28. September 2017

News

Frau Architekt

Text: Jörg Stürzebecher

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

30. September 2017 – 8. März 2018

dam-online.de

 

Das ist ein provokanter Titel, nicht Frau Architektin, nicht ArchitektIn, nicht Architekt_in, sondern einfach: Frau Architekt. So sprach man vielleicht in den 1920er-Jahren, aber die Political Correctness hat solche weiblichen Vorsätze zu männlichen Berufen zur sprachlichen Unzulässigkeit erklärt. Doch passt der Titel zu einer Ausstellung, die erstmals die Bedeutung von Architektinnen in Deutschland „seit mehr als hundert Jahren“ beleuchtet.



 

Allein dafür ist die Initiative des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und der Kuratorinnen Mary Pepchinski und Christina Budde nicht nur zu loben, sondern zu preisen, denn während die Recherchen und Ausstellungen zu Frauen in Kunst und Design längst, wenn auch nicht Standard, so doch Bestandteil der Kulturvermittlung geworden sind, gibt sich die Architekturgeschichtsschreibung davon weitgehend unbeeindruckt. Sicher, einige Amazonen oder Heroinen – die Begriffe verweisen schon auf die männliche Geschichtsschreibung – werden immer wieder genannt, Charlotte Perriand und Zaha Hadid, in der Schweiz noch Lux Guyer, aber sonst zitiert „mann“ doch gerne entsprechend den Bilderwitz des Simplicissimus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts über die „Malweiber“: „Die einen wollen heiraten, und die anderen haben auch kein Talent.“

Dass dem nicht so ist und so nie war, hat sich das DAM nun zur Aufgabe gemacht zu zeigen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie Christina Budde betont: Eine Ausstellung „Frau Architekt, Folge zwei“ ist sicherlich denkbar. Doch was ist bei dieser Schau mit der Aufgabe, Architektur von Frauen in Deutschland vorzustellen, zu sehen? Arbeiten und Dokumente der in der Kaiserzeit studierenden Architektinnen Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger, natürlich die Frankfurter Hausheilige Margarete Schütte-Lihotzky und die zeitgleich vor Ort arbeitende, in Offenbach ausgebildete Lucy Hillebrand, Bauhäuslerinnen wie Lotte Stam-Beese und Lilly Reich und Exilantinnen wie Karola Bloch und Lotte Cohn. Dass als Kontrapunkt zu diesen der Moderne verpflichtenden Architektinnen auch Gerdy Troost, die nach dem Tod ihres Mannes von Hitler ausdrücklich gebilligt das „Haus der Deutschen Kunst“ fertigstellte, nicht fehlt, ist bemerkenswert, zumal Troost auch für Hitlers Berghof Entwürfe lieferte und in der Propaganda des rassistischen und zutiefst frauenfeindlichen NS-Regimes neben Hanna Reitsch und Leni Riefenstahl technokratische Alibifunktionen für die Verbrechen gegen die Menschheit erfüllte.

Die deutsche Nachkriegszeit ist unter anderem mit dem GEDOK-Haus in Stuttgart von Grit Bauer-Revellio angemessen vertreten. Schade nur, dass der am gleichen Ort wirkenden Herta Maria Witzemann, immerhin bereits in den 1950er-Jahren mit einer Innenarchitekturprofessur an der dortigen Akademie versehen, kein Platz eingeräumt wird, auch wenn es dafür angesichts der unglücklichen Anpassung der Kanzlerbungalow-Inneneinrichtung für Kurt Georg Kiesinger sicherlich Argumente gibt. Auch ist es – nicht nur aus aktuellen Gründen – zu bedauern, dass die in Nordkorea wirkenden Architektinnen, die aus Ost-Berlin entsandt wurden, keine Berücksichtigung finden. Auch findet die Arbeit von Alison Smithson für den Möbelhersteller Tecta in Lauenförde, ein Ensemble, das in seiner Bedeutung problemlos mit der Vitra-Show-Architektur mithalten kann und das eigentliche Spätwerk der Brutalismus-Begründer Alison und Peter Smithson darstellt, leider keine Erwähnung.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass der Innenraum des Hauses im Haus des DAM im ersten Stock, das Vorzeigezimmer der Beletage gewissermaßen, von den Kuratorinnen und der Ausstellungsarchitektur zum „Frauenzimmer“ erklärt wurde. Entwickelt das DAM also auf einmal Ironie, was schon die „Bildungstapete“ der Ausstellung „Best of DAM Architectural Book Awards“ vermuten ließ? Und was ist dann erst bei der demnächst zu eröffnenden Brutalismus-Ausstellung zu erwarten: Louis Kahn, Le Corbusier und Peter Smithson etwa als gegossene Büsten, Betonköpfe eben? Man darf gespannt sein.

Doch wieder zur aktuellen Ausstellung. Die wird am 29. September 2017 prominent eröffnet und von einem enorm umfangreichen Begleitprogramm begleitet. Also unbedingt hingehen, zur Eröffnung, und auch sonst.

 

 

Jörg Stürzebecher

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