60 Years of form
2014:

Wohin der Wege?
Designer 2014

Text: Stephan Ott

In der vergangenen Ausgabe haben wir uns mit der gegenwärtigen Situation des Designs befasst und vor allem das Fehlen eines klar definierten Disziplinenbegriffs mit seinen Folgen thematisiert. Im zweiten Teil unserer Schwerpunktserie fragen wir nun: „Designer Quo Vadis?“, widmen uns also den Protagonisten der Disziplin.

Und stellen fest: Es gibt Gestaltungsbereiche ohne Designer, es bleibt weiterhin eine Differenz zu konstatieren, die spätestens mit dem Werkbundstreit von 1914 unter den Begriffen Individualisierung und Typisierung ihren Anfang nahm, und Designer haben, wenn sie denn wollen, eine aufgabenreiche Zukunft vor sich.



 

„Ich weiß auch, dass in dem Moment, in dem der Improvisierer sein Werkzeug niederlegt und den Job als getan erklärt, meine Arbeit als Industriedesigner gerade erst anfängt.“ [1: Zitiert nach: Dirk Schmauser, Design by F. A. Porsche, Eine Design-Zeit / 1972–2004, Eigenverlag, 2013, S. 63f. ]
Simon Fraser, Designer

 

Designer 2014 – Zwischen Makern und Ingenieuren

Nahezu jede Branche kennt das Phänomen. Immer dann, wenn eine bis dahin nur den Profis vorbehaltene Technologie den Konsumentenbereich erreicht, dauert es nicht lange, bis eine Revolution ausgerufen wird. Beim 3D-Drucker, der vorgeblich viele unserer (gestalterischen) Probleme mit einem Schlag zu lösen in der Lage ist, ist das nicht anders. Zumindest lassen die zahlreichen Ausstellungen, Messen [2: Die erste Maker World („Das Event rund ums Machen, Tüfteln und Gestalten“) wird am 28. und 29. Juni 2014 in Friedrichshafen stattfinden.] oder Symposien [3: Die Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF) widmete ihre diesjährige Jahrestagung unter dem Titel „Die Politik der Maker“ am 22./23. November an der HFBK Hamburg dem Thema.] in jüngster Zeit diesen Schluss zu. Von einer Kultur oder gar Bewegung der Macher (Maker Culture/ Movement) ist die Rede, die im Begriff seien, das Design zu revolutionieren, denn zukünftig würde die Herstellung von Ersatzteilen oder Kleinserien zu erschwinglichen Preisen kein Problem mehr darstellen. Schon ein kurzer Blick in die Geschichte genügt jedoch, um diese Revolutionsthese zumindest zu relativieren. Das Verfügen über die entsprechenden Ausgabegeräte hat das Arbeiten zwar erleichtert, jedoch noch nie von Konzeption, Kreation und Umsetzung entbunden. Ob Film, Musik oder Text, konsistente Inhalte mussten und müssen weiterhin vom Profi gedreht, komponiert und formuliert werden.

Auch der nun für jedermann erschwingliche 3D-Drucker wird das nicht ändern: Gute Produkte werden nach wie vor eines von einem professionellen Designer gestalteten Entwurfs oder einer Datei bedürfen. Auszusetzen gibt es an der Machergemeinde, die im Grunde eine Amalgamierung der bekannten Do-it-yourself-Bewegung und der Hackerszene ist, nichts. Nur eines bleibt festzuhalten: Maker sind, auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis, Tüftler und Bastler, aber eben (noch) keine Designer. Auch auf der entgegengesetzten Seite – in der Welt hochkomplexer, industrieller Fertigung – gibt es Bereiche, in denen Gestaltungsprozesse ohne jegliche Beteiligung von Designern stattfinden. Hier sind Ingenieure am Werk, die neben der technischen Entwicklung die Gestaltung gleich mit übernehmen. Das betrifft vor allem technikgetriebene, eher konsumentenferne Branchen wie etwa das Militär- oder Baumaschinenwesen, aber auch die Architektur, was keinen Widerspruch darstellt, denn auch Architekten sind – oder waren es bis zum Bologna-Prozess – studierte Ingenieure. Der Sachverhalt lässt sich historisch ableiten – Ingenieure (ital. ingegnere: Kriegsbaumeister) waren bis ins hohe Mittelalter hinein allein für die Militärtechnik zuständig und gelten vielen bis heute als die eigentlichen Schöpfer der Dinge (ableitbar von lat. ingenium: Scharfsinn, Erfindergeist). Designer treten in der Geschichte meist erst dann auf den Plan, wenn die Technik entweder ausgereift ist und/oder als alleiniges Differenzierungsmerkmal nicht mehr ausreicht; die Automobilindustrie ist hier ein gern zitiertes, immer noch aktuelles Erfolgsbeispiel.



 

Designer 1914 – Individualisierung versus Typisierung

1914 entfachte der Architekt und einer der Wegbereiter des Industriedesigns Hermann Muthesius innerhalb des Deutschen Werkbundes eine heftige Designdebatte. Muthesius sprach sich für eine auf die Bedürfnisse der Industrie zugeschnittene Typisierung des Designs aus, was zu heftigen Protesten der Künstler innerhalb des Werkbundes führte. Allen voran der Maler und Protagonist der angewandten Kunst Henry van de Velde vertrat die Gegenposition, indem er eine stärkere Individualisierung des Designs forderte. [4: Vgl. u. a. Angelika Thiekötter: „Der Werkbund-Streit“, in: Wulf Herzogenrath u. a. (Hrsg.), Die Deutsche Werkbund-Ausstellung Cöln 1914, Köln, 1984, S. 78–94.] Auch wenn diese Debatte längst abgeflaut ist, weil sich beide Richtungen ihre jeweilige Daseinsberechtigung nicht mehr absprechen, lassen sich heute zwei, auf diese beiden Positionen zurückzuführende Grundtypen von Designern identifizieren. Zum einen die Autorendesigner, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Erfolg und Misserfolg hängen bei ihnen eng damit zusammen, wie und von wem sie wahrgenommen werden, ob sie es schaffen, über einen längeren Zeitraum auch die Aufmerksamkeit anderer Öffentlichkeit(en), jenseits des Establishments der eigenen Branche, zu erlangen. Für ihre Auftraggeber sind sie dann von besonderem Interesse. Diese sind vor allem Unternehmen aus den Bereichen Möbel, Konsumgüter, Mode, aber auch Editorial Design, in denen Namen und Image der Designer mittlerweile eine ähnlich wichtige Rolle spielen wie das Produkt oder dessen Hersteller/Herausgeber selbst. Die Anforderungen, die an diese als Autoren tätigen Designer gestellt werden, sind am ehesten vielleicht mit den Anforderungen an Popstars zu vergleichen. Die Designer des zweiten Grundtyps stehen eher selten in der Öffentlichkeit, machen sich vielmehr in einem speziellen, industriell geprägten Fachgebiet einen Namen, in dem es vor allem auf Kooperation mit Angehörigen anderer Fachdisziplinen (zunehmend Biologen, Mediziner und eben auch Ingenieure) ankommt. Zwischen diesen beiden Grundtypen, dem Autorendesigner einerseits, der – vereinfacht gesagt – einen Stuhl für einen bekannten Hersteller entwirft, und dem Designer eines Somatom CT-Scanners andererseits, sind alle Schattierungen existent. Gestalter, die zunächst anonyme Inhouse-Designer sind, deren Unternehmen aber zu einem bestimmten Zeitpunkt unter zunehmendem Differenzierungsdruck des Marktes steht und nun dringend Autoren für das Marketing benötigt. Jonathan Ive, Chefdesigner von Apple, ist ein Beispiel dafür. Andere sind bereits Stars des Showgeschäfts, stehen schon im Rampenlicht und werden nun zu Designern. Victoria Beckhams Engagement für Land Rover [5: Im Jahr 2010 beauftragte Land Rover Victoria Beckham mit dem Interior Design des Range Rover Evoque.] wäre hier unter anderem zu nennen. [6: Das Phänomen ist keineswegs neu – schon der Schauspieler Alain Delon firmierte 1972 als Designer einer Möbelserie für das Pariser Unternehmen Maison Jansen –, es tritt heutzutage nur immer häufiger auf.]

Stephen Burks, Designer aus New York, wiederum versucht den umgekehrten Weg zu gehen, den vom Autorendesigner, als der er seine Karriere begann, zum „Collaborative Designer“. Er, der es in oben angesprochenem Sinne zu einer gewissen öffentlichen Bekanntheit gebracht hatte und der mit dieser Welt oftmals einhergehenden Schlichtheit als „Tiger Woods of Design“ oder „Barack Obama of Design“ bezeichnet wurde, denkt um. 100 Prozent der Autorenentwürfe („signed design“) seien, so Burks, für 8 Prozent der Weltbevölkerung gedacht und gemacht. [7: Stephen Burks in seinem Vortrag im Rahmen des Alvar Aalto-Seminars am 25. August 2013 in Jyväskylä, Finnland.] Burks hat daraus seine Konsequenzen gezogen. Er sieht seine Zukunft als Designer nach eigener Aussage zukünftig in der Zusammenarbeit mit anderen, nicht mehr in der Glamourwelt. Davon abgesehen, ob und inwieweit Burks diesen Weg konsequent beschreiten wird, entscheidend ist, dass er sein bisheriges Selbstverständnis als Autorendesigner öffentlich infrage stellt und damit einen Bewusstseinswandel vollzieht.

 

Designer 2014 – Eine Perspektive
(Fazit 2) [8: Fazit 1 in: „Wohin der Wege? Design 2013“, in: form 250, S. 40.]

Interessant könnte nämlich die aus einem solchen Bewusstseinswandel resultierende Frage sein, ob sich neben den oben beschriebenen Grundtypen zukünftig ein dritter Designertypus entwickelt beziehungsweise ob nicht dessen Ausbildung aktiv vorangetrieben werden muss. Produkt- und Markendifferenzierung mag das Ziel von Managern und Strategen sein. Die Arbeit von Designern erschöpft sich jedoch nicht allein in der gestalterischen Entwicklung beziehungsweise Differenzierung von Werkzeugen, was bei genauerer Betrachtung fast immer und ausschließlich die bloße Gewinnmaximierung zum Ziel hat. Das Potenzial des Designers liegt vielmehr auch in der Entwicklung des Gemeinwesens, ein Ansatz, der ebenfalls nicht neu ist, sondern die Disziplin seit ihren Anfängen begleitet, es jedoch bisher nicht zum notwendigen Ansehen gebracht hat. Die Philosophin und Soziologin Frigga Haug hat kürzlich in einem bemerkenswerten Text auf das Verhältnis von gesellschaftlichem Fortschritt durch die Entwicklung von Werkzeugen einerseits und von Fürsorge andererseits hingewiesen. „Vieles in der Geschichte, insbesondere alles, was schiefgelaufen ist in den Erfindungen bis zur Hochtechnologie, spricht dafür, dass es zum Überleben der Menschen dienlich ist, wenn nicht alle den technologischen Fortschritt als ihren eigenen Entwicklungsweg einschlagen. Jemand muss schließlich die fürsorgende Arbeit am Rande der Gesellschaft übernehmen.“ [9: Frigga Haug, „Die Illusion vom Gemeinwesen – Über Geschlechter, Werkzeuge und den Schritt in eine andere Gesellschaft“, in: TAZ am Wochenende, 16./17. November 2013, S. 11.] Nach Haug, und das ist nicht von der Hand zu weisen, haben diesen „fürsorgenden“ Part bisher überwiegend Frauen übernommen und übernehmen ihn bis heute zum größten Teil. Es wäre mehr als eine Überlegung wert, ob hier nicht eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben von Designern, weiblichen wie männlichen, liegt: Der Gestaltung von Fürsorge zu gleichem Gewicht und gleicher Wertschätzung zu verhelfen, wie der Gestaltung von Werkzeugen jeglicher Art.

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