10. Juli 2018

News

Nachruf Helmut Schmid
(1942–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

„i am dreaming of a typography where the univers is univers“, schrieb der grafische Gestalter Helmut Schmid in einem 1998 veröffentlichten typo-rhythmischen Statement, das in zahlreichen Beispielen dazu aufforderte, Wirklichkeiten als solche wahr- und ernst zu nehmen. 



 

Natürlich durften da Haltungen nicht fehlen, die für Schmid nichts mit Dogmen zu tun hatten und die seiner 2007 erschienen Monografie mit „gestaltung ist haltung“ den Titel gaben. Nun ist Schmid, einer der einflussreichsten Typografen weltweit, am 2. Juli 2018 gestorben.

Schmid wird 1942 im österreichischen Ferlach geboren, das damals völkerrechtlich zu Deutschland gehört. Trotz Begabung zum musikalischen Schlagersänger entscheidet er sich für eine Lehre als Schriftsetzer, an die eine weiterführende Ausbildung an der späteren Schule für Gestaltung in Basel anschließt. Seine Lehrer dort sind Robert Büchler, Kurt Hauert und vor allem Emil Ruder; von ihnen lernt er neben handwerklicher Präzision auch Persönlichkeitsprägendes wie Respekt und Bescheidenheit. Stationen in Kanada (bei Ernst Roch) und – neben vielem anderen – die Arbeit für die SPD und deren fast namensgleichen Bundeskanzler Helmut Schmidt, vor allem in Zusammenhang mit dem Wahlkampf 1976, schließen an. Doch dauert es noch bis 1981, bis Schmid sein eigentliches Wirkungsfeld fernab von Europa dauerhaft im japanischen Osaka finden wird, auch wenn er schon lange zuvor immer wieder für japanische Auftraggeber gearbeitet und ab 1968 über traditionelle japanische Alltagskultur in den Typographischen Monatsblättern veröffentlicht hatte.

 



 

In der Sorgfalt von Raumplanung mit Tatamis, Zargenverbindungen oder Verpackungen, auch in der Betonung des Weglassens erkannte Schmid seine eigenen gestalterischen Intentionen und wurde so mehr als Vermittler, nämlich zum Bestandteil japanischer Kultur. Ein Detail im Vergleich mag dies verdeutlichen. Für das Sonderheft „Typography Today“ der Zeitschrift IDEA 1980 setzt Schmid den Namen der Zeitschrift in der Schrift Univers mit verschiedenen Dicken von Extra Bold bis Mager. Da kann man an Christof Gassner mit der Marke Canton, vor allem aber an Otl Aicher und seinen Schriftzug für ERCO denken, doch letztlich geht es Schmid weder um Klang noch um Licht, sondern um jene Raumwirkungen, die der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō in „Lob des Schattens“ beschrieben hat, also um eine Verbindung europäischer und asiatischer Kulturen. „Typography Today“ bot aber viel mehr, angefangen vom japanischen Titel in der von Schmid entworfenen Katakana-Silbenschrift „eru“, einem Akronym und damit einer Hommage an Emil Ruder bis zum Inhalt von Otl Aicher bis Piet Zwart, in dem Schmid sich nicht in der Vordergrund schob, den Anteil von Schmids Frau Sumi, die an den Übersetzungen beteiligt war, nicht zu vergessen. Für IDEA bedeutete dieses Heft einen Aufbruch, dem etwa die monografischen Hefte zu Wim Crouwel, Jan Tschichold und eben wieder Emil Ruder folgten; letzteres – wieder von Schmid angeregt, ist, für eine Zeitschrift nicht eben üblich, 2017 bei Lars Müller als Reprint mit einem Begleittext des Verlegers erschienen.

Essenz, Konzentration, Präzision, Weißraum, Stille, natürlich die Univers als sachliches Schriftsystem, das sind Orientierungen, die einem bei Helmut Schmids Arbeiten einfallen können. Und, um die Haltung des Anfangs nach einmal zu paraphrasieren: Zurückhaltung natürlich. Die Geschichte der Basler Typografie hat er mitgebildet und miterzählt, dazu gehört auch die jahrzehntelange Freundschaft mit Wolfgang Weingart. Zum Star freilich taugte er mit seinen Effekte vermeidenden Arbeiten nicht, und so gab es – im Gegensatz zu einem jüngeren aus Österreich stammenden Gestalter – keinen Run in der westlichen Welt, mit ihm zusammen Selfies zu machen. In Japan hingegen wurde er nicht nur als zugehörig betrachtet, sondern geradezu verehrt. Auch der Autor verneigt sich vor Werk und Person.

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