8. April 2018

News

Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964–1968

Text: Jörg Stürzebecher

Museum Giersch, Frankfurt am Main

– 8. Juli 2018

museum-giersch.de

kunstderrevolterevoltederkunst.de

 

50 Jahre sind seit der antiautoritären Revolte 1968, die in der Erinnerung gern zur veritablen Revolution verklärt wird, vergangen, und wie bereits vier Male zuvor im Zehnjahresrhythmus, so wird auch dieses Jahr wieder zurückgeblickt.



 

Da aber die Helden müde, alt oder verbittert, oft auch nur peinlich geworden sind, ist die Gefahr kitschiger Verklärung ebenso groß wie die nachtretender Selbstbestätigung. Um solches zu vermeiden, ist es daher geschickt, nicht auf bekannte Aktionen und Personen zu fokussieren, sondern die Voraussetzungen von ’68 in den Blick zu nehmen. Eben dies leisten zweieinhalb Ausstellungen in Frankfurt, dem neben Berlin wohl maßgeblichen Ort der ’68er in Deutschland. Sie widmen sich dem Projekt der studentischen Studiogalerie an der Goethe-Universität und ihrer Einbindung in andere universitäre Einrichtungen, allen voran der von der Universität finanzierten, ansonsten aber von ihr unabhängigen Studentenzeitschrift „Diskus“. Da ist zunächst die Schau „Freiraum der Kunst“ im Museum Giersch, einem der Universität angegliederten Haus am Museumsufer. Hier werden chronologisch, Raum für Raum, die Ausstellungen der Studiogalerie nicht ausschließlich rekonstruiert, sondern mit zeitlich in Zusammenhang stehenden Werken illustriert. Dass es sich im Galerieprogramm zunächst überwiegend um Übernahmen von Ausstellungen handelte, stört wenig, das Suchen nach eigenem Profil wird so nachvollziehbar. Rupprecht Geiger oder Leon Polk Smith erhielten in Frankfurt ein Forum, wobei auffällt, dass die Chronologie der Ausstellungen nicht unbedingt der kunsthistorischen Entwicklung entspricht. So folgt auf Farbfelder und Hard Edge 1965 etwa die am Informel orientierte „A-konstruktive Malerei und Plastik“, an die sich – wieder eine Übernahme – die Schriftbilder des jungen Ferdinand Kriwet anschlossen. Fluxus-Aktionen von Paik, Moorman und Vostell kündigen schließlich die neuen Demonstrationsstrategien der Revolte an. Mit „Serielle Formationen“ erreicht die Studiogalerie 1967 dann unbestritten den Höhepunkt ihrer Aktivitäten, auf die zwei konstruktive Schauen folgen. Dann ist Schluss, viele vulgär politisierte Aktivisten interpretierten Sorgfalt und Eigentum neu – an das Schicksal der Frankfurter Studentenbücherei sei hierbei erinnert – und Kunst wurde wieder einmal als Krampf im Klassenkampf missverstanden.



 

Was das Museum Giersch zeigt, ist reichhaltig, und im Wissen um vieles Unbekanntes wurden den Exponaten oft ausführliche Erläuterungen beigegeben. Auch wenn dort, etwa bei der Beschreibung eines Siebdruckes von Wolfgang Schmidt einiges falsch ist, so werden die künstlerischen Vorläufer von ’68 doch plausibel vermittelt. Dennoch stellt sich Unbehagen ein. Denn die Fokussierung auf Kunst unterschlägt die vielfältigen Verbindungen der Protagonisten zu anderen Bereichen. So entsteht Schmidts beschriebenes Blatt zeitgleich mit seiner Grafik-Konzeption für die Frankfurter U-Bahn, was sich auch in der Farbigkeit niederschlägt; so ist Heijo Hangens Quadrat-Modul auch Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit Richard Buckminster Fuller; so arbeitet Eberhard Fiebig parallel zu seinem künstlerischen Werk auch als Typograf und Bild-Text-Polemiker. Diese Selbstverständnisse der Protagonisten unterschlägt die Schau und bleibt damit in einer seinerzeit keinesfalls intendierten Kunst-Beschränkung befangen. Mit wenigen Ausnahmen, unterstützt der Katalog diese allseits reduzierte Sichtweise noch, und es bleiben die Beiträge beflissen-belanglos. Dies liegt zum einen an einer erschreckenden Unkenntnis des städtischen Umfelds, wie in den Texten von Viola Hildebrand-Schat deutlich wird, die von den Verflechtungen und Konkurrenzen in Frankfurt Mitte der 1960er-Jahre mit beispielsweise Adam Seide, Dorothea Loehr, Rochus Kowallek und Eckhard Neumann, den divergierenden Fotografieauffassungen von Abisag Tüllmann und Barbara Klemm, der Göppinger Galerie und dem Atelier von Gunter Rambow einfach nichts weiß. In Renate Wiehagers Text ist von einer „Holzmarktstraße“ die Rede, womit der langjährigen form-Beziehern nicht unbekannte „Holzgraben“ gemeint ist, und Anna Schümer entblödet sich nicht, auf fast jeder Seite ihres Beitrages Charlotte Moorman als „Königin der Nackt“ bloßzustellen: ein Fall für #metoo?

Offensichtlich kam es zwischen dem Museum und einer studentischen Initiative, die am gleichen Thema arbeitete, zu Differenzen, mit dem Ergebnis, dass es im heutigen Studierendenhaus und dem Ausstellungsraum des Universitätsarchivs in der Dantestraße 9 parallele Ausstellungsbeiträge gibt. Die erste dieser Schauen wurde wohl eher gemacht, um den Biografien der Ausstellungskuratorinnen ein bis zwei Zeilen hinzuzufügen, denn Fotokopien der Diskus-Titel erzählen keine Geschichte, sondern lassen Inhalte vergessen, und die Zurschaustellung einer Mausefalle und einer Kachel, auf die der spätere Außenminister Joseph Fischer einmal seinen Magen entleert haben soll, mag Devotionalienkitsch sein, mit der unvollendeten Moderne und dem aufklärerischen Impuls um 1968 hat das nichts zu tun. Da das Plakat der Schau weder Orte noch Öffnungszeiten erwähnt, unterstreicht es eine Arroganz, die auch den Besuch der erfreulichen Schau im Ausstellungsraum des Universitätsarchivs in der Dantestraße 9 erschwert. Diese spärlich geöffnete Schau zeigt Plakate, Bilder, Ton- und Filmdokumente und liefert damit den im Museum Giersch unbeschriebenen Kontext. Rambows Eigenauftragsplakat „ It’s Time to Fly to Hanoi“ ist da, eine Kriwet-Hörcollage auf Schallplatte, dazu vermittelt die Einrichtung mit den Möbeln von Ferdinand Kramer universitäres Zeitgefühl. Auch sind einige Diskus-Hefte zumindest mit den Kunstbeiträgen auf der Rückseite zu sehen, der Zusammenhang zwischen Studierenden, der Diskus-Redaktion und der Studiogalerie im städtischen Umfeld lässt sich zumindest erahnen. Das Fazit zu den Parallelschauen lautet wie so oft: Es ist gutes Material, aber wünschenswerte Erkenntnis setzt einiges Vorwissen voraus.

Die Ausstellung „Kunst der Revolte“ im Studierendenhaus Campus Bockenheim und im Ausstellungsraum des Universitätsarchivs in der Dantestraße 9 läuft bis 5. Mai 2018.

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