9. Mai 2018

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Nachruf Ludwig Harig
(1927–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

„Es kam eine andere Zeit. Frankfurt fiel in Schutt und Asche. Der Führer vom Dienst stürmte durch die Flure, seine Stiefel hallten auf den Fliesen, seine Trillerpfeife gellte durch das Haus. Auf Lastkraftwagen fuhren wir in halber Nacht aus Idstein hinaus auf die Autobahn, rochen vor Höchst schon den Trümmerdunst, gerieten hinter Rödelheim in den beizenden Rauch der Stadt.“



 

„Es war ein klägliches Unterfangen, ein vergebliches Stochern im Schutt, dieses Räumen in Trümmern, in denen nichts heil geblieben war als nutzloser Plunder, eitler Kram. Mit den Füßen traten wir stehengebliebene Mauerstücke um, mit Betonbrocken schlugen wir auf stählerne Geldschränke ein, plünderten in halbverkohlten Bibliotheken, stahlen Briefe und Bücher. […] An einer Ecke sahen wir einen Juden stehen, es war ein alter Mann mit Bart und Brille, er trug ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf und an der Steppjacke aufgenäht den gelben Stern. Ich sah ihn an und wußte nicht, was ich denken sollte. Einer sagte zu Kurt Groth: ‚Du kannst hingehen und ihn anspucken, niemand wird dich daran hindern.‘ Kurt rührte sich nicht vom Fleck.“



 

Oft habe ich vor Jahren, als die Imitation der Frankfurter Altstadt noch zur Diskussion stand, diese Beschreibung aus Ludwig Harigs autobiografischem Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ zitiert, als Begründung dafür, warum es diese Altstadt nicht mehr gibt und ein Neubau Geschichtsfälschung ist. Geholfen hat es nichts, die „Altstadt“ wird dieser Tage eröffnet und Harig ist tot. Dieser Weltbürger aus dem saarländischen Sulzbach war nicht nur ein großartiger Erzähler, der am Detail das viel größere Ganze erkannte, sondern auch Übersetzer – er brachte zum Beispiel Raymond Queneaus „100.000.000.000.000 Gedichte“, zehn Sonette, deren Zeilen sich beliebig austauschen lassen, ins Deutsche –, Sprachspieler, Oulipist, Hörspielerneuerer, Volksschullehrer, Dokumentarist der von dem Philosophen Max Bense begründeten Stuttgarter Schule, über die und die Stadt Brasilia er zum Beispiel im sechsten Heft des damals inhaltlich innovativen Design Report 1988 berichtete.



 

Bense, der auch an der HfG Ulm lehrende Semiotiker, der noch immer von manchem Designphilosophen ignoriert wird, stand am Anfang von Harigs literarischem Werk. Er und Elisabeth Walther veröffentlichten ab 1955 Harig-Texte im „Augenblick“, die zu den frühen Beiträgen der Konkreten Poesie zählen und über die Marcel Reich-Ranicki urteilte: „Die experimentellen Texte, die er auf der Tagung der Gruppe 47 [1960 in Aschaffenburg] vorlas, waren nicht gut.“ Was den Unmut des Großkritikers hervorrief, war Harigs Arbeit mit Wort und Struktur, die etwa den Politikersatz „Wir sind wieder wer“ permutativ zur Frage „Wer sind wir wieder“ werden ließ. Auch das Hörspiel „Staatsbegräbnis“ von 1969 zeigte, dass es in der Konkreten Poesie um weit mehr als bloßes formales Spiel gehen konnte, wie 1979 Harig dies in „Max und Moritz, unverdrossen“ erinnert, mit Bense als den großen Max und sich selbst als Moritz: „Benses numerische Ästhetik, die Einbeziehung mathematischer Prinzipien in das Schreiben, der Zusammenhang zwischen vitalem Sein und rationalem Tun, das alles kennen- und begreifen zu lernen, hat mich in Atem gehalten; ich lernte: die Strategien der Phantasie, die Taktiken der Intuition, das Planvolle des Spiels, das war es, was mir entgegenkam; und ich lernte: das alles hat mit dem Kopf und dem Bauch gleichermaßen zu tun, die technische Welt verbindet sich mit den Eingeweiden […].“ Solches Wissen um Zusammenhänge, solches Leben und Arbeiten, wie es der nun am 5. Mai 2018 neunzigjährig gestorbene Harig selbst lebte, möchte man vielen wünschen, damit sie nicht in Technokratie einerseits und Subjektivität andererseits verharren. Die Lektüre der Werke Harigs kann dabei helfen.

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