Nº 269
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Private Utopias

Text: Anja Neidhardt

„Für uns umschreibt das Private eine Sphäre der Intimität, die […] in ihrer Vielfalt und Mannigfaltigkeit keiner Epoche vor der Neuzeit bekannt war.”[1: Hannah Arendt, The Human Condition, London: The University of Chicago Press, 1998, S. 38.] Hannah Arendt, 1958

Der 1882 geborene Maler Rik Wouters arbeitete oft im Wohnzimmer, nicht nur, weil das Licht dort besser war als in seinem Atelier (das sich in derselben Wohnung befand), sondern auch, weil er dort seine Inspiration fand. Es war der Mittelpunkt des häuslichen Glücks, das er mit seiner Frau Nel teilte. Ob lesend, bügelnd, kochend oder aus dem Fenster schauend – sie taucht immer wieder als Motiv in seinen Gemälden auf. Ihre Lebensfreude und die Liebe, die er für sie empfand, waren grundlegend für Wouters Werke, in denen er ihr gemeinsames, privates Leben aus Komfort, Sicherheit und Geborgenheit porträtierte. In ihrem Zuhause inspirierten sich Wohnen und Arbeiten gegenseitig. Die Vielfalt und Reichhaltigkeit, die beide in ihrem privaten Leben sahen und sehen wollten (sie hatten sich bewusst für eine positive Sicht entschieden), waren Grundlage sowohl für ihr gegenwärtiges Glück als auch für ihr Streben nach einem dauerhaften „guten“ Leben. [2: „Rik Wouters und die private Utopie“, 17. September 2016 bis 26. Februar 2017, Mode Museum Provincie Antwerpen.]

 

Rik Wouters und das „gute“ Leben

Wouters war der einzige belgische Künstler, der in seinem Werk post-impressionistische Techniken mit einfachen, häuslichen Szenen verband. Anlässlich seines 100. Todestages widmet ihm das Mode Museum der Provinz Antwerpen in Kooperation mit dem Royal Museum of Fine Arts Antwerp zurzeit eine Ausstellung. „Rik Wouters und die private Utopie“ zieht Parallelen zwischen den Themen des Malers und gegenwärtigen Trends in unserer Gesellschaft und zeigt seine Werke neben aktuellen Arbeiten belgischer Künstler und Gestalter. Dabei erörtert die Ausstellung, wie sich die Suche nach der Essenz des „guten Lebens“, der Wunsch nach Zurückgezogenheit und die Sehnsucht nach einer neuen Verbindung zur Natur in den ausgewählten Arbeiten widerspiegeln.[3: „Rik Wouters und die private Utopie“, 17. September 2016 bis 26. Februar 2017, Mode Museum Provincie Antwerpen.]

Doch welche Rolle spielt die Wechselwirkung zwischen dem Zuhause als Wohnort und gleichzeitiger Arbeitsstätte? Nicht nur Rik Wouters malte in seinem Wohnzimmer, sondern auch gegenwärtige Illustratoren, Modedesigner und Produktgestalter leben und arbeiten in denselben Räumen. Ergibt sich das Streben nach Idylle aus dieser Arbeits- und Wohnsituation? Oder ist sie Ausgangspunkt für ihre Lebensweise?

 

Gewohnt ungewöhnlich

Der Philosoph und Kulturtheoretiker Vilém Flusser (1920–1991) (form 267, S. 74) sah im Wohnen das menschliche Bedürfnis, sich von der lauten Welt zurückzuziehen. Flusser war der Auffassung, dass Menschen nur in der Realisierung des Wohnens dazu in der Lage sind, sich über den Unterschied zwischen Gewohntem und Ungewöhnlichem bewusst zu werden, und damit ihre eigenen Grenzen zu verstehen.[4: Eugenia Stamboliev, To Dwell/Dwelling, in: Siegfried Zielinski, Peter Weibel, Daniel Irrgang (Hrsg.), Flusseriana. An Intellectual Toolbox, Minneapolis: Univocal, 2015.] Gestalter loten diese Grenzen ständig aus: Sie erhalten bekannte Elemente und kombinieren sie mit Neuem (Fremdem). Nicht zuletzt führen sie Ungewöhnliches in eine gewohnte Umgebung ein. In welchem Verhältnis steht dieses Ergründen von Gewohntem und Ungewöhnlichem in der Arbeit von Gestaltern mit deren persönlichem Wohnen?

Viele Designer berichten, dass sie als Kinder die Möbel in ihrem Zimmer umräumten, um neue Perspektiven und Möglichkeiten zu ergründen, oder in Zeichnungen ihr eigenes Traumhaus entwarfen. Mit Papier und Stiften lässt sich schnell ein Abbild der Realität anfertigen – und genauso schnell verändern. Ganz unkompliziert kann ein Teppich ausgelegt, ein Regal aufgebaut oder ein Fenster eingesetzt werden. Sind die Gestalter dann erwachsen und mit Techniken zur Herstellung von Gegenständen vertraut, können Objekte nicht nur erfunden, sondern auch selbst produziert und anschließend in der realen Wohnung platziert werden. Die Designerin Yara Francken (form 265, S. 9) beispielsweise lebt und arbeitet in einem Spannungsfeld zwischen erträumtem und realem Zuhause. Ihre Wohnung in Den Haag ist Motiv und Ausgangspunkt ihrer Zeichnungen, die sie wiederum beim Entwerfen von Keramiken inspirieren. Sobald diese erschaffen sind, wandern sie in ihr Zuhause (und das anderer Menschen) und verändern es.

 

Auch die Produktgestalterin und Innenarchitektin Noortje de Keijzer hat schon immer davon geträumt, ihr eigenes Zuhause zu gestalten. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Videotechniker Jorn Bergmans, bekam sie in Utrecht die Gelegenheit, eine ehemalige Kneipe in ihre eigene Wohnung umzuwandeln. Das daraus entstandene Zuhause ist nun ein Ort, an dem sich Arbeiten und Wohnen gegenseitig inspirieren. Der offene Raum im Zentrum ist beispielsweise so eingerichtet, dass alle Möbel jederzeit für Fotoshootings, Pop-up-Ausstellungen oder größere Abendessen um- oder hinausgeräumt werden können.[5: Anja Neidhardt, Leben am Tresen, in: The Weekender, Ausgabe 23, 2016, S. 94.] Inspiriert von ihrem (und in erster Linie für ihr eigenes) Zuhause hat Noortje auch eine handbedruckte Textilreihe entworfen. Obwohl die einzelnen Formen minimalistisch und streng sind, ergeben sie auf den Kissen, Decken und Tischtüchern spielerische Muster. „Das reflektiert nicht nur meine Arbeit, sondern auch meinen Charakter“, sagt Noortje, „die ‚Streifenform‘ zeigt mein Streben nach Perfektion und die ‚einzigartigen Drucke‘ stehen für mein Bedürfnis loszulassen.“

 

Sich verorten

Lonny van Ryswyck und Nadine Sterk arbeiten vor allem mit und in der Natur, die ihren Wohnort umgibt. Unter dem Namen Atelier NL sind sie in Eindhoven ansässig, reisen allerdings für ihre Projekte in die umliegenden Regionen. Ihre Polder-Keramiken aus der Reihe Drawn from Clay beispielsweise entstanden aus Ton, den Lonny und Nadine aus verschiedenen niederländischen Ländereien gewinnen konnten. Teil des Projekts war aber nicht nur das Gewinnen des Materials für das Formen von Keramiken, sondern auch das Porträtieren der jeweiligen Landwirte und eine zum Abschluss des Projekts veranstaltete Mahlzeit mit allen Beteiligten, bei der das entstandene Geschirr zum Einsatz kam. Indem Lonny und Nadine in ihren Projekten lokal vorkommende Rohstoffe verwenden, handeln sie nicht nur nachhaltig und verantwortungsbewusst, sondern erden auch sich selbst und ihre Kunden, stellen also auch eine geistige Verbindung zur Natur her.

In etwas anderer Form taucht die Natur auch in den Werken des belgischen Malers Ben Sledsens auf. Szenen seiner aktuellen Gemälde zeigen Menschen bei der Gartenarbeit. „[Sie] beziehen sich auf mein persönliches Leben und alles, was es umgibt; [außerdem] sind sie mit meinem subjektiven Blick verbunden“, sagt Ben. Seine Gemälde werden so zu „einer Art häuslichen Utopie“, wie er es selbst formuliert. Momentan sind seine Arbeits- und Wohnräume noch voneinander getrennt, allerdings denkt Ben darüber nach, diese Situation zu ändern – nicht nur aus praktischen Gründen, sondern gerade weil er seine Inspiration aus seinem Zuhause schöpft.

 

Ein ununterbrochener Kreativprozess

Jan-Jan van Essche lebt und arbeitet bereits in denselben Räumen. Er entwirft seine Modekollektionen nicht nur zu Hause, sondern trägt sie auch selbst. Indem der Modedesigner aus Antwerpen sich in seiner gestalteten Kleidung bewegt, also in ihr „wohnt“, findet er heraus, wie sie perfektioniert werden kann. Er möchte, dass sich die Träger seiner Kleidung frei fühlen und ganz sie selbst sein können. „Jede Musterstudie und jedes Material, das ich entwickle, dient dieser Idee“, sagt er. „Sie ist der Herzschlag meiner Arbeit.“ In seinem „Wohnraum zu arbeiten“ beziehungsweise in seinem „Arbeitsraum zu wohnen“ gibt Jan-Jan dabei die Möglichkeit, fortlaufend zu experimentieren und einen möglichst ununterbrochenen Kreativprozess zu durchlaufen, wie er sagt. Er und sein Lebenspartner Piëtro Celestina (der sich um das Management und die Kommunikation kümmert) haben sich nie bewusst für dieses Zuhause entschieden – es hat sich einfach so ergeben. Jan-Jan beschreibt es als „eine Kombination aus einem chaotischen, aber [dennoch] praktischen Arbeitsbereich und einem Haus, in dem die Küche überaus wichtig ist“.

 

Private Utopie

Die Projekte der hier vorgestellten Gestalter zeigen die Reichhaltigkeit und Vielfalt, die ihr Zuhause für sie bedeuten. Egal, ob sie im Wohnzimmer oder innerhalb der Grenzen einer bestimmten Region leben und arbeiten, sie alle eint das Streben nach einem Zuhause, das inspiriert, sozialen Austausch ermöglicht, ihnen hilft, sich selbst zu verorten und gleichzeitig einen Rahmen für ununterbrochene Kreativprozesse schafft sowie die Sicherheit für das Ausloten der Grenzen zwischen Bekanntem und Neuem bietet. Diese privaten Utopien lassen nicht nur ungewöhnliche Produkte in alternativen Prozessen entstehen, sondern haben auch das Potenzial, uns zu einer anderen Sicht auf die Wechselwirkung zwischen dem Zuhause als Wohnort und gleichzeitiger Arbeitsstätte zu inspirieren.

Anja Neidhardt hat im Juni 2016 ihr Studium im Master Department Design Curating and Writing an der Design Academy Eindhoven abgeschlossen. Von 2012 bis 2014 war sie Redakteurin der form, für die sie seitdem regelmäßig schreibt. Davor studierte sie Kommunikationsdesign an der Academy of Visual Arts in Frankfurt am Main. Zuletzt schrieb sie in form 268 über analoge, autogenerative Entwurfsprozesse.

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Jan/Feb 2017

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