Nº 282
Focus:

Google Soli

Interview: Jessica Krejci

Übersetzung: Stephan Ott

Simulation findet über den gesamten Designprozess Anwendung, so können nicht nur mögliche Fehler frühzeitig entdeckt werden, sondern auch neue Anwendungsgebiete für (innovative) Technologien erschlossen werden. Ein Beispiel hierfür ist das Soli-Projekt von Google: Ein speziell angefertigter Interaktionssensor nutzt hierbei ein (Hochfrequenz-)Radar zur Nachverfolgung von Handbewegungen um Produkte anzusteuern.

Die Gesten ahmen dabei Bewegungen aus unserer bekannten, physischen Welt nach, um Nutzern das Kommunizieren, Lernen und Erinnern der Abläufe leichter zu machen. Wir haben mit Leonardo Giusti gesprochen, Leiter des Designteams bei Google ATAP (Advanced Technology and Projects), das auch für das Soli-Projekt verantwortlich ist. Mit seiner Abschlussarbeit über Mensch-Computer-Interaktion an der Università degli Studi di Firenze, seiner Forschungstätigkeit am MIT sowie praktischen Arbeitserfahrungen bei Sano Intelligence und Samsung weist Giusti interessante Ansätze zur Nutzung von Simulation im Designprozess vor.

 

Mit Soli scheint es so, als würde die Realität durch Simulation ersetzt. Kann Simulation eine Vision für die Zukunft sein?

Ich denke, mit Soli haben wir eine interessante Sicht auf Simulation. Bei Soli haben wir Radartechnologie verwendet, um die menschliche Hand zu tracken und Gesten zu erkennen. Um den Menschen das Erlernen und Erinnern der Gesten zu erleichtern, haben wir sie als Simulation von physischen Werkzeugen konzipiert. Normalerweise versuchen wir, diese als etwas zu verankern, mit dem Menschen bereits vertraut sind, wie beispielsweise das Drücken einer Taste. Auch wenn Sie Interfaces aus historischer Sicht betrachten – nicht nur Soli, sondern auch andere Nutzerschnittstellen –, ist dies tatsächlich ein sehr typischer Ansatz. Denken Sie zum Beispiel an Touch-Benutzeroberflächen: Sie haben als skeuomorphe Simulation für die physikalische Realität ihren Anfang genommen. In den 1990ern sah ein Knopf noch wie ein Knopf aus, oder? Im Laufe der Zeit, als die Menschen mit dieser Art von Berührungsinteraktionen immer vertrauter wurden, konnte diese anfängliche Konvention gebrochen werden. Heutzutage muss eine Schaltfläche nicht mehr wie eine Schaltfläche aussehen. Dies gab dem Designer die Freiheit, neue Interaktionsmuster zu entwickeln, mit denen sich die einzigartige Qualität der zugrunde liegenden Technologie herausarbeiten lässt.

Ich glaube, dass Simulationen Designelemente im Kontext eines interaktiven Systems darstellen und im Wesentlichen eine temporäre Phase sind. Normalerweise geschieht dies zu Beginn des Prozesses, um die Menschen mit einer neuen Technologie vertraut zu machen. Mit der Weiterentwicklung der Technologie und zunehmender Vertrautheit der Menschen, beginnt sich die Simulation jedoch zu einer neuen Realität mit eigenen Regeln und Konventionen zu entwickeln. Dies ist großartig, da es dem Designer die Gelegenheit gibt, zu experimentieren und neue Möglichkeiten zu erkunden, die nur in diesem speziellen Medium existieren. So erreicht man meiner Meinung nach bessere und interessantere Designlösungen.



 

Lässt sich dies zurück in die physische Welt übersetzen?

Ich denke schon, dass es möglich ist, diese spezifische Interaktion, die man in einem anderen Medium entwickelt hat, zurück auf die physische Welt zu übertragen. Auf Soli bezogen, können wir die Inspiration, die durch das Design von Touch-Interfaces gewonnen wurde, nutzen, um neue Möglichkeiten zu finden, zum Beispiel um Simulationen von einem Medium auf ein anderes zu übertragen, wobei sie bei ihrer weiteren Entwicklung unterschiedliche Formen annehmen.

 

Aus Sicht der materiellen Realität scheint es so, dass unsere Welt zur virtuellen Realität wird. Denken Sie, dass deshalb die Simulation heutzutage eine wichtigere Rolle spielt?

Das ist eine sehr interessante Frage, über die ich auch schon einige Zeit nachdenke. Ich kann Ihnen hier nur meine persönliche Antwort geben: Kurz gesagt, würde ich sagen ja; ich denke aber nicht, dass dies eine Art sichere Simulation oder kollektive Halluzination ist, in der wir alle leben. Wenn Sie über die Entwicklung in den vergangenen Jahren nachdenken, stellen Sie fest, dass die Technologie zunehmend als eine Innovation betrachtet wurde, die es ermöglicht hat, Rechenfähigkeiten in Alltagsgegenstände einzubetten. Ich denke, dies wird unsere Denkweise und unsere Wahrnehmung der materiellen Realität verändern.

Zum Beispiel begreifen wir unsere materielle Realität in der Regel als unveränderbar; Sie kaufen ein Auto und seine Funktionen ändern sich im Verlauf der Zeit nicht. Bei Software ist das völlig anders: Wenn Sie neue Software kaufen, erhalten Sie Updates, sie kann verändert werden und ist tatsächlich anpassungsfähig. Wenn Hard- und Software in Produkten des täglichen Lebens zusammenkommen, glaube ich, dass der Unterschied zwischen der materiellen und der digitalen Welt in der Tat verschwindet und immer weniger relevant wird. Ein gutes Beispiel dafür ist Tesla: Sie ändern die Fahreigenschaften des Autos durch ein Software-Update. So kann die physische Erfahrung ein Auto zu fahren über Nacht geändert werden.

Man könnte sagen, dass unsere materielle Realität der virtuellen Realität irgendwie näher kommt. Das bedeutet, dass unsere Realität unausweichlich Möglichkeiten beinhaltet, die noch nicht zum Ausdruck gebracht worden sind. Die materielle Realität oder physischen Artefakte können sich im Laufe der Zeit verändern und sind nicht mehr fix. Sie müssen nicht dieselben sein wie zu dem Zeitpunkt, als sie die Fabrik verlassen haben, da sich die materielle Realität oder die materielle Erfahrung dieser Produkte auch nach dem Versand weiterentwickeln können. In diesem Sinne können wir also tatsächlich von einer Virtualisierung der materiellen Realität sprechen.



 

Dies generiert auch neue Möglichkeiten für den Lebenszyklus von Produkten.

Wenn Sie das Projekt tatsächlich hinsichtlich zukünftiger Möglichkeiten betrachten, können Sie über diese Neuentwicklung in programmierbaren Kontexten nachdenken und darüber, dass Sie die atomare Struktur eines Materials auch über Software steuern können. Wenn Sie ein Produkt kaufen, haben Sie also nicht nur ein Produkt, sondern etwas, aus dem viele verschiedene Dinge werden können, Dinge, die noch nicht artikuliert sind.

 

Wie würden Sie Simulation definieren?

Im Allgemeinen können wir Simulation als eine Art Nachahmung des Verhaltens eines Systems in einer kontrollierbaren Umgebung definieren, in der man einige Variablen ändern und dann sehen kann, was passiert. Normalerweise hat man ein Modell, das man studieren möchte, und anschließend realisiert man dieses Modell und beobachtet, wie es sich im Laufe der Zeit verhält. Es spielt keine Rolle, ob dies in einer Software-Umgebung oder in der realen Welt geschieht, solange man über ein Modell verfügt, das bestimmte Aspekte eines Systems repräsentiert und sich weiterentwickeln kann.

 

Im Grunde besteht das Ziel der Simulation also darin, Ihre Ideen zu testen?

Ja, im Grunde geht es darum, die Idee zu testen und versuchen zu verstehen, welche potenziellen Probleme und Möglichkeiten es gibt, bevor man das endgültige System realisiert.

 

Worin besteht in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen einem Prototyp und einer Simulation?

Ein Prototyp ist das Modell eines Artefakts oder Systems, das Sie studieren möchten. Eine Simulation ist, wenn Sie dieses Modell nehmen und in einen Wirkungszusammenhang setzen. Beim Entwurf interaktiver Systeme – das ist meine Tätigkeit – realisieren Sie dieses Modell normalerweise in Rückkopplung mit den  Benutzern. Wir verwenden diese Art der Simulation so, dass wir damit Probleme und Möglichkeiten in Bezug auf Menschen aufdecken.

 

Beginnen Sie immer mit einer bestimmten Frage?

Das ist eine Sache, die Sie tun können, wenn Sie einen Prototyp haben. Ich denke jedoch, dass wir Simulation auch auf unterschiedliche Arten in kreativer Weise im Entwurfsprozess einsetzen können. Bei Soli haben wir zum Beispiel die Simulation bereits angewendet, bevor das System in Betrieb war. Als wir versucht haben zu verstehen, welche Gesten sinnvoll wären, haben wir die Leute gebeten, diese Gesten über ein Gerät zu bestätigen. Um zu sehen, was sie in dieser spezifischen Situation tun werden, haben wir eine Person hinter den Kulissen versteckt, um die Geste mit dem Gerät zu simulieren – das ist eine typische Methode im Interaktionsdesign und wird als Wizard of Oz bezeichnet. Das hat uns dazu gebracht, diese andersartige Interaktion tatsächlich zu unterstützen, noch bevor das Engineering ein funktionierendes System fertiggestellt hat. Diese Vorgehensweise ist äußerst hilfreich, weil sie uns Designern helfen kann, die Art und Weise der Entwicklung der Technologie einzuordnen und zu beeinflussen.

 

Wie unterscheiden sich Prototypen und Simulationen von einem Experiment?

Wenn Sie über traditionelle wissenschaftliche Methoden und über die Art und Weise, wie Experimente in den Naturwissenschaften oder der Psychologie durchgeführt werden, nachdenken, würde ich sagen, dass sie einen Simulationsprozess beinhalten können oder auch nicht. Manchmal führen Sie Experimente durch, bei denen Sie zwei Bedingungen haben, und versuchen zu verstehen, ob sie Ihre Hypothese unterstützen oder nicht. In den Sozialwissenschaften können Sie jedoch die Simulation verwenden und die  Menschen auffordern, bestimmte Handlungen vorzutäuschen. Diese Art von Herangehensweise verwenden wir bei der Gestaltung von Interaktionssystemen hauptsächlich – wir bitten die Leute, etwas vorzutäuschen. Ich würde also sagen, dass Simulation eher eine Technik und ein Prozess ist und ein Experiment eher der Ansatz und die Methodik, mit der Sie Ihre Ergebnisse ableiten.



 

Wie real muss eine Simulation sein, um von den Anwendern als potenzielle Realität akzeptiert zu werden? Oder umgekehrt.

Ich glaube, solange Sie den richtigen Kontext setzen, spielt es keine Rolle, wie nah Ihr Prototyp oder Ihre Simulation an der Realität ist. Bei der Gestaltung von Schnittstellen verwenden Designer manchmal nur Prototypen aus Papier und bitten die Menschen, eine bestimmte Aufgabe zu simulieren. Menschen sind ziemlich gut im Vortäuschen. Aus der Sicht des Designs ist es wichtig zu verstehen, dass verschiedene Prototypen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wenn Sie sich dem Abgabetermin nähern, möchten Sie natürlich, dass die Genauigkeit Ihrer Simulation zunimmt und dem Endprodukt so nahe wie möglich kommt.

 

Würden Sie sagen, dass Design und Engineering Simulation anders definieren?

Die Simulation hängt immer von dem Bereich ab, in dem Sie sich befinden, aber meiner Erfahrung nach besteht für Interaktionsdesigner der Hauptunterschied darin, dass man normalerweise Simulationen in der Rückkopplung mit Menschen einsetzt. Für mich ist es wichtig, dass der Endnutzer Teil der Simulation ist. Ingenieure verwenden Simulationen, um die Eigenschaften eines Systems zu definieren und festzulegen, bei dem möglicherweise kein Mensch involviert ist. Bei Soli haben wir beispielsweise viel mit Simulationen gearbeitet, um zu testen, wie Menschen mit dem Radar interagieren; unsere Radaringenieure verwendeten Simulationen wiederum, um herauszufinden, wie sich das Radar in unterschiedlichen Gehäusen verhält.

 

Vielen Dank für das Interview.

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