Interview mit Simon Kinneir:
The Leaven Range

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Die Vereinten Nationen verabschiedeten 2006 die Behindertenrechtskonvention, deren Grundsatz eine vollständige Inklusion aller Menschen in die Gesellschaft umfasst. Die Realität sieht jedoch so aus, dass das Bewerkstelligen von Aufgaben im Alltag – ohne die Hilfe von Anderen – etwa für Blinde und Sehbeeinträchtigte in einem Umfeld, das auf die Bedürfnisse von Sehenden ausgerichtet ist, weiterhin eine Herausforderung darstellt. Um diesen täglichen Barrieren entgegenzuwirken, entwickeln Designer Produkte und Dienstleistungen, die das Leben der entsprechenden Zielgruppe erleichtern und zu mehr Unabhängigkeit verhelfen sollen.


 

In seinem letzten Studienjahr am Royal College of Art in London hat sich Simon Kinneir den Problemen sehschwacher Menschen bei der Verwendung von alltäglichen Produkten angenommen. Die daraus entstandene Serie von Küchenutensilien setzt sich mittlerweile aus neun Prototypen zusammen, die nicht nur praxistauglich sind, sondern im täglichen Umgang auch Vergnügen bereiten und zu mehr Unabhängigkeit führen sollen. Wir haben dem Produktdesigner Fragen zu dem Konzept und der Idee seines Studienprojektes gestellt. 




Wie bist Du auf die Idee gekommen, Küchenprodukte für Sehbeeinträchtigte zu entwickeln?

 

Ich bin auf einem Auge sehbeeinträchtigt, was mein Interesse bestärkt hat, meine Tätigkeit als Designer dazu zu nutzen, Situationen zu verbessern, die eigentlich komplettes Sehvermögen verlangen; ob beim Benutzen des Telefons, beim Verstehen von Beschilderungen oder beim Tee machen. Selbstbewusstsein in der Küche hat sich nachweislich als wichtige Möglichkeit herauskristallisiert, um Unabhängigkeit und Wohlbefinden der Leute zu fördern.

Die Küchenprodukte sind aus der Forschungsarbeit mit Menschen zum Zeitpunkt der Verschlechterung ihrer Sehkraft entstanden. Ich habe mit den Leuten über ihre Erfahrungen im Alltag diskutiert: beispielsweise die Aufgaben in jedem Zimmer des Hauses, welche Sinne sie dazu nutzten und wie. Darüber hinaus habe ich einen Tag damit verbracht, die totale Blindheit zu simulieren, um mir das Gelernte bewusst zu machen.

 

 

Worin unterscheidet sich die Entwicklung von Produkten für Blinde und Sehbeeinträchtigte von denen für Menschen mit uneingeschränkter Sehkraft? Was muss von Designern berücksichtigt werden?

 

Hinsichtlich des Unterschieds ist es wichtig zu verstehen, dass sensorische als auch körperliche Bedingungen variabel sind: sie kommen und gehen beispielsweise mit der Tageszeit oder der Umgebung. Daher muss eine Lösung gleichermaßen den Geschmack der Leute ansprechen als auch verwendbar sein. Ich würde Designer darin bestärken, die Kreativität und Fähigkeit der Menschen sich anzupassen, anzuerkennen und ebenfalls, dass Inklusion geschmackvoll sein kann. Besonders die Anforderungen des partiellen Sehvermögens, denke ich, sollten Konsistenz berücksichtigen. Bezüglich der Produkte würde ich Gebrauch von kommunikativen Hinweisen machen: sowohl materieller Art (zum Beispiel Veränderungen der Temperatur, Oberflächenstruktur oder des Sounds) als auch umgebungsbedingter (zum Beispiel natürliche Kontraste). Diese Produkte zielen darauf ab, den Menschen während einer Tätigkeit Sicherheit zu geben, ohne darauf angewiesen zu sein zu „beobachten, was man tut“, indem die sinnliche wahrnehmbare Rückkopplung, die diesen Tätigkeiten ohnehin innewohnt, verstärkt wird, oder passive taktile Hinweise gegeben werden.




Welche wesentlichen Herausforderungen und Probleme hattest Du?

 

In der Recherchephase ist vor allem die Zeit eine Herausforderung – Menschen zu finden und sich mehrmals mit ihnen zu treffen. Dennoch zahlt es sich immer wieder aus, Menschen ins Boot geholt zu haben und bis zur wertvollen Erkenntnis durchzuhalten. In der Produktion von The Leaven Range war die wesentliche Herausforderung, das Gegengewicht für den Krug richtig hinzubekommen – besonderer Dank geht hierbei an meinen Bruder.

 

 

Welches Produkt der Serie ist Dein Favorit?

 

Drei Produkte sind „aktiv“, sie reagieren auf die Tätigkeit des Benutzers – der Krug, der Becher und der Kochstellenschutz. Obwohl er eher skulptural als ergonomisch ist, ist der Krug mein Favorit; da er geometrisch ist, sich graziös verhält und zudem die Gestaltungsabsicht sehr deutlich kommuniziert.

 

 

Wie können Designer helfen, die täglichen Herausforderungen von Blinden und Sehbeeinträchtigten zu vereinfachen?

 

Menschen sollten sich hauptsächlich wohl dabei fühlen, Dinge selbstständig in derselben Umgebung wie andere Leute zu tun – ohne dass es dabei offenkundig wird. Da Menschen anpassungsfähig sind, bedeutet eine Herausforderung folglich, dass entweder die Umgebung oder das Produkt nicht anpassungsfähig sind. Daher finde heraus, ob Deine Auffassung von Herausforderungen und Prioritäten bezogen auf das Sehvermögen präzise sind oder auf Annahmen basieren. Wenn es Richtlinien gibt, entwickle ein Verständnis dafür, warum sie existieren und was sie sagen: habe das Vertrauen kreativ zu sein. Nimm in Deinem Alltag die Momente zur Kenntnis, in denen Du Symptome des Sehkraftverlustes erlebst, beispielsweise, wenn Du im Dunkeln etwas suchst, die Brille absetzt oder mit einer sehr hohen Vergrößerung arbeitest. Im Besonderen: Kontraste sind nützlich, der unabhängige Zugang zu Texten und Informationen ist essenziell und auch der Stil ist wichtig.




Du arbeitest im The Helen Hamlyn Centre for Design am Royal College of Art in London. Worauf liegt Dein aktueller Forschungsschwerpunkt?

 

Gerade habe ich mit meiner Kollegin Elizabeth Roberts ein Jahr damit verbracht, Forschungen zu Sehhilfen mit erblindenden Jugendlichen (im Alter von 12 bis 18 Jahren) durchzuführen. Insbesondere diese Altersgruppe neigt dazu, immer weniger hilfestellende Produkte während ihrer Jugendjahre zu nutzen. Dem sollte entgegengewirkt werden um ihr noch vorhandenes Sehvermögen während dieser wichtigen Phase zu erhöhen.

 

 

 

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Dossier
Inklusives Design
Jahr
2016
Disziplin
Industriedesign, Produktdesign
Ausgabe
form Nº 268 (hidden)
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Text: Marie-Kathrin Zettl