26. September 2019

Dossiers

Triumph der Provinz / Hidden Champions

 

Was ist das Besondere an der Dregeno?

 

Dregeno ist eine alteingesessene Seiffener Handelsgenossenschaft – die Genossenschaft der Drechsler und Holzspielzeugmacher. Wir handeln Holzkunstprodukte, die unsere rund 120 Mitgliedsunternehmen produzieren. Das Spektrum reicht dabei von klassischer und moderner Weihnachtsdekoration über Raum und Tafelschmuck bis hin zu Holzspielzeug und Bastelsätzen. Unser genossenschaftlicher Auftrag ist die wirtschaftliche Förderung unserer Mitglieder. Dafür unterhalten wir das größte Depot der Branche inklusive Exportlogistik, acht eigener Fachgeschäfte, eines Showrooms in Seiffen und Atlanta und Onlineshops für Endkunden und Wiederverkäufer. Unsere Kunden stammen zum Großteil aus Deutschland, den USA und Japan. Diese Kunden schätzen vor allem unseren direkten Kontakt zum Handwerk, unsere lokale Authentizität und unsere Zuverlässigkeit.

 

Warum suchen Sie junge Designer, und welche Gestaltungsmöglichkeiten hätten neue Produktgestalter in Seiffen jenseits von Weihnachtspyramiden und Räuchermännchen?

 

Die erzgebirgische Holzkunst ist eine erstaunlich beständige Produktkategorie. Wir führen in unseren Läden gerade neue Label ein: „Original seit 30, 70, ... 100 Jahren“. Unsere Kunden schätzen Klassiker – die alten Seiffener Originale. Auf der anderen Seite hat sich aber mit Vorreitern wie Björn Köhler und Sternkopf eine absolut moderne Spielart der traditionellen Motive entwickelt. Und es geht darüber hinaus: Es gibt viele Holzkunstprodukte, die nichts mehr mit der traditionellen Erzgebirgskunst zu tun haben, außer dass sie hochwertig aus Holz gearbeitet sind. Beides hat sich etabliert, steht gleichberechtigt nebeneinander und verkauft sich.            

Wir stehen aber hier oben im Erzgebirge vor einem beispiellosen demografischen Umbruch. Es gibt nur wenige Firmennachfolger und Kreative, die dieses Feld weiter beackern. Unsere Vertriebsstrukturen sind auf der Suche nach zukünftiger Auslastung. Vor allem die Bereiche jenseits der Weihnachtsware brauchen neue Impulse. Ich sehe das Potential der „schönen Dinge aus Holz“ bei weitem nicht ausgeschöpft. Zumal einschneidende Ereignisse wie der demografische Umbruch immer Chancen bieten. Es traut sich aber kaum jemand, hier oben eine Werkstatt zu übernehmen – oder weiß es nur keiner?



 

Was hat Seiffen Industriedesignern zu bieten? Gibt es eine langfristige Perspektive für sie?

 

Ich bin selbst Designerin und habe vor zehn Jahren in Seiffen Produktentwicklungslehrgänge für die Genossenschaftsmitglieder angeboten. Jeder Teilnehmer konnte sein Produkt mit mir gemeinsam ausentwickeln. Manchmal haben wir auch etwas ganz Freies und Neues gemacht, was zum Sortiment und den Produktionsmöglichkeiten des jeweiligen Handwerkers passte. Hier gibt es unglaublich tolle Handwerker, die Produktentwicklungen optimal umsetzen. Aber neue Kundengruppen zu bespielen, neue Designs zu entwickeln, neue Materialien einzusetzen oder die vielen Möglichkeiten mit Licht zu spielen – das ist schwer, wenn man auf ein bestimmtes Produktspektrum ausgerichtet ist. Viele Handwerker sehen, dass sie neue Ideen für ihre Sortimente brauchen. Wie überall wird hier für die Entwicklung von Designs bezahlt. Partnerschaften und Beteiligungen an Produkten sind aber genauso denkbar. Auch reine Auftragsfertigung von Produkten, die ein Designer selbst vertreiben möchte, ist in Seiffen nicht unbekannt.

Das attraktivste Modell wäre, wenn sich Kooperationen zwischen Design und Handwerk ergäben, die über unsere etablierten Holzkunst-Vertriebskanäle online und im stationären Handel vermarktet werden könnten. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sprechen wir aber mittlerweile auch Firmenübernahmen offen an. Selbst auf politischer Ebene ist man dafür sensibilisiert, denn Sachsen ohne Weihnachtsland geht einfach nicht.

 

Was wird unternommen, um Hochschulabsolventen für Seiffen zu gewinnen?

 

Die Genossenschaft hat für das Sommersemester eine erste Kooperation mit Schneeberg angebahnt, die im Bereich Spielzeug angesiedelt sein soll. Das ist für uns ein erster Schritt, Designer für das Holz und die Möglichkeiten unserer Branche zu begeistern. Wobei in Seiffen der Life-Kontakt mit den Handwerkern und Werkstätten stattfindet.

Ich möchte persönlich auch gern Wissen über Kalkulation, Unikat- und Massenproduktion, Qualitäten und Kaufverhalten transportieren, die ich in meinem Studium vor 20 Jahren vermisst habe. Dieses Format auch auf andere Hochschulen auszuweiten und damit ein wenig experimenteller zu werden wäre mein Traum. Langfristig wünsche ich mir, das dadurch Kooperationen und Freundschaften entstehen, die am Ende vielleicht zu Firmenübernahmen führen.



 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Dregeno?

 

Wir investieren gerade vor allem in unsere digitalen Vertriebsstrukturen. Es gibt eine große Anzahl von Handwerkern, die nicht am digitalen Handel teilnehmen können, weil ihnen die Ressourcen fehlen. Digitaler Handel beschränkt sich heute nicht mehr auf einen eigenen Webshop und ein gutes Google-Ranking. Getreu unserem Motto „aus dem Wald in die Welt“ wollen wir unsere Plattform für nachhaltige Produkte „erzgebirgischer Lebensart“ öffnen und diese Handwerker beziehungsweise Hersteller mitnehmen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, das die erzgebirgische Holzkunst weiterlebt – neu beseelt – aber im Kern doch so original wie unsere Originale hier vor Ort einfach sind.

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