15. Mai 2018

News

Nachruf Alexandre Wollner 
(1928–2018)

Text: Klaus Klemp

Paul Rand kennt jeder, Otl Aicher auch. Sie waren fraglos herausragende Gestalter. Nicht zuletzt aber sind sie auch deshalb so sehr im kollektiven Gedächtnis verhaftet, weil sie Corporate Designs für weltweit bekannte Marken entworfen haben. Der eine für IBM, der andere für die Lufthansa. Alexandre Wollner kennt in Europa kaum jemand, obwohl er sich mit diesen beiden durchaus auf Augenhöhe bewegte. Allerdings hat er ausschließlich für brasilianische Unternehmen gearbeitet, die hier nun wieder niemand kennt. So ist das mit der Prominenz im Designgeschehen.



 

Der brasilianische Grafikdesigner Alexandre Wollner, geboren am 16. September 1928 in São Paulo ist im Alter von 89 Jahren am 4. Mai in São Paulo verstorben. Wollner war in Südamerika einer der einflussreichsten Vertreter einer modernen Gestaltung der 1960er- bis 1980er-Jahre. Ausgebildet an der HfG Ulm und zeitweise Assistent von Otl Aicher, hat er als erster ein ebenso funktionales wie ästhetisches Grafikdesign der Moderne in Brasilien begründet. Als Hochschullehrer und aktiver Entwerfer war Alexandre Wollner einflussreiches Vorbild für mehrere Generationen südamerikanischer Gestalter und dort kennt ihn jeder.

Als junger Kunststudent wurde Wollner vor allem durch die europäischen Konkreten beeinflusst. Zur Ersten Nationalausstellung für Konkrete Kunst, die 1956 in São Paulo und im folgenden Jahr in Rio de Janeiro gezeigt wurde, war er mit freien und angewandten Arbeiten vertreten.



 

Zuvor, im Jahr 1954 wurde Alexandre Wollner von Max Bill als Stipendiat nach Ulm eingeladen und erhielt dort eine für ihn nicht ganz neue, aber doch radikale Gestaltungsausbildung. „Es war eine Explosion, mein Leben veränderte sich vollständig, ich wurde ein anderer Mensch“, sagte er ein halbes Jahrhundert später im Interview.

Nach seiner Rückkehr nach Brasilien übernahm er dort im Jahr 1958 mehrere große Aufträge für ein Corporate Design, unter anderem für das Textilunternehmen Argos Industrial, für die Fischfabrik Sardinhas Coqueiro, den Aufzughersteller Elevadores Atlas oder den Möbelhersteller Móveis UL (Unilabor). Wollners Arbeiten hatten dabei immer einen direkten Bezug zu den Tätigkeitsbereichen oder Produkten der Unternehmen. Und sie waren frei von jeglichem Lokalkolorit. Das, was die Architektur seinerzeit als „International Style“ bezeichnete, fand sein Pendant in diesen grafischen Arbeiten Alexandre Wollners – Arbeiten, die er in den folgenden Jahren in einem Umfang produzierte, wie ihn kaum ein anderer Grafikdesigner auf diesem Gebiet hervorgebracht hat. Dabei folgten Wollners Entwürfe in keiner Weise einem Schema oder festen Raster, sondern waren immer höchst originell und selbständig. Es gibt daher keinen Wollner-Stil: „Manche sagen, ich würde sehr geometrisch arbeiten, aber ich benutze keine Geometrie. Ich benutze Relationen, Proportionen und Modulationen.“

Wollner war beteiligt an der Gründung und Ausrichtung der Escola Superior de Desenho Industrial (ESDI), der Hochschule für Industriedesign in Rio de Janeiro. Zusammen mit Karl Heinz Bergmiller, unterrichtete er an der neuen Hochschule und brachte Erfahrungen aus seiner Studienzeit in Ulm ein. Richard Paul Lohse, Josef Müller-Brockmann und Hans Neuburg in der Schweiz, Anton Stankowski und Otl Aicher in Deutschland, Willem Sandberg und Wim Crouwel in den Niederlanden oder Paul Rand in den USA bildeten den personellen und gestalterischen Bezugsrahmen der Arbeit von Alexandre Wollner. Zu vielen dieser Grafikdesigner hatte Alexandre Wollner persönliche Kontakte aufgebaut und gepflegt.



 

Seine Gestaltungshaltung war eine klare, ahistorische, rationale wie auch höchst ästhetische Formgebung, die sich mehr am Internationalen als am Nationalen orientierte. Als Mitbegründer des ersten brasilianischen Designbüros auf Höhe der internationalen Gestaltungsmoderne sowie einer zeitgemäßen Designausbildung in Brasilien und als Urheber vieler Kommunikationssysteme der brasilianischen Wirtschaft hat Alexandre Wollner seinen festen Platz in der Designgeschichte.

Das Museum Angewandte Kunst hatte 2013 eine umfangreiche Retrospektive zu Alexandre Wollner in Frankfurt gezeigt und diesen hochkarätigen Gestalter auch in Deutschland zumindest ein wenig bekannt gemacht. Zuletzt waren 2017 Entwürfe Wollners in der Ausstellung „Logo – Die Kunst mit dem Zeichen“ im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt zu sehen. Der begleitende Katalog mit einem Interview Wollners ist im Verlag Surface, Frankfurt am Main, erschienen und hier erhältlich.

„Kollektives Wohlbefinden – das ist die Funktion von Design“, so lautete das Credo von Alexandre Wollner.



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