies wird kontinuierlich erweitert und schließlich als Produkt zugänglich gemacht. Auch hier geht es also um die Anwendung von systematisierten Vorlagen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Designer das Werkzeug selbst entwickelt. Er hat die Kontrolle. Er hat es als System ausgebaut und kann es in individuellen Anwendungskontexten beliebig adaptieren und erweitern. Gestalterische Autonomie statt Designapathie.




Der Designstudent Sures Kumar entwickelte 2014 am Londoner Royal College of Art eine Webapplikation, die automatisch fiktive Designerportfolios generiert: Pro-Folio. Anhand eines beliebigen Nutzernamens setzt der Algorithmus eine glaubwürdige Selbstbeschreibung inklusive Kurzlebenslauf zusammen und sucht auf echten Behance-Profilen nach passenden Designprojekten. Potenziell waren so 690 Trilliarden Designerprofile möglich. Das Erstaunliche ist, dass Testpersonen durchschnittlich fünf bis zehn Minuten benötigten, um automatisch generierte Identitäten von echten zu unterscheiden.

Ob dieser Umstand mit der eingangs erwähnten Gleichförmigkeit gestalterischer Selbstdarstellungen zu tun hat, bleibt offen. Die Frage, die das Projekt aber sicher aufwirft, ist die nach der eigenen gestalterischen Identität. Ruht man sich apathisch auf der Anwendung austauschbarer Mainstream-Vorlagen aus – und wird dadurch gegebenenfalls selbst austauschbar? – oder versteht man digitale Gestaltung als System, das vorgefertigte sowie eigene Werkzeuge nutzt und auf Standards setzt,
die man aber jederzeit selbst auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen kann? Entscheidend wird sein, wer am Ende das Ergebnis definiert: der Gestalter oder die Vorlage. Sicher mehr denn je „a web designer’s ‚best-asked‘ question“.




 

 

1 Das bekannteste Beispiel dürfte squarespace.com sein, es gibt aber auch viele kleinere Anbieter wie die Berliner salon.io

2 tictail.com ist ein Beispiel für schlanke Dienstleistungen für kleine, unabhängige Shops und Händler. 


3 readymag.com kann als designorientiertes Beispiel betrachtet werden.

4 Die Software AX Semantics von aexea.de erstellt zum Beispiel automatisiert Meldungen zu aktuellen Ereignissen aus Sport, Wetter oder Wirtschaft.

5 So lautet zumindest das Versprechen des Webservices von thegrid.io, das sich aktuell im Beta-Testing befindet. 


 

 

Klaus Birk leitet den Studiengang Mediendesign
an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und berät Unternehmen bei der Konzeption digitaler Produkte und Dienstleistungen. Er arbeitete für Designbüros in Deutschland und Großbritannien, zuletzt als Designdirektor für das Intuity Media Lab in Stuttgart. Zudem lehrte er Informations- und Interaktionsdesign an der ZHdK in Zürich und der University of the Arts London. Er forscht über Designmethodik und war unter anderem Koautor der Publikation „Design der Zukunft“, die 2014 bei Av Edition erschienen ist. 

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