Nº 274
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Gesteinsgeschichten

Text: Franziska Porsch

Obwohl geowissenschaftlich noch nicht verifiziert, kursiert der Begriff Anthropozän seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit. Gemeint ist, dass der Mensch die Erdoberfläche so weit verändert hat, dass sein Einfluss als der maßgebliche Faktor auf unserem Planeten gilt. 

Wie sich aus gestalterischer Sicht mit den Bestandteilen der Erdoberfläche und ihren natürlichen sowie menschengemachten Schichten auseinandergesetzt werden kann, zeigen die folgenden Projekte.



 

Excavation: Evicted

paulcocksedgestudio.com

 

Als Reaktion auf die Zwangsräumung seines Studios im Londoner Stadtbezirk Hackney, nahm der britische Designer Paul Cocksedge darin Kernbohrungen vor. Die aus dem Boden entnommenen Bohrkerne kombinierte er mit Glasplatten zu fünf verschiedenartigen Möbelstücken, die auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse zum ersten Mal gezeigt wurden. Sie sind nicht nur materielle Andenken an die vergangenen zwölf Jahre, in denen das Studio dort verortet war, sondern gleichzeitig auch ein archäologisches Dokument der Historie des Gebäudes: Es trat unter anderem eine Schicht viktorianischer Ziegelsteine zutage. Darüber hinaus weist die Arbeit auf die schwindenden Räume hin, die Kreativen in Großstädten weltweit zur Verfügung stehen, weil sie durch neue Bauprojekte und steigende Mieten verdrängt werden.



 

Petroskop

piamatthes.de

 

Im Rahmen ihres Projektes „Eine ästhetische Gesteinsansprache“, mit dem sie 2017 ihr Studium des Produktdesigns und der Medienkunst an der HfG Karlsruhe abschloss, beschäftigte sich Pia Matthes mit den Eigenschaften von Gesteinen. Dabei ließ sie sich von der Petrologie, einem Teilgebiet der Geowissenschaften, und deren Untersuchungsmethoden, im speziellen der Mikroskopie, inspirieren. Statt den Dünnschliff eines Gesteins zu Analysezwecken unters Mikroskop zu legen, verwendete sie ihn zur Projektion. Eines der Ergebnisse ihres Projektes ist das Petroskop, das sich aus einem Leuchtkörper, einem Objektiv, verschiedenen Dünnschliffen und einem optionalen Polarisationsfilter zusammensetzt. Gehalten von Magneten lässt sich der Dünnschliff zwischen dem Leuchtkörper und dem Objektiv bewegen, sodass der Gesteinsausschnitt frei wählbar ist. Die Projektion gibt nicht nur einen Einblick in die Petrologie, sondern macht den Aufbau von Gesteinen auch ästhetisch erlebbar.



 

Waste Based Collection

stonecycling.com

ultrastudio.nl

 

Die Feststellung, dass Bauabfälle den größten Teil des Müllvolumens in den Niederlanden ausmachen, veranlasste Tom van Soest, sich im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Design Academy Eindhoven zu fragen, wofür diese Abfälle verwendet werden könnten. Die dabei entstandene Idee, Bauabfälle zu zermahlen, um daraus neues Baumaterial herzustellen, mündete 2013 zusammen mit Ward Massa in der Gründung von Stone Cycling. Neben ihrem breiten Angebot an Waste Based Bricks [müllbasierten Backsteinen] suchen sie auch nach anderen Möglichkeiten, das Material einzusetzen. In Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Ultra Studio und verschiedenen niederländischen Herstellern ist die Waste Based Collection entstanden, zu der ein Tisch, ein Hocker und drei Leuchten gehören und die 2016 zum ersten Mal auf der Dutch Design Week präsentiert wurde. Auch in diesem Jahr werden sie dort wieder vertreten sein, um Besucher mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass aus Müll attraktive Produkte für ihr Zuhause entstehen können.



 

Soil Fictions

cargocollective.com/soilfictions

chaoide.com

 

Die Ausstellung „Soil Fictions“ zeigte Ende 2016 die Ergebnisse des Soil Labs, dem ersten Residence-Programm einer Serie, die sich an Künstler und Wissenschaftler gleichermaßen richtet und das Ziel verfolgt, neue Narrative in Bezug auf unseren Planeten aufzubauen. Wir haben mit den Mitglieder des Projekts, der Designerin Yesenia Thibault-Picazo, dem Künstler Anaïs Tondeur und den Wissenschaftlern Marine Legrand, Germain Meulemans und Alan Vergnes, gesprochen, die sowohl Teil von Soil Lab waren als auch Teil des sich daraus neu gegründeten Kollektivs Chaoïde sind.

 

Biomining or the Earth Harvesters from Yesenia Thibault-Picazo on Vimeo.

 

Warum denkt Ihr, ist es wichtig, sich mit dem Thema Erde auseinanderzusetzen?

 

Erdböden werden häufig immer noch als regloses und statisches Medium wahrgenommen, als eine unerschöpfliche Quelle und als unendlich manipulierbares Material, obwohl sie in Wirklichkeit ein bewegtes Milieu sind, das durch jüngere menschliche Aktivität verändert und oft geschwächt wurde. Über die Tatsache hinaus, dass Böden Tausenden von Spezies einen Lebensraum bieten, machen sie auch eine Vielfalt an Landschaften und genetischen Reserven möglich. Neben ihrem Reichtum an kulturellen und sozialen Bedeutungen beherbergen sie auch menschliche Tätigkeiten, konservieren archäologische Hinterlassenschaften und Spuren vergangener Klimata und biologischer Prozesse. Trotzdem wird allein in Frankreich jede Woche eine Bodenfläche von 1.300 Hektar mit Beton versiegelt. Mehr und mehr Menschen beunruhigt die Zerstörung des Regenwaldes, doch nur wenige wissen, was mit den Böden in nächster Nähe passiert. Wir denken, es ist wichtig herauszufinden, wie wir unsere Beziehung zu Böden wiederbeleben und einen fruchtbaren Dialog mit ihnen aufbauen können.

 

Petrichor (extract) from Anais Tondeur on Vimeo.

 

Warum ist es in Euren Augen sinnvoll, dabei verschiedene Disziplinen einzubeziehen?

 

Um mit dem komplexen und empfindlichen System des Erdbodens umzugehen, müssen wir verschiedene Disziplinen miteinander verbinden. Jede von ihnen verfügt über Methoden, Perspektiven und eine bestimmte Sprache, die das Narrativ nähren, das wir zusammen entwickelt haben. Wir als Künstler und Designer bringen die einfühlsame und ästhetische Sichtweise in das Team ein, intuitive Vorstellungskraft und Storytelling durch das praktische Machen und durch visuelle Werkzeuge. Die Wissenschaftler bringen ihre Methoden, Sprache und ihr Wissen mit. Die Chance dieser Zusammenarbeit bestand darin, sich von den Einschränkungen wissenschaftlicher Forschungsprotokolle und „Fakten“ loszusagen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Wir haben alle angestrebt, über die Grenzen unserer Disziplinen hinauszugehen und das gängige Verhältnis zwischen Künstlern und Wissenschaftlern aufzubrechen, das den einen meistens zum Beratenden und den anderen zum Ausführenden macht.

 

 

Was denkt Ihr, habt Ihr zum Diskurs über Böden beigetragen?

 

Wenn man die unterschiedlichen Aspekte von Böden – etwa als Ressource, als Schnittstelle zwischen dem Belebten und dem Unbelebten, als Archiv – bedenkt, ermöglicht unsere Arbeit es, die vielfältigen Realitäten von Erde zu erfassen, was, wie jeder von uns bestätigen kann, oft für den einzelnen Künstler oder Wissenschaftler allein schwierig ist. Wir glauben, dass das auch heißt, fernab „wissenschaftlicher“ Realitäten Wege zu entdecken und mit Böden zu leben, denn wir brauchen neue narrative Formen, um unsere städtische Existenz neu zu erfinden. Die Erkundung dieses „Zwischenraums“ hat das Potenzial, in Diskussion mit der Öffentlichkeit zu treten und weiterzugehen, statt nur eine Aussage zu treffen oder ein Problem zu lösen: Es geht darum, Menschen einzuladen, ihre eigenen Fragen zu stellen, sowohl als Individuum als auch als Teil der Gesellschaft.

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