*Peace

Schirn, Frankfurt

– 24. September 2017

schirn-peace.org




Wie wenig wir uns mit dem Thema Frieden auseinandersetzen, merken wir an der Unmittelbarkeit, mit der sich Bilder von bunten Blumenkindern, regenbogenfarbenen Peace-Symbolen und weißen Tauben aufdrängen, sobald wir mit dem Begriff konfrontiert werden. Die Ausstellung „Peace“ positioniert sich weit abseits aller Klischees, die an dem Wort haften, und nähert sich innerhalb und außerhalb der Schirn noch bis zum 24. September einer Thematik, die in unserer Gesellschaft zwar allgegenwärtig ist, aber doch wenig behandelt wird.




„Peace“ vereint die Werke von zwölf internationalen Künstlern, die sich stark in ihrem Ansatz, den eingesetzten Medien und ihrer Perspektive unterscheiden. Als verbindende Elemente tauchen immer wieder drei Motive auf, die den Besucher als separate Erzählstränge durch die Ausstellung leiten:

Zunächst ist da das Geschenk, das sich im Akt des Weiterreichens von einer Person zur nächsten selbst erfüllt.

Die daraus resultierende Bewegung wird gedanklich durch das Motiv des Umweges ergänzt. Umwege, so das allgemeine Verständnis, erweitern die Ortskenntnis, aber sie lassen auch das Ziel, das ursprünglich im Fokus stand, unwichtiger werden und legen die Priorität stattdessen auf das Beschreiten des Wegs an sich. Durch das Einlassen auf Umwege ist das Subjekt dazu genötigt, sich seiner Umgebung zu öffnen. Daraus resultiert das dritte Motiv – die Verbindung zwischen dem Subjekt und seiner direkten und indirekten Umgebung.

Verbindung findet man etwa in der Multimedia-Performance „Occasions“ der in Berlin lebenden Künstlerin Isabel Lewis. Ein Raum voll lose verteilter Sitzmöbel und Pflanzen wird zum Ort des Ruhens und der Begegnung. Wer sich öffnet kommt mit der Künstlerin auf sehr unterschiedliche Weise in Berührung: Er kann der von ihr komponierten Musik lauschen und die Düfte genießen, die sich im Raum verteilen und eigens für die „Occasions“ in Zusammenarbeit mit der Duftforscherin Sissel Tolaas entworfen wurden. An einigen Tagen werden spezielle Getränke und Menüs serviert und Lewis selbst singt und tanzt für die Anwesenden. Die verschiedenen Elemente der „Occasions“ werden im Zusammenspiel mit seinen Besuchern zu einer Choreographie, die sich selbst entwirft und von den präsenten Teilnehmern mitbestimmt wird.

Umwege werden unter anderem durch die Arbeit von Ed Fornieles „Sim Vol. 1: Existential Risk“ beschritten. Ein virtuelles Rollenspiel konfrontiert Spieler mit apokalyptischen und post-apokalyptischen Szenarien, die einen verschobenen und für den Spieler unvorhersehbaren Möglichkeitsspielraum aufzeigen. Durch das Durchspielen dieser Szenarios bekommen die Spieler die Chance, die Konventionen einer Gesellschaft neu zu erfinden und eigene soziale Regeln und ihre Folgen zu testen.

Die Bedeutung des Geschenks tritt am deutlichsten in der Arbeit von Surasi Kusolwong zum Vorschein. „Golden Ghost (Welcome Back the Spirits)“ macht aus dem Akt des Schenkens eine interaktive Performance, die über die Grenzen des Museums hinausgeht und nicht nur die Besucher des Museums aktiv miteinbezieht, sondern auch Passanten im Stadtraum. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: Der erste Teil umfasst einen Raum, der knietief mit Abfällen aus der industriellen Textilproduktion gefüllt ist. Darin versteckt befinden sich sechs goldene Ketten, die der glückliche Finder behalten darf. Das eigentliche Ziel des Findens der Kette gerät jedoch schnell in Vergessenheit, sobald man sich in die weichen Massen der Wolleknäuel und Textilfasern fallen lässt. Im zweiten Teil der Arbeit wurden weitere Ketten in der Bockenheimer Grünanlage versteckt. Ob die Ketten jemals gefunden werden, ist von der Aufmerksamkeit der Passanten abhängig. Wer sich allerdings ganz gezielt auf die Suche nach den Ketten begibt, wird unweigerlich mit Details des urbanen Lebens konfrontiert, die meist übersehen werden. In der Anlage finden sich nämlich die Spuren von Armut, Drogenkonsum und jede Menge zurückgelassener Müll. So wird eine neue Auseinadersetzung mit der direkten Umgebung herausgefordert.




Sich der Umwelt öffnen und sich mit ihr zu verbinden, Umwege zuzulassen, anstatt auf Effizienz zu pochen, Schenken statt Handel – „Peace“ gelingt es, durch ungewöhnliche Zugänge Möglichkeiten für ein Leben mit und in Frieden zu kommunizieren. Wer sich auf das Weiterspinnen der Ideen hinter den einzelnen Werken einlässt, wird durch neue Sichtweisen auf unsere Welt belohnt. Zusätzliche Denkanstöße finden sich auch auf der Website zur Ausstellung und im Schirn Magazin, das neben Interviews mit einigen Künstlern auch weiterführende Texte und Kommentare bietet, die weit über den Ausstellungsinhalt hinaus gehen. Nach dem Besuch wünscht man sich jedoch eine Weiterführung der Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden, die eindeutigere Schlussfolgerungen und direkte Bezüge zu unserer aktuellen Situation beinhaltet.


Shop

Nº 273
Designing Protest

form Design Magazine


Grid one form273 cover 1200 Jetzt bestellen