Nº 269
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Web brutal

Text: Sarah Schmitt

Die Ansprüche an das heutige Webdesign wachsen stetig mit den technologischen Neuerungen der Webentwicklung. Die einfache und intuitive Benutzerführung durch eine inhaltsorientierte Gestaltung der Oberfläche steht dabei im Vordergrund. In der Vergangenheit haben sich so gestalterische Konventionen etabliert und das Nutzerverhalten geprägt. Eine aktuelle Designbewegung entzieht sich diesen Konventionen, verzichtet auf zeitgenössische Stilmittel in der Gestaltung und bedient sich stattdessen Strukturen und Gestaltungselementen aus den Anfängen des Internets.

 

Carla Peer

carlapeer.com

Für die Gestaltung des eigenen Internetauftritts suchte die Schweizer Grafikdesignerin und Webentwicklerin Carla Peer einen visuellen Rahmen, der ihre Webprojekte in ihrer reinsten Form zeigt: als interaktive Webseite im Browser. Eine simple Aufreihung von scheinbar externen Weblinks bildet das Inhaltsverzeichnis und zugleich die Navigation des Portfolios. Über dreidimensional anmutende Schaltflächen werden ausgewählte Webprojekte innerhalb ihrer Webseite mittels Inlineframes (Iframes) eingebettet. Der User ist dazu angehalten, die von ihr entwickelten Webseiten selbst zu erleben, ohne dabei ihr Portfolio zu verlassen. Die aktive Schaltfläche zum Projekt bleibt sichtbar, hält die Verbindung zu Peers Portfolio aufrecht und ermöglicht die einfache Rückkehr zum Ausgangspunkt.

 

Vasco Gaspar

vasco.work

Der Bildschirm ist schwarz, „initializing …“ kündigt den Ladevorgang an, dann erscheint ein aus Sonderzeichen animierter Totenkopf zusammen mit der Aufforderung „welcome stranger. write somthn below“. Mit einem blinkenden Cursor-Symbol fordert der Designer und Front-End-Entwickler Vasco Gaspar den Besucher zur Texteingabe auf und weckt so Erinnerungen an das Betriebssystem MS-DOS. Die Inhalte werden durch die Befehlseingabe des Users sichtbar. Auf die Frage „Do you need any help?“ wird dem Nutzer eine Auswahl an Kommandos wie Social, Bio, Work und Contact für die weitere Navigation angeboten. Gaspar wählt mit dem terminalähnlichen Interface und der Eingabe über die Befehlszeile bewusst eine rudimentäre und überholte Form der Interaktion.

 

NJ(L.A.)

njla.us

Eine Computerstimme begrüßt den User beim Betreten der Webseite mit den Worten „[…] sit back, enjoy, and remember, we love you“. NJ(L.A.) betrachtet den eigenen Webauftritt nicht als Portfolio, sondern als Plattform, die das Studio seit dem Launch Ende 2015 kontinuierlich weiterentwickelt. Das Nutzererlebnis steht dabei im Fokus. Der interaktive und physische Output des Designstudios aus Venice, Kalifornien, ist alles andere als zurückhaltend und leise, so auch im Web. Blinkende Hyperlinks, ein Flug durchs Universum, ein Mauszeiger in Form eines Fadenkreuzes, Aufschreie, Räume voller Seifenblasen und vieles mehr erwarten den User in diversen Szenarien.

 

Lee Tusman

spam.cafe/spamcafe.html

Parallel zu seiner Soloausstellung „Spam.cafe“ am UCLA’s Broad Art Center im Mai 2016, hat der Medienkünstler und Kurator Lee Tusman in Kooperation mit Luis Queral eine Hypertext-Ausstellung zu seiner physischen Ausstellung in Los Angeles entwickelt. Inspiriert durch die Rollenspielbücher „Choose Your Own Adventure“ aus seiner Kindheit, visualisiert er die Inhalte seiner Schau als nicht-lineare Geschichte. Der Nutzer betritt die Ausstellung virtuell. Seine möglichen nächsten Schritte werden ihm in Form von blauen Hyperlinks präsentiert. Für welchen Weg sich der User auch entscheidet, es werden Fragmente der Ausstellung in Textform offenbart, nie jedoch als Bild. Mit jedem neuen Detail entsteht eine etwas genauere Vorstellung im Kopf des Lesers. Dies steht im unmittelbaren Kontrast zu aktuellen Bestrebungen, die Welt möglichst realitätsgetreu und umfassend in Virtual Realities nachzuempfinden.

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Nº 269, Spielen
Jan/Feb 2017

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